Zum Inhalt springen

Wirtschaftsfaktor Volksfest

Der Wasen als Business-Treff: Wenn eine gute Idee auf einen Bierdeckel passt


Uwe Bogen 5 Min. Lesezeit News

Vom Startup bis zum Weltkonzern: Auf dem Cannstatter Volksfest pflegen Unternehmen Kundenkontakte. In Zeiten von KI wird die Bierbank dabei zum analogen Gegenpol und zur Pflege von Freundschaften. Ein gutes Beispiel: die Wasen-Einladung der Agentur Hochburg und des Weinguts Diehl.

Die Gastgeber (oberes Foto in der Mitte von links): Florian Boyd, Slata Schmutzer, Wirtin Birgit Grupp, Fabian Schmutzer und Thomas Diehl. Gekommen sind Geschäftspartner und Freunde. Alle Fotos: Jonas Werth

Pascal und Marcel Jehle machen auch ohne ihre berühmten Latzhosen eine gute Figur. Die beiden Tübinger Gastronomen vom Restaurant 1821 gehörten als „Latzhosen-Jungs“ zu den Hinguckern und erfolgreichsten Newcomern beim Stuttgarter Weindorf. An diesem Abend tragen die Brüder Lederhose, weißes Hemd und Weste. Auf der Einladung zur Wasenparty der Agentur Hochburg und des Weinguts Diehl steht auch ganz unmissverständlich: „Trachtenpflicht“.

Eine erstaunlich klare Ansage für einen lockeren Abend, der sonst wenig von Vorschriften hält. Aber ein bisschen Verkleidungszwang darf sein – schließlich stärkt kaum etwas das Gemeinschaftsgefühl so zuverlässig wie die gemeinsame Entscheidung, für ein paar Stunden anders auszusehen als man sich sonst von der Arbeit  kennt. 

Bei den Jehle-Brüdern ist eines sofort zu erkennen: Sie haben Spaß. Gute Laune haben die beiden offenbar unabhängig von der L-Hose – ob mit Latz oder aus Leder.

Der Wasen ist auch ein Treffpunkt der Wirtschaft

Keine Messestände, keine Powerpoint-Präsentationen, keine Videocalls. Dafür Bierbänke, Vesperbrett und ein Krug Bier oder ein Glas Wein. Das Cannstatter Volksfest ist längst auch ein Treffpunkt der Wirtschaft. Hier werden Kontakte gepflegt, neue geknüpft und manchmal ganz nebenbei gemeinsame Ideen geboren.

Volksfest, Fasching, Lederhose: Hauptsache ein bisschen verrückt

Mittelständler laden Kunden ein, Unternehmer ihre Geschäftspartner, Gründer treffen Investoren. Am 7. Oktober bringt etwa der Gründerwasen wieder die Stuttgarter Startup-Szene zusammen. Business auf der Bierbank statt im Besprechungsraum.

Große Firmenfeiern sind auf dem Wasen wegen strengerer Compliance-Regeln zwar seltener geworden. Die persönliche Begegnung verliert deshalb aber nicht an Bedeutung. Eher im Gegenteil. Wo keine Tagesordnung den Takt vorgibt, entstehen Gespräche, für die im Büro oft die Zeit fehlt.

Wie das aussehen kann, zeigen an diesem Abend zwei Stuttgarter Marken: die Design- und Kommunikationsagentur Hochburg und das Weingut Diehl. Sie laden gemeinsam in die neue Brunner Lodge im Dinkelacker-Festzelt.

Slata Schmutzer und Thomas Diehl bei der Begrüßung. Foto: Jonas Werth
Zum Wohl! Foto: Jonas Werth
Gut gezielt. Marcel Jehle schenkt ein. Foto: Jonas Werth

Ein Plan, der auf einen Bierdeckel passt

Kompliziert ist das Konzept nicht. Im Gegenteil. „Der Plan für unsere Einladung passte auf einen Bierdeckel: gutes Essen, gute Leute, Tracht – und keine Termine am Freitag“, sagt Fabian Schmutzer von Hochburg.

Eingeladen hat er zusammen mit seinen Hochburg-Kollegen Slata Schmutzer und  Florian Boyd sowie mit  Weingut- Chef Thomas Diehl. Die vier kennen sich seit Jahren. Dass sie sich aufeinander verlassen können, wissen sie spätestens seit den Hochburg-Vernissagen, die normalerweise im Sommer in den Räumen der Agentur in der Stuttgarter Stadtmitte stattfinden.

Dieses Jahr gibt es keine Vernissage. Denn dieses Jahr gibt es Volksfest. 

Zwischen Vesperbrett und zweitem Glas

„In herausfordernden Zeiten muss man Freundschaften pflegen“, sagt Thomas Diehl. Gerade wenn Arbeit und Kommunikation immer digitaler werden, sind für ihn persönliche Treffen umso wichtiger. Sich gegenübersitzen, miteinander reden, gemeinsam auf Ideen kommen – und eben nicht für alles die KI fragen.

Der Wasen liefert dafür die passende analoge Kulisse. Statt Konferenztisch gibt es Bierbank, statt Tagesordnung Vesperbrett. Eingeladen sind Geschäftspartner und Freunde – wobei sich das eine vom anderen oft gar nicht mehr trennen lässt. Viele sind längst beides zugleich. Schmutzer nennt es schlicht ein „Family thing“.

Stuttgart-Fans unter sich

Zur Runde gehören langjährige Wegbegleiter. Dabei sind die Marketing- Verantwortlichen vom Forsthofgut und vom Jungbrunn gekommen – beide Häuser sind  langjährige Kunden. Bekannte Stuttgarter Gesichter wie Jörg Richardi,  Uwe Reiser oder Joyce Jessica Jagodzinski feiern ebenfalls mit.

Und auffällig viele verbindet noch etwas anderes: Sie sind Stuttgart-Fans. Manche sind hier geboren, andere zugezogen oder leben ganz woanders. Aber sie mögen die Stadt, ihre Menschen, ihre Unternehmen und offenbar auch ihre Feste. An diesem Abend wird diese Verbundenheit ziemlich sichtbar. Das passt zu den Gastgebern. Die könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein: Hier Wein, dort Design und Kommunikation. Verbunden sind sie durch Stuttgart, eine lange Freundschaft – und ein gutes Gespür für Marken.

Den Gästen geht's gut, wie man sehen kann. Foto: Jonas Werth
Gastronom Pascal Jehle, unser Autor Uwe Bogen, Fabian Hörz, Vice President Corporate Strategy von· ElringKlinger und Weingut-Chef Thomas Diehl (von links). Foto: Jonas Werth

Thomas Diehl führt das Stuttgarter Weingut Diehl in dritter Generation. Hochburg wiederum entwickelt seit 2010 Marken und ihre Auftritte. Die Kreativdirektoren Fabian Schmutzer und Florian Boyd lernten sich während ihres Designstudiums an der Merz Akademie in Stuttgart kennen und bauten gemeinsam ihre inhabergeführte Agentur auf, die heute zu den etablierten Adressen der Stuttgarter Kreativszene zählt. Selbst auf dem Wasen begegnet man ihrer Arbeit: Für den Diskowirt im Benz-Zelt hat Hochburg den visuellen Auftritt entwickelt.

Zu den Kunden und Projekten von Hochburg zählen unter anderem Porsche, der neue Park auf dem Killesberg (ehemals Perkins Park), Karo Kauer, GTÜ und ElringKlinger. 

Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigt „Plaketti City“: Für die GTÜ machte Hochburg aus dem eher nüchternen Thema Hauptuntersuchung ein Browsergame samt Digitalkampagne.

Das Cannstatter Volksfest wird noch mehr zum Club: Beim Benz startet der „Diskowirt“

An diesem Abend bleibt die Markenstrategie allerdings draußen. Auch ein festes Eventformat wollen Hochburg und Diehl aus der Einladung nicht machen. Vielleicht geht es beim nächsten Mal aufs Weingut, vielleicht zu einem Kunden nach Österreich – vielleicht kommt alles ganz anders. Fabian  gefällt gerade diese Offenheit. Und er freut sich über die Begeisterung für die gemeinsame Wasenparty, bei der übrigens mehr Wein als Bier ins Glas kommt – auch alkoholfreier. Damit liegt die Runde durchaus im Trend des Volksfests, auf dem  der Tradition Neues hinzugefügt wird. „Es ist ein Fest geworden mit genau dem Vibe, auf den wir alle Bock haben“, sagt Schmutzer.

Wenn Freunde auch Business sind

Friends are good for Business – könnte man nach diesem Abend sagen. In der Brunner Lodge sitzen auffällig viele Menschen, die abends vermutlich nicht auf die Minute sagen können, wie lange sie an diesem Tag gearbeitet haben. Nicht, weil ihnen die Uhr egal ist. Sondern weil ihre Arbeit oft auch das ist, was ihnen Spaß macht. Das ist am Ende die eigentliche Bierdeckel-Idee des Abends: Gute Leute zusammenbringen und schauen, was passiert.

Wer gerne miteinander arbeitet, kann auch miteinander feiern. Und wer gerne miteinander feiert, kommt manchmal auf ziemlich gute Ideen.

Fabian Schmutzer mit Stuttgart-Legende Uwe Reiser. Foto: Jonas Werth
Foto: Jonas Werth
Artikel teilen
Link kopiert
Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

Alle Artikel von Uwe Bogen →

Mehr von Uwe Bogen

Mehr aus News

Inhaltsverzeichnis
  1. Der Wasen ist auch ein Treffpunkt der Wirtschaft
  2. Ein Plan, der auf einen Bierdeckel passt
  3. Zwischen Vesperbrett und zweitem Glas
  4. Stuttgart-Fans unter sich
  5. Wenn Freunde auch Business sind

Anzeige

Anzeige: La Boum – jetzt Tickets bei Eventbrite sichern
Cannstatter Wasen 2026 Alles zum Wasen an einem Ort Zelt-Guide, Programm, Fassanstich, Anfahrt und alle Artikel – kompakt im Echt-Stuttgart-Themenzentrum. 25.9. – 11.10.auf dem Cannstatter Wasen Zum Wasen-Spezial →

Unsere Wasen-Hauptsponsoren

Anzeige

Diese Festzelte unterstützen unsere Wasen-Berichterstattung 2026.

Newsletter

Bleib auf dem Laufenden

Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.

Echt Stuttgart Spezial Unsere großen Geschichten Alle Spezial-Seiten mit Hintergründen, Updates und Live-Daten an einem Ort. Zu den Specials →