Wirtschaftsfaktor Volksfest
Vom Startup bis zum Weltkonzern: Auf dem Cannstatter Volksfest pflegen Unternehmen Kundenkontakte. In Zeiten von KI wird die Bierbank dabei zum analogen Gegenpol und zur Pflege von Freundschaften. Ein gutes Beispiel: die Wasen-Einladung der Agentur Hochburg und des Weinguts Diehl.
Pascal und Marcel Jehle machen auch ohne ihre berühmten Latzhosen eine gute Figur. Die beiden Tübinger Gastronomen vom Restaurant 1821 gehörten als „Latzhosen-Jungs“ zu den Hinguckern und erfolgreichsten Newcomern beim Stuttgarter Weindorf. An diesem Abend tragen die Brüder Lederhose, weißes Hemd und Weste. Auf der Einladung zur Wasenparty der Agentur Hochburg und des Weinguts Diehl steht auch ganz unmissverständlich: „Trachtenpflicht“.
Eine erstaunlich klare Ansage für einen lockeren Abend, der sonst wenig von Vorschriften hält. Aber ein bisschen Verkleidungszwang darf sein – schließlich stärkt kaum etwas das Gemeinschaftsgefühl so zuverlässig wie die gemeinsame Entscheidung, für ein paar Stunden anders auszusehen als man sich sonst von der Arbeit kennt.
Bei den Jehle-Brüdern ist eines sofort zu erkennen: Sie haben Spaß. Gute Laune haben die beiden offenbar unabhängig von der L-Hose – ob mit Latz oder aus Leder.
Keine Messestände, keine Powerpoint-Präsentationen, keine Videocalls. Dafür Bierbänke, Vesperbrett und ein Krug Bier oder ein Glas Wein. Das Cannstatter Volksfest ist längst auch ein Treffpunkt der Wirtschaft. Hier werden Kontakte gepflegt, neue geknüpft und manchmal ganz nebenbei gemeinsame Ideen geboren.
Volksfest, Fasching, Lederhose: Hauptsache ein bisschen verrückt
Mittelständler laden Kunden ein, Unternehmer ihre Geschäftspartner, Gründer treffen Investoren. Am 7. Oktober bringt etwa der Gründerwasen wieder die Stuttgarter Startup-Szene zusammen. Business auf der Bierbank statt im Besprechungsraum.
Große Firmenfeiern sind auf dem Wasen wegen strengerer Compliance-Regeln zwar seltener geworden. Die persönliche Begegnung verliert deshalb aber nicht an Bedeutung. Eher im Gegenteil. Wo keine Tagesordnung den Takt vorgibt, entstehen Gespräche, für die im Büro oft die Zeit fehlt.
Wie das aussehen kann, zeigen an diesem Abend zwei Stuttgarter Marken: die Design- und Kommunikationsagentur Hochburg und das Weingut Diehl. Sie laden gemeinsam in die neue Brunner Lodge im Dinkelacker-Festzelt.
Kompliziert ist das Konzept nicht. Im Gegenteil. „Der Plan für unsere Einladung passte auf einen Bierdeckel: gutes Essen, gute Leute, Tracht – und keine Termine am Freitag“, sagt Fabian Schmutzer von Hochburg.
Eingeladen hat er zusammen mit seinen Hochburg-Kollegen Slata Schmutzer und Florian Boyd sowie mit Weingut- Chef Thomas Diehl. Die vier kennen sich seit Jahren. Dass sie sich aufeinander verlassen können, wissen sie spätestens seit den Hochburg-Vernissagen, die normalerweise im Sommer in den Räumen der Agentur in der Stuttgarter Stadtmitte stattfinden.
Dieses Jahr gibt es keine Vernissage. Denn dieses Jahr gibt es Volksfest.
„In herausfordernden Zeiten muss man Freundschaften pflegen“, sagt Thomas Diehl. Gerade wenn Arbeit und Kommunikation immer digitaler werden, sind für ihn persönliche Treffen umso wichtiger. Sich gegenübersitzen, miteinander reden, gemeinsam auf Ideen kommen – und eben nicht für alles die KI fragen.
Der Wasen liefert dafür die passende analoge Kulisse. Statt Konferenztisch gibt es Bierbank, statt Tagesordnung Vesperbrett. Eingeladen sind Geschäftspartner und Freunde – wobei sich das eine vom anderen oft gar nicht mehr trennen lässt. Viele sind längst beides zugleich. Schmutzer nennt es schlicht ein „Family thing“.
Zur Runde gehören langjährige Wegbegleiter. Dabei sind die Marketing- Verantwortlichen vom Forsthofgut und vom Jungbrunn gekommen – beide Häuser sind langjährige Kunden. Bekannte Stuttgarter Gesichter wie Jörg Richardi, Uwe Reiser oder Joyce Jessica Jagodzinski feiern ebenfalls mit.
Und auffällig viele verbindet noch etwas anderes: Sie sind Stuttgart-Fans. Manche sind hier geboren, andere zugezogen oder leben ganz woanders. Aber sie mögen die Stadt, ihre Menschen, ihre Unternehmen und offenbar auch ihre Feste. An diesem Abend wird diese Verbundenheit ziemlich sichtbar. Das passt zu den Gastgebern. Die könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein: Hier Wein, dort Design und Kommunikation. Verbunden sind sie durch Stuttgart, eine lange Freundschaft – und ein gutes Gespür für Marken.
Thomas Diehl führt das Stuttgarter Weingut Diehl in dritter Generation. Hochburg wiederum entwickelt seit 2010 Marken und ihre Auftritte. Die Kreativdirektoren Fabian Schmutzer und Florian Boyd lernten sich während ihres Designstudiums an der Merz Akademie in Stuttgart kennen und bauten gemeinsam ihre inhabergeführte Agentur auf, die heute zu den etablierten Adressen der Stuttgarter Kreativszene zählt. Selbst auf dem Wasen begegnet man ihrer Arbeit: Für den Diskowirt im Benz-Zelt hat Hochburg den visuellen Auftritt entwickelt.
Zu den Kunden und Projekten von Hochburg zählen unter anderem Porsche, der neue Park auf dem Killesberg (ehemals Perkins Park), Karo Kauer, GTÜ und ElringKlinger.
Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigt „Plaketti City“: Für die GTÜ machte Hochburg aus dem eher nüchternen Thema Hauptuntersuchung ein Browsergame samt Digitalkampagne.
Das Cannstatter Volksfest wird noch mehr zum Club: Beim Benz startet der „Diskowirt“
An diesem Abend bleibt die Markenstrategie allerdings draußen. Auch ein festes Eventformat wollen Hochburg und Diehl aus der Einladung nicht machen. Vielleicht geht es beim nächsten Mal aufs Weingut, vielleicht zu einem Kunden nach Österreich – vielleicht kommt alles ganz anders. Fabian gefällt gerade diese Offenheit. Und er freut sich über die Begeisterung für die gemeinsame Wasenparty, bei der übrigens mehr Wein als Bier ins Glas kommt – auch alkoholfreier. Damit liegt die Runde durchaus im Trend des Volksfests, auf dem der Tradition Neues hinzugefügt wird. „Es ist ein Fest geworden mit genau dem Vibe, auf den wir alle Bock haben“, sagt Schmutzer.
Friends are good for Business – könnte man nach diesem Abend sagen. In der Brunner Lodge sitzen auffällig viele Menschen, die abends vermutlich nicht auf die Minute sagen können, wie lange sie an diesem Tag gearbeitet haben. Nicht, weil ihnen die Uhr egal ist. Sondern weil ihre Arbeit oft auch das ist, was ihnen Spaß macht. Das ist am Ende die eigentliche Bierdeckel-Idee des Abends: Gute Leute zusammenbringen und schauen, was passiert.
Wer gerne miteinander arbeitet, kann auch miteinander feiern. Und wer gerne miteinander feiert, kommt manchmal auf ziemlich gute Ideen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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