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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosCannstatter Volksfest im Fokus
Warum kamen plötzlich 1,7 Millionen Besucher weniger zum Volksfest? In Stuttgart wird weiter heftig diskutiert, ob da was nicht stimmt. EchtStuttgart hat nachgehakt: Wie wird gezählt, was hat sich verändert? Wurden Zahlen früher geschönt? Gegenüber dpa bestreitet Ex-Wasenchef Marcus Christen ganz energisch, getrickst zu haben.
Die Besucherzahlen des Cannstatter Volksfestes 2026 haben bei vielen Menschen für Verwunderung gesorgt. Seit Sonntag wird in der Stadt hitzig darüber diskutiert, ob es wirklich sein kann, dass diesmal nur 2,5 Millionen Menschen auf den Wasen gekommen sind. Im Vorjahr waren noch rund 4,2 Millionen gemeldet worden. Das entspricht einem Rückgang von etwa 40 Prozent – oder unglaublichen 1,7 Millionen Menschen.
Nach unserem ersten Kommentar zu den überraschenden Besucherzahlen haben sich zahlreiche Leserinnen und Leser bei EchtStuttgart gemeldet. Der Tenor ist auffallend eindeutig: Viele können sich nicht vorstellen, dass der Wasen tatsächlich so viel schlechter besucht gewesen sein soll als vor einem Jahr.
Einige äußerten deshalb einen weitreichenden Verdacht: Waren die Besucherzahlen der vergangenen Jahre möglicherweise deutlich zu hoch angesetzt? EchtStuttgart hat die Fragen unserer Leser aufgegriffen und dem Veranstalter in.Stuttgart vorgelegt. Am Dienstag bekamen wir die Antworten.
Nur 2,5 Millionen Besucher auf dem Cannstatter Volksfest – was stimmt da nicht?
Zunächst wollten wir wissen, wie die Besucherzahlen überhaupt ermittelt werden. Schließlich ist die Differenz zwischen 2025 und 2026 so groß, dass sich die Frage nach der Zuverlässigkeit der Zählung geradezu aufdrängt. Die Antwort von in.Stuttgart ist bemerkenswert. Denn das Volksfest verfügt bereits seit 2024 über ein elektronisches Zählsystem. „Bei diesem Zählsystem werden die eingehenden und ausgehenden Besucher mittels Kameras an den Ein-/Ausgängen erfasst“, erklärt der Veranstalter.
Allerdings lief die Erfassung offenbar nicht immer reibungslos. Seit der Installation habe es „immer wieder unterschiedliche technische Herausforderungen und Abstimmungsmaßnahmen“ gegeben. Deshalb seien an ausgewählten Tagen zusätzlich manuelle Zählungen vorgenommen worden. Dies sei stets in Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden geschehen.
Besonders interessant: Die kamerabasierte Zählung wurde nicht erst 2026 eingeführt. Auch die Besucherzahlen der beiden Vorjahre fallen bereits in den Zeitraum, in dem das elektronische System eingesetzt wurde. Eine einfache Erklärung nach dem Motto, früher sei nur geschätzt und heute erstmals genau gezählt worden, lässt sich aus den Antworten deshalb nicht ableiten.
Auf die zentrale Frage nach der gewaltigen Differenz zum Vorjahr hat in.Stuttgart keine konkrete Antwort. „Über die Gründe für die Abweichung zum Vorjahr können wir derzeit keine fundierten Aussagen treffen und möchten daher nicht spekulieren“, heißt es in der Stellungnahme. Der Veranstalter verweist außerdem darauf, dass das diesjährige Volksfest nicht unmittelbar mit 2025 vergleichbar sei. In diesem Jahr habe parallel das Landwirtschaftliche Hauptfest (LWH) auf dem Wasen stattgefunden.
Dass eine solche Parallelveranstaltung die Besucherströme und möglicherweise auch deren Erfassung beeinflussen kann, ist nachvollziehbar. Doch auch in früheren Jahren gab es das Landwirtschaftliche Hauptfest, ohne dass die Zahlen so extrem eingebrochen sind.
EchtStuttgart wollte wissen, ob in.Stuttgart die Zahlen der vergangenen Jahre noch einmal untersuchen werde. Gerade weil das elektronische Zählsystem seit 2024 im Einsatz ist und der Veranstalter selbst von technischen Herausforderungen spricht, wäre eine nähere Aufarbeitung der Unterschiede interessant. Doch an eine rückwirkende Überprüfung denkt in.Stuttgart nicht. „Wir werden uns auf die nach dem aktuellen Verfahren ermittelten Besucherzahlen stützen und die Entwicklung der Besucherzahlen in den kommenden Jahren weiter beobachten“, lautet die Antwort.
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Auch den subjektiven Eindruck vieler Volksfestbesucher, es sei in diesem Jahr nicht leerer gewesen als im Vorjahr, lässt man von Veranstalterseite nicht gelten. Dieser sei zwar nachvollziehbar, eigne sich aber nicht als belastbare Grundlage zur Ermittlung des tatsächlichen Besucheraufkommens.
Ein Leser hatte EchtStuttgart auf die Besucherzählung in München aufmerksam gemacht. Dort werden nach Angaben von in.Stuttgart auch Mobilfunkdaten genutzt, um Besucherströme zu erfassen.
Wir wollten deshalb wissen, ob eine solche Methode auch für den Cannstatter Wasen infrage kommt und ob sie möglicherweise zuverlässigere Ergebnisse liefern könnte. Der Veranstalter bestätigt, dass man sich bereits damit beschäftigt habe. „Uns ist bekannt, dass München mit Mobilfunkdaten arbeitet, und wir haben uns ebenfalls mit dieser Methode befasst. Wir können sie jedoch nicht beurteilen.“
Beim Cannstatter Volksfest bleibe es beim kamerabasierten Personenzählsystem. Ob zusätzliche, unabhängige Datenquellen helfen könnten, die auffälligen Unterschiede zwischen den Jahren besser zu erklären, beantwortet in.Stuttgart damit nicht.
Ein besonders brisanter Verdacht wurde von mehreren Lesern angesprochen: Könnten die Besucherzahlen früher bewusst großzügig angesetzt worden sein, damit das Cannstatter Volksfest im Vergleich mit dem Münchner Oktoberfest besser dasteht? EchtStuttgart hat auch diese Frage ausdrücklich gestellt. Die Antwort von in.Stuttgart fällt zurückhaltend aus:
„Wir spekulieren nicht über die Motive oder Überlegungen früherer Verantwortlicher.“ Stattdessen verweist der Veranstalter auf die aktuell erhobenen Besucherzahlen und die Zufriedenheit von Gästen, Schaustellern und Festwirten. Diese sei 2026 außergewöhnlich gut gewesen.
Wichtig ist: Bisher gibt es keinen Beleg dafür, dass Besucherzahlen bewusst manipuliert oder aus Wettbewerbsgründen künstlich erhöht wurden. Die enorme Differenz allein rechtfertigt einen solchen Vorwurf nicht. Allerdings schließt in.Stuttgart auf Nachfrage auch nicht ausdrücklich aus, dass entsprechende Überlegungen bei früheren Verantwortlichen eine Rolle gespielt haben könnten.
Dass der Veranstalter darüber „nicht spekulieren“ möchte, ist nachvollziehbar. Doch viele Wasenfans erwarten mehr: Sie wünschen sich, dass in.Stuttgart die auffälligen Unterschiede aufklärt und die Besucherzahlen vergangener Jahre kritisch überprüft. Auch aus dem Rathaus sind Stimmen zu hören, die angesichts der überraschend niedrigen Zahlen von 2026 eine Aufarbeitung der Vergangenheit für dringend notwendig halten.
Offenbar ist das Vertrauen in die früheren, inzwischen ausgeschiedenen Verantwortlichen nicht überall besonders groß. Umso positiver wird bewertet, dass die neue Führung offenbar auf nachvollziehbare Zahlen und einen transparenten Umgang mit den Ergebnissen setzen möchte. Ob frühere Besucherzahlen tatsächlich überhöht waren, bleibt allerdings weiterhin offen. Und genau das ist, was die Öffentlichkeit wissen möchte.
Gegenüber dpa hat der frühere Wasen-Chef Marcus Christen es als „absoluten Quatsch“ bezeichnet, bei den Zahlen getrickst zu haben. Dpa zitiert ihn so: „Es gab in der Vergangenheit immer ein Zählsystem, welches alle Besucher gezählt hat, die rein aber auch rausgegangen sind. Ich als Abteilungsleiter habe hier gar nichts verändert oder beschönigt.“
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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