Uwe-Bogen-Kolumne vom Volksfest
Das Volksfest brummt – und wie! Am Samstag ist der Andrang so groß, dass die Polizei mehrere Zugänge sperrt. Außerdem in dieser Kolumne: Ein früherer Mitarbeiter von in.Stuttgart, gegen den ermittelt wird, ist zurück auf dem Wasen. Wo 1000 Gläser Freibier warten – und wann Cem Özdemir seine Runde übers Fest dreht.
Das Münchner Oktoberfest ist stolz auf seine vielen Promis – beim Cannstatter Volksfest wollen die Gäste vor allem Spaß haben. Und der hängt zum Glück nicht vom Schaulauf des Sehens und Gesehenwerdens ab. Wer die Wirte auf dem Wasen nach prominenten Gästen fragt, bekommt deshalb immer wieder dieselbe Antwort: „Bei uns sind alle VIPs.“
Das sagen Carsten Weller und Marcel Benz gegenüber EchtStuttgart fast unisono. Bodenständigkeit statt Promi-Parade also. Auch dem Schreiber dieser Kolumne geht es weniger um prominente, halbprominente oder viertelprominente Namen als um gute Geschichten.
Wobei: Ganz ohne bekannte Gesichter geht es natürlich auch in Cannstatt nicht.
Am Sonntag wird Cem Özdemir, der sich selbst „Minschderpräsident“ nennt, auf dem Wasen erwartet. Er will seine Runde über das Fest drehen.
Über einen anderen Wasengast wird derzeit mehr geredet als über manchen Promi. Der frühere Mitarbeiter der städtischen Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, gegen den die Staatsanwaltschaft weiterhin ermittelt, ist wieder auf dem Wasen unterwegs. Beim Frühlingsfest hatte er sich nicht blicken lassen. Jetzt ist er als privater Gast zurück.
Cannstatter Wasen
So wurde er zum Männerwasen ins Göckelesmaier-Zelt eingeladen. Sein Erscheinen zeigt: Der frühere Mitarbeiter hat auf dem Volksfest noch immer Freunde.
Aber eben nicht nur.
Es gibt auch etliche Leute im Schaustellergewerbe, die ihm bis heute vorwerfen, bei der Vergabe begehrter Standplätze nicht immer fair gehandelt zu haben.
Im vergangenen November waren mögliche Verfehlungen erstmals öffentlich bekannt geworden. Der Mitarbeiter wurde freigestellt und schied wenig später auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen aus.
Seitdem wird ermittelt. Und seitdem wird auf dem Wasen geredet. Seine Freunde haben ihre eigene Erklärung dafür, warum sich die Ermittlungen so lange hinziehen. Sie sagen: Die Ermittler finden halt einfach nichts.
Der Wasen als Business-Treff: Wenn eine gute Idee auf einen Bierdeckel passt
Das ist ihre Sicht der Dinge. Tatsache ist: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sind die Ermittlungen gegen den früheren Mitarbeiter weiterhin nicht abgeschlossen. Und ganz klar gilt für ihn die Unschuldsvermutung.
Seine Freunde verweisen noch auf etwas anderes: Wo es deutlich mehr Bewerber als Plätze gibt, gibt es zwangsläufig Enttäuschte. Und wer leer ausgeht, ist nicht immer gut auf diejenigen zu sprechen, die über die Vergabe entscheiden.
Tatsächlich ist der Konkurrenzkampf enorm. Für das Cannstatter Volksfest 2026 gingen bei in.Stuttgart 730 Bewerbungen ein, ausgewählt wurden 240 Beschicker. In diesem Jahr steht wegen des parallel stattfindenden Landwirtschaftlichen Hauptfestes weniger Fläche zur Verfügung.
Die Affäre hat bei in.Stuttgart Folgen gehabt. Das Vergabeverfahren wurde verändert. Unter anderem gibt es inzwischen ein Vier-Augen-Prinzip und eine Ombudsstelle. Entscheidungen sollen damit nachvollziehbarer werden.cOb damit auch das Misstrauen verschwindet, ist eine andere Frage.
Der frühere Mitarbeiter jedenfalls will sich offenbar nicht mehr verstecken. Auf dem Wasen ist zu hören, dass er in den kommenden Tagen öfter vorbeischauen möchte. Gesprächsstoff dürfte es genug geben. Denn der Wasen ist eben nicht nur Göckele, Maß und Achterbahn. Er ist auch ein Dorf. Und in einem Dorf wird geredet. Viel geredet und getratscht.
Geredet wird an diesem Wochenende allerdings vor allem über eines: Wo kommen denn all die Leute her? Der Wasen brummt am Freitag und Samstag. Und wie.
„So voll habe ich es noch gar nicht erlebt“, sagt ein Security-Mann am Eingang. Und der muss schließlich wissen, was voll bedeutet. Durchkommen? Schwierig. Einfach spontan in eines der großen Festzelte marschieren? Noch schwieriger. Freie Plätze sind so gut wie nicht zu bekommen. Wer keine Reservierung hat, muss vielerorts draußen bleiben.
Warum ist ausgerechnet jetzt so viel los? Auch dafür hat der Security-Mann eine Theorie: „Liegt auch an dem Feiertag am Samstag – und daran, dass zum Monatswechsel die Gehälter ausbezahlt werden.“ Klingt zumindest nicht ganz unlogisch. Freitags und samstags sind für die Wirte ohnehin Selbstläufer. Die größere Herausforderung sind die Tage unter der Woche.
Die neue Wirtsfamilie Weller im Dinkelacker-Festzelt hat sich für den Montag deshalb etwas Besonderes einfallen lassen. Das Motto lautet: „Kölsch trifft Wasen.“ Passend dazu kommt am Abend eine der bekanntesten Kölner Bands nach Cannstatt: Die Höhner spielen bei den Wellers.
Und damit das kölsche Gefühl auch beim Bierglas stimmt, wird es klein. Ab 19.30 Uhr gibt es am Stehausschank 1000 Gläser Freibier – ausgeschenkt in 0,2-Liter-Gläsern, wie sie in Köln üblich sind, aber auch bei Wellers Stehauschank an der Calwer Straße, einem der größten Gastroerfolge dieser Saison.
Kölsch ist natürlich nicht drin.. In die kleinen Gläser kommt das Helle von Dinkelacker. Aber 1000 Gläser Freibier bleiben 1000 Gläser Freibier. Und womöglich lautet die Frage am Montagabend deshalb nicht mehr: Warum sind die Gläser so klein?
Sondern: Wo ist die Schlange?
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
Alle Artikel von Uwe Bogen →
Diese Festzelte unterstützen unsere Wasen-Berichterstattung 2026.
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.