Live-Sendung vom Cannstatter Volksfest
Der SWR sendet am Montag 90 Minuten live vom Cannstatter Volksfest – und macht richtig Lust auf den Wasen. Das liegt an den Höhnern, verrückten Volksfestfans und vor allem an Familie Weller, die ihre erste Saison als Festwirte erlebt. So sympathisch, dass man sich fragt: Wann bekommen „Die Wellers“ ihre eigene Soap?
Es ist Tag elf von 17 auf dem Cannstatter Volksfest. Ein Montag. Nicht gerade der einfachste Tag für einen Festwirt, der ein Zelt mit fast 6000 Plätzen füllen möchte. Doch bei Familie Weller sieht man davon erstaunlich wenig. Carsten, Katrin, Phil, Jil – sie strahlen, erzählen, lachen und wirken selbst nach zehn absolvierten Wasentagen so, als könnten sie kaum glauben, dass sie diesen Job tatsächlich machen dürfen. „Wir freuen uns jeden Tag, hierherzukommen“, sagt Vater Carsten Weller.
Und seine Frau gibt zu, dass sie sich manchmal zwicken müsse. Festwirtin auf dem Cannstatter Volksfest zu sein – für sie ist es ein Traum. Und genau das glaubt man ihr.
Überhaupt sind die Wellers an diesem Abend die heimlichen Stars der SWR-Livesendung. Vielleicht sollte der Sender gleich über das nächste Format nachdenken: „Die Wellers – eine Familie auf dem Wasen“. Denn Stoff gäbe es genug: 17 Tage lang gemeinsam ein Festzelt betreiben, Tausende Gäste versorgen, Mitarbeiter koordinieren, Probleme lösen, morgens wieder aufstehen, egal wie spät es am Abend geworden ist – und bei alldem möglichst noch gute Laune haben.
Bei den Wellers scheint selbst der Stress Familienangelegenheit zu sein. Natürlich läuft nicht immer alles perfekt. Wie sollte es auch bei einem Betrieb dieser Größenordnung? Aber wenn etwas passiert, wird eben eine Lösung gesucht, ohne die Ruhe zu verlieren. Und weiter geht’s.
„Schlafen ist kein Thema für die nächsten 17 Tage“, sagt Jil Weller und strahlt dabei. Ihr Lächeln sagt: Na und? Man kann doch nicht die schöne Zeit verpennen! Carsten Weller, der vor fünf Jahren bereits Weindorf-Wirt geworden ist, beschreibt dieses Abenteuer so: „Wasen ist eine andere Dimension.“
Alles begann mit einem Anruf bei der Brauerei Dinkelacker im Jahr 2023. Carsten Weller hatte am Weindorf-Stammtisch gehört, dass die langjährigen Festwirte Klauss & Klauss aufhören wollten – und er brachte sich und seine Familie ins Gespräch. Erst hieß es, das werde nichts – doch dann meldete sich die Brauerei wieder. Ja, es könnte klappen! Die Reaktion in der Familie? Sinngemäß: Ihr seid wahnsinnig. Und dann haben sie es gemacht.
Jetzt feiern sie ihre Wasenpremiere – und wirken dabei so sympathisch ungläubig, dass man ihnen die Freude sofort abnimmt. Eine Familie im Ausnahmezustand. Und dann sagt Carsten Weller etwas, das an einem solchen Abend nicht untergehen sollte: 89 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien aus dem vergangenen Jahr wieder dabei. Dafür bedankt er sich ausdrücklich. Denn ein Festzelt wird eben nicht nur von der Wirtsfamilie gestemmt.
Der SWR hat sich für seine Livesendung ausgerechnet einen Montag ausgesucht. Das ist clever. Denn Samstagabend kann Volksfest fast jeder. Da ist es automatisch voll. Interessanter ist die Frage, ob die Volksfestbegeisterung auch an einem gewöhnlichen Montag funktioniert. Sie funktioniert.
Die Weller-Ola rollt an: Erste Party bei der neuen Wirtsfamilie auf dem Wasen
Die Moderatoren Johannes Zenglein und Kristin Haub präsentieren Menschen, die offensichtlich gern hier sind – von denen, die feiern (einer sogar täglich mit dem Dauergast-Pass, was ihm am Ende etwa 2500 Euro kostet), genauso wie von denen, die arbeiten.
Und dann stehen da auch noch die Höhner auf der Bühne. Eine Band aus dem Kölner Karneval auf dem Cannstatter Wasen? Passt erstaunlich gut. Denn was Karneval und Volksfest verbindet, ist die Lust, für ein paar Stunden aus dem Alltag auszusteigen. In Köln verkleidet man sich. Auf dem Wasen inzwischen ebenfalls.
Wenn Patrick Lück und seine Höhner loslegen, merkt man schnell: Beste Stimmung braucht keinen Herkunftsnachweis. Die Band feiert ihren 55. Geburtstag und besitzt dieses besondere Gute-Laune-Gen, das man nicht inszenieren kann. Man muss es haben. Die Höhner haben es. Und das Dinkelacker-Zelt an diesem Montagabend auch.
SWR-Radiomoderatorin Petra Klein beschäftigt sich mit der kulinarischen Seite des Volksfests. Beim „Pfännle meets Wasen“ geht es um regionale Lebensmittel und darum, wie sich die Festküche verändert. Und man lernt fürs Leben: In gute Spätzle gehört Bierschaum.
Es geht um regionale Zutaten, „Schmeck den Süden“ und das Qualitätszeichen Baden-Württemberg. Und damit um einen Wandel, den man auf dem Volksfest beobachten kann. Früher ging es in der Festgastronomie häufig vor allem darum, möglichst günstig einzukaufen. Heute wollen immer mehr Gäste wissen, woher Fleisch, Gemüse und andere Zutaten kommen. Regionalität kostet allerdings. Carsten Weller stellt deshalb die entscheidende Frage: Wird das auch wertgeschätzt, wenn das Essen dadurch teurer wird? Eine Frage, die weit über den Wasen hinausgeht.
Natürlich gibt es auch jene Zahlen und Geschichten, die zu einer Volksfestsendung gehören. Gezeigt wird eine Flasche Champagner, die fast 40.000 Euro kostet. Die gibt es allerdings nicht bei den Wellers, sondern nebenan bei Michael Wilhelmer in der Schwabenwelt. Auch das scheint Volksfest 2.0 zu sein. Ob sie schon verkauft ist, erfährt man allerdings nicht.
Werden teure Flaschen serviert, werden nicht mehr überall Feuerfontänen entfacht. In der Schwabenwelt gibt es nun LED-Beleuchtung, die ebenfalls Eindruck macht und mit der man auch protzen kann.
Und trotzdem bleibt der Kern des Volksfestes erstaunlich konstant: Menschen sitzen gemeinsam am Tisch, trinken ihr Bier, essen, singen und lernen Leute kennen, mit denen sie zwei Stunden vorher noch nie gesprochen haben. Bei den Wellers gibt es dafür sogar ein Zehn-Liter-Bierglas. Auch das ist Wasen.
Dass auf dem Wasen 17 Tage gefeiert werden (beim Oktoberfest sind es nur 16), hat mit dem SWR zu tun. Früher dauerte auch das Volksfest regulär 16 Tage. Bereits 2004 entstand die Idee, den Wasen einen Tag früher beginnen zu lassen. Der neue Freitagabend sollte nicht einfach nur ein zusätzlicher Festtag werden, sondern eine große Bühne für den Auftakt – inklusive Fernsehen. Der SWR zeigte Interesse. 2006 fiel die Entscheidung.
Seit 2007 beginnt das Cannstatter Volksfest bereits am Freitag und dauert damit 17 Tage. Am Freitag, 28. September 2007, eröffnete Oberbürgermeister Wolfgang Schuster erstmals an einem Freitag das Volksfest. Zwei Hammerschläge brauchte er, dann floss das Bier. Der SWR übertrug die Eröffnung live. Mehr als eine Million Menschen sollen damals zugeschaut haben. Von 2007 bis 2013 gehörte die große Fernsehübertragung zum Wasenauftakt. Dann das überraschende Ende. Seit 2014 sendet der SWR am ersten Wasentag die Wahl der Weinkönigin. Die Fernsehshow ging. Der Freitag blieb. Und damit auch der 17. Wasentag.
Nun ist der SWR wieder mit einer großen Livesendung mitten im Festzelt. Mit den Höhnern, mit schwäbischer Mundart-Comedy von Hillus Herzdropfa, mit Fahrgeschäften und jeder Menge Menschen, die diesem Volksfest ziemlich offensichtlich verfallen sind.
Das hätte leicht eine jener Fernsehsendungen werden können, bei denen Moderatoren permanent behaupten, wie „wahnsinnig tolle Stimmung“ gerade herrsche, während man vor dem Bildschirm davon wenig bemerkt. Diesmal ist es anders. Die Begeisterung kommt rüber. Vielleicht auch deshalb, weil der SWR nicht versucht, das Volksfest größer zu machen, als es ist. Die Menschen reichen völlig aus.
Und ganz besonders diese Familie Weller. Nach elf Tagen müssten sie eigentlich müde aussehen. Stattdessen erzählen sie davon, wie gern sie morgens wieder ins Zelt kommen und nachts nicht schlafen. Sie strahlen. Die Familie kann ihr Glück kaum fassen. Und irgendwo wartet garantiert schon das nächste Problem, das gelöst werden muss. Genau deshalb wäre diese Familie tatsächlich fernsehtauglich.
„Die Wellers – 17 Tage Wasen.“ Wir würden einschalten.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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