Uwe Bogen
Stuttgart-Album über einen emotionalen Ort
Streit um das Wittwer-Haus: Neue Debatte am Kleinen Schlossplatz
5. Mai 2026
Abriss oder Erhalt des Wittwer-Hauses? In Stuttgart wird hitzig diskutiert – fast so, als es vor über 60 Jahren in diesem Quartier um die Zukunft des Kronprinzenpalais‘ ging. Unser Stuttgart-Album erinnert an die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes und frühere Kontroversen an diesem emotionalen Ort.
Kaum ein Ort in Stuttgart bündelt so viele emotionale Gegensätze wie der Kleine Schlossplatz: Erinnerung und Verlust, Begeisterung und Ärger, Stadtgestaltung und ständige Umdeutung. Und jetzt wird der Streit um die Zukunft des Wittwer-Hauses, das sich direkt am Kleinen Schklossplatzes befindet, immer stärker.
Schon einmal ist in diesem Quartier über einen geplanten Abriss heftig gestritten worden. Es ging um das Kronprinzenpalais, das man nach Kriegszerstörungen hätte wieder aufbauen können. Doch der Gemeinderat wollte einen Neuanfang – mit dem Kleinen Schlossplatz und der Verkehrsöffnung in den Westen.
Zwischen 1993 und 2002 war der Kleine Schlossplatz ein Hotspot der Stadt. Die 30 Meter breite Freitreppe verwandelte das Areal in einen urbanen Balkon. Menschen saßen dort, trafen sich, beobachteten die Innenstadt – und machten den Ort zu einem der beliebtesten Treffpunkte der City.
Mit einem Foto dieser Freitreppe ist das Stuttgart-Album vor 14 Jahren auf Facebook gestartet – und die Klickzahlen sind damit regelrecht explodiert. So tief ist der Kleine Schlossplatz im kollektiven Gedächtnis der Stadt eingebrannt.
Mit dem Bau des Kunstmuseums verschwand diese Bühne des Alltags 2002 wieder. Was architektonisch als Fortschritt gefeiert wurde, bleibt emotional bis heute ein Verlustpunkt im Stadtgedächtnis.
Kaffee, Eis und ein Stück Lebensgefühl: das Mövenpick
Eng mit dieser Zeit verbunden ist auch ein Ort, der vielen bis heute sofort Bilder im Kopf auslöst: das ehemalige Mövenpick am Kleinen Schlossplatz.
Im Möpi gehörte der sogenannte Freundschaftsbecher fast schon zur lokalen Kultur. Eine übergroße Eisschale, mit zwei Löffeln serviert – ein kleines Ritual des Teilens, das für viele mehr war als nur Dessert. Es war ein Symbol für Zeit, die man sich nahm, mitten in der Innenstadt, mitten im Trubel.
Und auch ein Detail iim Mövenpiick ist vielen bis heute im Gedächtnis geblieben, das fast schon unwirklich wirkt: Auf den Toiletten lief Musik. In den 1970er Jahren war das keineswegs selbstverständlich – eher eine kleine Sensation, die weit über Stuttgart hinaus ungewöhnlich erschien. Während anderswo funktionale Nüchternheit herrschte, verband sich hier Konsum mit einem frühen Gefühl von „Erlebnisgastronomie“.
Der Wittwer ist für viele ein Ort der Sozialisation
Nur wenige Meter entfernt steht das nächste Kapitel dieser Stadtgeschichte: das Buchhaus Wittwer an der Königstraße 30–32.
Diese Institution ist für viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter mehr als ein Geschäft – es ist ein Ort der Sozialisation, des ersten eigenen Buches, der langen Nachmittage zwischen Regalen. Gleichzeitig ist das Gebäude selbst ein architektonisches Statement des späten Modernismus: ein brutalistischer Entwurf von Hans Kammerer und Walter Belz, eingebettet in die großräumige Planung des Kleinen Schlossplatzes der 1960er Jahre.
Für Architekturinteressierte gilt der Bau als Zeitdokument, für andere als schwer zugängliche Betonlandschaft – typisch für das Spannungsfeld der Nachkriegsmoderne. Das Haus gehört heute der Dinkelacker AG, die nicht identisch ist mit der gleichnamigen Brauerei. Die Familie Wittwer hatte die Immobilien an die Dinkelacker und das Geschäft an Thalia verkauft.
Abriss oder Erhalt? Eine Stadt streitet
Die Diskussion um das Wittwer-Gebäude hat sich längst zu einer städtischen Kontroverse entwickelt.
Die einen argumentieren klar: Ein Gebäude dürfe nach nur rund 60 Jahren nicht einfach aufgegeben und abgerissen werden. Andere verweisen auf die aus ihrer Sicht problematische Bausubstanz und die eingeschränkten Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Sanierung. Dazwischen steht die Stadtgesellschaft – gespalten zwischen Bewahren und Erneuern.
Das Denkmalamt hat eine Aufnahme des Gebäudes ins Verzeichnis der Kulturdenkmäler abgelehnt – ein Schritt, der die Debatte weiter verschärft. Kritiker sehen darin ein fatales Signal für den Umgang mit der Architektur der Nachkriegszeit. Die andere Seite fühlt sich bestätigt. Es führe kein Weg am Abriss vorbei, argumentieren sie, da die Baustubstanz einen dazu zwinge und sich die Chance eröffne, neben dem Kunstmuseum ein weiteres architektonisches Ausrufezeichen zu setzen mit Bedeutung weit über Stuttgart hinaus.
Abriss oder Erhalt? Schon wieder geht der Streit am Kleinen Schlossplatz um diese Frage – wie nach dem Krieg beim Kronprinzenpalais.
Abriss geplant – Neubau unklar
Trotz aller Diskussionen ist die Richtung vorgezeichnet: Das Wittwer-Haus soll weichen. Bis Ende 2027 sollen die Mieter ausziehen, ab 2028 ist der Rückbau vorgesehen. Teile der unteren Geschosse könnten erhalten bleiben, doch das Konzept eines vollständigen Erhalts ist vom Tisch.
An seiner Stelle soll ein Neubau entstehen – mit Einzelhandel, Gastronomie, Büros und Dienstleistungen. Wie genau dieser aussehen wird, bleibt offen und soll über einen Wettbewerb entschieden werden.
Ein Platz, der wohl nie zur Ruhe kommt
Kleiner Schlossplatz, Freitreppe, Mövenpick, Wittwerhaus – all das zeigt, wie stark dieser Teil der Stadt von Erinnerungen überlagert ist. Es geht längst nicht mehr nur um Architektur, sondern um Lebensgefühl.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sich so viele an den Freundschaftsbecher, die Freitreppe oder die Musik auf den Toiletten erinnern: weil diese Details mehr über eine Stadt erzählen als jede Planungsskizze.
Wer mehr über die Stadtgeschichte erfahren will:
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