Uwe Bogen
Interview
„Heute fehlen die Etats“ – Anette Heiter über Mut, Wechseljahre und Kultur unter Sparzwang
12. Mai 2026
Die Kabarettistin und Richterin Anette Heiter spricht im Interview mit EchtStuttgart über persönliche Bühnenmomente, Wechseljahre, Jurafälle und den Wandel der Kulturszene zwischen Mut, Humor und knappen Kassen. Am 31. Mai feiert sie Premiere ihres Programms „Heiter weiter!“ im Theaterhaus.
Anette, über Namen soll man ja keine Witze machen, aber du verwendest deinen selbst als Programmtitel. Deshalb meine Frage: Ist „Heiter“ auch deine Lebenseinstellung?
Tatsächlich ist „Heiter“ mein Grundgefühl im Leben. Man kann sich ja eigentlich den ganzen Tag über alles Mögliche ärgern – aber man ist keineswegs dazu verpflichtet. Ich gehe meist mit dem Gefühl durch den Tag, dass es mir unglaublich gut geht, und die kleinen und großen Ärgernisse sehe ich als Aufgaben, die ich eben bewältigen muss. Und das geht mit Gelassenheit und einer positiven Grundeinstellung besser als mit Verbissenheit.
Du stehst seit über 30 Jahren auf der Bühne — mit Honey Pie, dem Juristenkabarett, den DooWopMädla und jetzt solo. Spricht für ein Solo-Programm, dass du ganz allein entscheidest, frei bist und keine Kompromisse mehr eingehen musst? Oder fehlt dir dann nicht auch was?
Ich habe mich in allen Gruppen immer sehr wohl gefühlt und habe auch immer sehr gerne mit den KollegInnen zusammen gearbeitet. Das erste Solo-Programm, das ich gemacht habe, war ein Lesungsprogramm zu meinem Buch „Der Name der Robe“ – das war logischerweise ein Programm alleine, weil ich das Buch eben auch alleine geschrieben habe. Daraus hat sich dann vor 10 Jahren mein erstes Solo-Kabarett-Programm entwickelt „Justiz auf Rädern – Gerichte zum Mitnehmen“. Da habe ich dann gelernt, wie das ist, einen ganzen Abend alleine „stemmen“ zu müssen. Eine großartige Erfahrung. Relativ schnell wusste ich, dass ich das auf der Bühne kann. Drum herum ist es allerdings sehr einsam. Man fährt alleine zum Auftritt, baut alleine auf, sitzt alleine in der Garderobe und fährt anschließend alleine wieder nach Hause. All dies ist in der Gruppe einfach schöner, weil man jemanden zum Plappern hat.
Du hast sehr lange als Richterin gearbeitet. Inwiefern prägt dich diese Erfahrung heute noch – vielleicht in deinem Blick auf Menschen, Geschichten und deinen Humor?
Jurist zu sein prägt vor allem die Sprache. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich ganz selbstverständlich Worte benutze, die kein „normaler“ Mensch verwenden würde. „Haftungsproblematik“ zum Beispiel. Wenn man sagt: „Wer muss für den Schaden zahlen?“, weiß jeder Bescheid – der Jurist spricht aber von Haftung. Da denken andere bestenfalls an Haftcreme für dritte Zähne.
Du verbindest Juristerei und Comedy auf einzigartige Weise. Wann hast du gemerkt, dass in Gerichtsakten oft die besten Geschichten stecken?
Quasi am ersten Tag meiner Tätigkeit. Keine Akte, die ich jemals aufgeschlagen habe, war langweilig. Es steckt ja hinter jedem Rechtsfall eine menschliche Geschichte. Und diese Geschichten haben mich immer weit mehr interessiert als die rechtliche Seite. Deshalb versuche ich auch immer noch, Rechtsfälle in mein Programm zu integrieren. Es ist manchmal unglaublich, was so alles vor Gericht landet. Zum Beispiel war das höchste deutsche Zivilgericht, der BGH (Bundesgerichtshof), damit befasst, zu klären, ob Pinkeln im Stehen normaler Mietgebrauch ist. Ein Mieter hatte offenbar Probleme beim Zielen und das Bad sah entsprechend aus, weshalb der Vermieter die Kaution einbehalten hat. Im Programm erfährt man musikalisch, wie der Fall ausging
In deinem neuen Programm „Heiter weiter!“ erzählst du auch sehr persönliche Geschichten. War es schwer, dich auf der Bühne privater zu zeigen?
Definitiv ja. Sowohl als Richterin als auch als Teil von Show-Gruppen wie Honey Pie lernt man, gerade nicht privat zu sein. Im Gerichtssaal sollte man ja komplett neutral sein – und auf der Show-Bühne möglichst perfekt rüberkommen und keine Schwäche zeigen. Überhaupt Themen anzuschneiden, die mich auch selbst betreffen, wie etwa die Wechseljahre, war ein großer Schritt – aber an den Reaktionen in den Vorpremieren sehe ich, dass es gelungen ist. Auch meinen Nachnamen überhaupt in den Titel zu nehmen, war für mich ein schwieriger Schritt, über den ich lange nachgedacht und mit vielen Menschen im Umfeld diskutiert habe. Mein Regisseur, Klaus Birk, hat mich schließlich überzeugt, dass es Verschwendung wäre, einen so programmatischen Namen nicht zu benutzen.
Wechseljahre, Frisörgeschichten, absurde Rechtsfälle — du machst Comedy aus dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens. Worüber lachen die Menschen heute am meisten?
Ich glaube, es wird immer am meisten gelacht, wenn sich die Menschen in der Geschichte selbst wiederfinden und bei sich denken: „Das hätte mir auch passieren können“, oder wenn eine Geschichte, von der man denkt, man weiß, wie sie ausgeht, plötzlich eine ganz neue Wendung nimmt.
Du giltst inzwischen als echtes Stuttgarter Kultur-Urgestein. Wie hat sich die Kulturszene in Stuttgart in den letzten Jahrzehnten verändert?
Die Kulturszene ist vielfältiger geworden. Es gibt viel mehr Orte, wo Kleinkunst, Kabarett und Comedy stattfinden. Das Theaterhaus hat sich als großartige und vielseitige Spielstätte, die bundesweit einmalig ist, etabliert. Merlin, Rosenau, Renitenz und viele andere sind ebenfalls sehr aktiv und immer professioneller. Was leider etwas wegbricht im Umland von Stuttgart, sind die kleineren kommunalen Kulturveranstalter. Da gab es in früheren Zeiten eine ganz lebendige Szene – fast in jeder Gemeinde gab es eine Zehntscheuer oder Ähnliches und im Rathaus gab es eine Person, die mit viel Liebe, Herzblut und einem städtischen Etat ein Kulturprogramm gemacht hat. Heute fehlen sowohl die Etats als auch die Personen, die sich kümmern – also verkümmert da vieles.
Worauf kann sich dein Publikum in deinem neuen Solo-Programm „HEITER WEITER!“ besonders freuen?
Auf gute Geschichten und einige Songs, die ich wechselweise an Kontrabass, Ukulele und Mini-Klavier begleite. Die Mischung ist sehr abwechslungsreich und ich glaube, jeder findet sich irgendwo in diesem Programm.
Und zum Schluss: Was bedeutet für dich persönlich „heiter weiter“?
Ich fange mal hinten an: Es geht weiter – ich mache weiter. Das ist ja nicht selbstverständlich, mit über 60 nochmal das Wagnis einzugehen, ein Solo-Programm auf die Bühne zu stellen. Und ich tue es mit ganz viel Optimismus und guter Laune – eben heiter. Heiter steht auch für eine gewisse Gelassenheit und den Glauben daran, dass am Ende alles gut wird.
WO ES KARTEN GIBT
Anette Heiter am 31. Mai, 18.30 Uhr, mit ihrem neuen Programm „Heiter weiter – wolkenlose Comedy“ im Theaterhaus Stuttgart. Karten gibt es auf der Seite des Theaterhauses.
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