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Cocktail-Trends im Classic Rock Café

Bar Wars in Stuttgart: Was einen guten Drink heute ausmacht


Uwe Bogen ·21. September 2026 ·5 Min. Lesezeit News

Weniger Show, mehr Geschmack: Bei Bar Wars 2.0 im Classic Rock Café zeigt sich, wohin sich die Barkultur bewegt. Acht Bartender aus allen Teilen Deutschlands müssen spontan mixen, schmecken und improvisieren – und ein Stuttgarter verpasst den Sieg nur hauchdünn. Einer der Trends: Ecken und Kanten statt Perfektion.

Andy Anton, Barchef im Blue in Stuttgart, beim Battle im Classic Rock Café. Foto: Uwe Bogen

Höher, weiter, spektakulärer? Eher nicht. Wer wissen will, wohin sich die Barszene gerade bewegt, bekommt bei Bar Wars 2.0 im Stuttgarter Classic Rock Café eine ziemlich klare Antwort: weg von Technik um der Technik willen und hin zu Drinks, die bei aller Raffinesse vor allem eines sollen – schmecken.

Präzises Handwerk und Vielseitigkeit werden immer  wichtiger. Klassiker werden leichter und zeitgemäßer interpretiert, Longdrinks bekommen neue Aufmerksamkeit, Foodpairing gehört längst nicht mehr nur ins Restaurant und selbst beim Storytelling gilt: verständlich statt verkopft. Ein Cocktail darf spannend aussehen und eine gute Geschichte erzählen. Aber am Ende muss man ihn eben auch gern austrinken.

Moderator Eric Bergmann bringt den Anspruch auf den Punkt: „Ein guter Bartender gewinnt heute nicht mehr nur mit einem spektakulären Drink. Er muss Sensorik, Klassiker, Geschwindigkeit, Teamwork und Gastgeberqualitäten zusammenbringen.“ Genau das habe Bar Wars ziemlich gnadenlos, aber auf eine sehr unterhaltsame Art getestet.

Bergmann kennt die Szene nicht nur vom Moderatorenmikrofon. Er ist Stuttgarter Barmeister (IHK), Beverage & Hospitality Manager einer Veranstaltungslocation und moderiert nationale wie internationale Wettbewerbe und Events. In Stuttgart wurde er als einer der Köpfe hinter dem Jigger & Spoon bekannt.

Sieben Aufgaben – und keine Chance, sich darauf vorzubereiten

Bar Wars ist eine Art öffentlicher Mehrkampf hinter dem Tresen. Acht Bartender aus unterschiedlichen Bars in Deutschland treten gegeneinander an – nicht nur mit eigenen Kreationen, sondern in Disziplinen, die sehr verschiedene Fähigkeiten verlangen.

Hände auf die Theke! So beginnt der Schnelligkeitwettbewerb. Moderator Eric Bergmann gibt die Anweisung. Max Winter (rechts) vom Ona Mor in Köln wird am Ende Dritter. Foto: Uwe Bogen

Neu ist bei der zweiten Ausgabe das Punktesystem. Statt K.-o.-Runden bleiben alle acht über sieben Aufgaben im Wettbewerb und sammeln Punkte. Erst danach ziehen die beiden Punktbesten ins Finale ein. Ein einziger perfekt einstudierter Signature Drink reicht also nicht. Gefragt ist Konstanz.

Und vor allem Spontaneität. Denn die Teilnehmenden wissen vorher nicht, welche Aufgaben auf sie zukommen. Das Briefing gibt es jeweils erst unmittelbar vor der Runde. Vorgefertigte Rezepte und auswendig gelernte Präsentationen? Zwecklos.

Die Challenges zeichnen dabei fast eine kleine Landkarte aktueller Barkultur: einen Cocktail zum Thema Stuttgart entwickeln, Sherrys blind erkennen, einen Drink zu Grilled Cheese kombinieren oder Daiquiri und Rum Old Fashioned auf Geschwindigkeit zubereiten. Hinzu kommen ein Cocktail zur Stuttgarter Hip-Hop-Geschichte und die Aufgabe, einen Klassiker in einen langen, leichten und zugänglichen Drink zu verwandeln.

Besonders gemein: Ein unbekannter Cocktail muss allein anhand seines Geruchs und Geschmacks möglichst genau rekonstruiert werden. Hier hilft kein Instagram-tauglicher Garniturentrick. Nur Nase, Gaumen und Erfahrung.

Stuttgart scheitert um Haaresbreite am Heimsieg

Am Ende setzt sich Jerome Thom-Poschmann vom Faces in Essen durch. Zweiter wird Ferdinand „Ferdi“ Rebhorn vom Weißen Roß in Stuttgart, Platz drei geht an Max Winter vom Ona Mor in Köln.

Im Finale wird die Improvisation noch einmal auf die Spitze getrieben. Die Vorgaben werden erst auf der Bühne gezogen. Ferdi Rebhorn bekommt Beere und Tequila, Jerome Thom-Poschmann Kräuter und Rum. Aus diesen Kombinationen müssen beide spontan einen Drink entwickeln – inklusive einer Geschichte dazu.

Die Entscheidung fällt hauchdünn zugunsten von Thom-Poschmann aus.

IM VIDEO SEHT IHR MAX WINTER BEIM BATTLE:

Eric Bergmann (links), Moderator von Bar Wars 2.0., mit unserem Autor Uwe Bogen

Der Sieger ist 39 und seit fast 20 Jahren in der Gastronomie, davon rund 14 Jahre mit Schwerpunkt Cocktails. Seine ursprüngliche berufliche Richtung ist eine ganz andere: Thom-Poschmann studierte zunächst Deutsch und Geschichte auf Lehramt. An der Bar faszinieren ihn heute neben der Kreativität auch Technik, Logistik und Kommunikation – und vor allem die Möglichkeit, anderen eine gute Zeit zu bereiten.

Für Stuttgart liefert Platz zwei ebenfalls eine schöne Geschichte. Ferdi Rebhorn machte früher selbst Musik und legte auf. Vier Semester Philosophiestudium folgten, bevor er es nach eigener Aussage „erfolgreich abgebrochen“ hat, um hinter die Bar zu wechseln.

Und dann ist da noch der Dritte: Max Winter ist gerade einmal 24, studiert Biotechnologie und arbeitet erst seit November 2024 hinter der Bar. Langfristig möchte er Biotechnologie und Spirituosen miteinander verbinden. Nach so kurzer Zeit in diesem Teilnehmerfeld auf dem Podium zu landen, ist zumindest ein ziemlich guter Anfang.

Wenn der Gast plötzlich Juror ist

Bewertet wird nicht ausschließlich von Branchenprofis. Mit Jules Koch aus der Nick & Nora Bar in Hamburg und Felix Engels vom Barsymposium Köln sitzen zwei Fachjuroren dabei. Immer wieder werden aber auch Gäste Teil der Jury.

Das passt zur Idee hinter Bar Wars. Denn letztlich entsteht ein Cocktail nicht für andere Bartender, sondern für die Person auf der anderen Seite des Tresens.

Auch deshalb ist die Veranstaltung mehr als ein Wettbewerb. Über den Tag übernehmen verschiedene Bars Gastschichten und bringen eigene Drinks mit. Dazu kommen DJs, Essen, Publikum und viel Austausch. Barkultur wird damit aus der Branchenblase geholt und für Menschen zugänglich, die vielleicht keine Ahnung von Fat Washing, Infusionen oder Säurestrukturen haben – aber ziemlich genau wissen, wann ihnen ein Drink schmeckt.

Organisiert wird Bar Wars von den Barback Boys Marcel Sturm, Carlos Ilgen, Tim Mayer und Maximilian Koppermann. Eric Bergmann moderiert den Wettbewerb nach der Premiere 2024 zum zweiten Mal.

Andy mag kantige Drinks, keine, die glatt gebügelt sind 

Aus Stuttgart außerdem dabei: Andreas „Andy“ Anton an, Barchef im Blau und zuvor im Paul&George. Seine Vorstellung klingt beinahe wie das Gegenprogramm zum gefälligen Allerweltsdrink:

„Andy ist mittlerweile Barchef im Blau und mag Drinks lieber kantig als glattgebügelt. Besonders spannend findet er Kreationen, die bewusst systematisch unausgeglichen sind. Auch hundert Jahre alte Barregeln dürfen für ihn gern mal hinterfragt werden – solange die Gäste eine gute Zeit haben.“

Andy liegt im Trend – und der sieht Ecken, Kanten und Regelbrüche vor. Entscheidend ist weniger, wie kompliziert ein Cocktail konstruiert ist, als das, was am Ende beim Gast ankommt.

Oder anders gesagt: Die große Kunst an der Bar besteht derzeit womöglich darin, dass man die ganze Arbeit im Glas gar nicht mehr als Arbeit bemerkt.

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Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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