Uwe Bogen
Riesenstimmung auf dem Weissenhof
Boss Open: Wie ein verregneter Freitag mit einem Tiebreak-Krimi zum Tennisfest wird
12. Juni 2026
Regen, Regen, Regen – und trotzdem beste Stimmung. Unser Reporter erlebt bei den Boss Open einen langen Freitag, an dem der Centre Court für Stunden unter Planen verschwindet. Das Tennisfieber kann das nicht bremsen. Warum sich das Warten lohnt und man sogar Ski fahren kann, lest Ihr hier.
Wer am Freitag auf dem Weissenhof die Boss Open besucht, braucht vor allem eines: Geduld. Die Platzwarte müssen den Centre Court abdecken, immer wieder blicken Spieler, Zuschauer und Organisatoren sorgenvoll in den grauen Himmel. Fünf Stunden lang übernimmt der Regen das Kommando. Doch am Ende wird aus einem verregneten Tennis-Tag doch noch ein großer Sporttag – dank eines begeisterten Publikums, eines dramatischen Matches und einer Atmosphäre, die zeigt: Stuttgart liebt Spitzentennis.
Zverev heizt das Tennisfieber weiter an
Der Tennis-Hype war bei uns schon immer groß. Nach dem Triumph von Alexander Zverev bei den French Open scheint die Begeisterung allerdings noch einmal deutlich gewachsen zu sein. Trotz Dauerregens harren Tausende Fans auf dem Weissenhof aus. Sie warten stundenlang auf die Fortsetzung der Spiele – und werden dafür belohnt.
Nasser Rasen kann tückisch sein. Grasplätze gehören zwar zu den traditionsreichsten und schnellsten Belägen im Tennis, doch bei Feuchtigkeit werden sie zur Rutschpartie. Prompt kommt es beim Einmarsch auf den Centre Court zu einem kleinen Missgeschick: Ein Ballkind verliert auf dem nassen Untergrund den Halt, rutscht aus und stürzt. Zum Glück bleibt es bei einem Schrecken.
Während der Himmel weiter unentschlossen bleibt, machen die Besucher das Beste aus ihrer Wartezeit. Möglichkeiten gibt es auf dem Weissenhof genug. Besonders kurios wirkt die „Skipiste“ von Turniersponsor Ischgl. Schnee liegt zwar keiner, aber auf rotierenden Rollen können Besucher tatsächlich ihre Schwünge trainieren. Ski fahren bei einem Tennisturnier – an diesem Freitag passt das erstaunlich gut ins Bild.
Thomas Diehl muss nach Rotenberg fahren und Nachschub holen
Im VIP-Bereich wird es derweil voll. Sehr voll. Die Gäste rücken zusammen, suchen Schutz vor den Schauern und greifen gern zum Wein. So gern, dass Winzer Thomas Diehl zwischenzeitlich sogar noch einmal nach Rotenberg fahren muss, um Nachschub zu holen.
Auf dem Centre Court übernehmen währenddessen zwei Moderatorinnen die Aufgabe, die Stimmung hochzuhalten. Mit Charme und Fachwissen überbrücken sie die Wartezeit. Sie erklären, warum der Rasen auf dem Weissenhof so besonders ist. Die Grassamen stammen aus Wimbledon. Das dort verwendete Gras entwickelt tiefere Wurzeln und sorgt für besseren Halt. Außerdem verraten sie eine weitere Besonderheit: High Heels sind am Spielfeldrand tabu. Niemand soll den empfindlichen Rasen gefährden.
Dann passiert etwas, womit kaum noch jemand gerechnet hat.
Plötzlich reißt der Himmel auf. Die Sonne zeigt sich. Auf den Tribünen brandet spontaner Applaus auf, Zuschauer jubeln, als wäre gerade ein Matchball verwandelt worden. Für wenige Minuten gewinnt der Sommer den Kampf gegen die Wolken.
Und dann gibt es endlich wieder Tennis.
Auf dem Centre Court wird die Achtelfinal-Partie zwischen Ben Shelton und Marcos Giron fortgesetzt. Das Duell der beiden US-Amerikaner war beim Stand von 7:6, 4:4 für Giron unterbrochen worden.
Shelton, die Nummer fünf der Weltrangliste und Topgesetzter des Turniers, startet stark in die Wiederaufnahme. Er nimmt seinem Landsmann sofort das Service zum 5:4 ab und serviert den zweiten Satz anschließend souverän aus.
Alles steht wieder auf Anfang.
Der dritte Satz entwickelt sich zu einem echten Krimi. Zunächst scheint das Momentum auf die Seite von Giron zu kippen. Die Nummer 88 der Welt schafft früh das Break und zieht auf 3:0 davon. Shelton wirkt kurz angeschlagen, findet dann aber zurück in die Partie und holt sich das Rebreak.
Die Spannung steigt von Spiel zu Spiel.
Beim Stand von 5:4 für den älteren Giron serviert der jüngere Shelton gegen das Aus und sieht sich plötzlich einem Matchball gegenüber. Der 23-jährige Favorit wehrt ihn ab. Die Zuschauer halten den Atem an, dann feiern sie jeden gewonnenen Punkt des Amerikaners.
Das Match geht schließlich ins Tiebreak.
Dort zeigt Shelton, warum er zu den besten Spielern der Welt gehört. Nach insgesamt 2:38 Stunden verwandelt er seinen ersten Matchball und zieht ins Viertelfinale ein. Auf den Rängen gibt es großen Applaus für beide Spieler, die sich über Stunden durch Regenpausen, Unterbrechungen und schwierige Bedingungen gekämpft haben.
Ebenfalls spannend und beste Tennisunterhaltung:Die Partie zwischen Taylor Fritz und Mattia Bellucci dauert 2:26 Stunden lang Das matchentscheidende Break am Ende des dritten Satzes kassiert der Italiener, nachdem er sich durch ein weinendes Kleinkind auf der Tribüne offensichtlich ein wenig aus der Konzentration bringen lässt. Titelverteidiger Fritz hat es also ins Halbfinale geschafft.
Shelton muss am Abend noch mal ran. Nachdem der Kyrgios-Bezwinger Sho Shimabukuro den ersten Satz mit 6:4 für sich entschieden hatte, wird das Match wegen der hereinbrechenden Dunkelheit unterbrochenn – Fortsetzung folgt am Samstag gegen 12 Uhr.
„Es war heute nicht leicht“, sagt Shelton. „Zum Glück hatte ich aber die Chance, heute überhaupt noch einmal zu spielen. Ich möchte mich bei dem Publikum bedanken, das mich fantastisch unterstützt hat. Die Fans geben mir so viel Energie.“
Der gute Ruf von Stuttgart als Tennisstadt
Die Worte kommen nicht von ungefähr. An diesem Freitag beweisen die Zuschauer auf dem Weissenhof eindrucksvoll, warum Stuttgart als Tennisstadt einen besonderen Ruf genießt. Sie warten stundenlang, sie lassen sich von Regenpausen nicht vertreiben und sie sorgen selbst dann für gute Stimmung, wenn auf dem Platz gerade kein Ball fliegt.
Als am Abend die nächsten Wolken über den Killesberg ziehen, ist klar: Das Wetter gewinnt an diesem Freitag zwar viele kleine Duelle. Das wichtigste verliert es aber. Denn die Sieger des Tages sind die Tennisfans auf dem Weissenhof, die aus einem verregneten Turniertag ein echtes Tennisfest machen.
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