Hofkonzert für die Stiftung CCF
„Wir wollen doch alle die Welt retten“, sagt Mark Moon. An diesem Spätsommerabend singt der Stuttgarter, Gewinner des Song Contests der Popakademie, im idyllischen Innenhof des Alten Waisenhauses für krebskranke Kinder. Sanft, einfühlsam, mit einer Stimme, die unter die Haut geht. Und man sieht ihm an: Helfen macht happy.
Vielleicht ist es einer der letzten schönen Sommerabende in Stuttgart. Einer, an dem man sehr gern draußen sitzt, gerade weil man ahnt, dass der Herbst schon um die Ecke schaut. Der Innenhof des Alten Waisenhauses ist an diesem Abend eine kleine Idylle mitten in der Stadt. An den Tischen des Amadeus sitzen die Gäste im Freien, die historischen Mauern schirmen den Hof vom Trubel der Stadt ab, darüber liegt das warme Licht des Spätsommers. Unsere Stadt hat so viele schöne Orte zum Relaxen!
Mittendrin steht unter einem kleinen Dächle, das die CCF Children Cancer Foundation für diesen Abend aufgebaut hat, ein junger Mann im blauen T-Shirt und in weiter schwarzer Hose. Gitarre, Mikrofon, ein bisschen Technik – mehr braucht Mark Moon zunächst nicht. Dann singt er. Sanft, einfühlsam, ohne große Gesten. Seine Stimme trägt durch den Hof, und plötzlich wird aus dieser kleinen Stuttgarter Idylle ein Konzertsaal ohne Dach.
Mark Moon (zur Hälfte ist’s ein Künstlername) hat eine Stimme, die nicht um Aufmerksamkeit betteln muss. Sie ist markant, manchmal fast zerbrechlich und im nächsten Moment erstaunlich kraftvoll. Ein wenig Ed Sheeran steckt darin, vielleicht auch etwas James Blunt. Nicht, weil Mark Moon sie kopieren würde. Sondern weil auch bei ihm diese Mischung funktioniert: eine Stimme, eine Gitarre, eine Melodie – und das Gefühl, dass da gerade jemand etwas erzählt, das ihm selbst nicht egal ist.
Ed Sheeran beherrscht wie kaum ein anderer die Kunst, aus wenigen Akkorden große Geschichten zu bauen und Intimität selbst in ein Stadion zu tragen. Mit seinen Loops kann aus einem einzelnen Musiker beinahe eine ganze Band werden. James Blunt wiederum lebt von seiner unverwechselbar hellen Stimme, von Melancholie. Von beidem findet sich etwas bei Mark Moon.
John Müller bewegt Stuttgart: „Teilen ist das, was Menschen am glücklichsten macht“
Festlegen sollte man ihn darauf allerdings nicht. Balladen kann er, Indie auch. Rap taucht auf, und aus dem Singer-Songwriter mit Gitarre wird plötzlich einer, der housige Live-Loops übereinanderschichtet. Dazu kommt seine „Mundtrompete“. Mark Moon ist musikalisch noch nicht fertig sortiert – und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Künstlerische Freiheit bedeutet bei ihm auch, sich nicht entscheiden zu müssen, was man eigentlich sein soll.
2022 veröffentlichte der Stuttgarter seine ersten Songs und gewann den renommierten Songcontest der Popakademie Mannheim. Später gründete er SHIMMER., spielte mit der Band beim Campus Festival in Konstanz und organisierte zwei Deutschlandtourneen in Eigenregie. Kein Management, kein Label, keine Booking-Agentur. Dafür inzwischen mehr als 1,5 Millionen Streams auf verschiedenen Plattformen.
Seine wichtigste Schule liegt für Mark Moon allerdings weder in Mannheim noch hinter den Türen eines Tonstudios. Sie liegt auf der Straße. „Das ist die beste Schule“, sagt der 24-Jährige. Und wahrscheinlich hat er recht: Straßenmusik ist Popmusik unter erschwerten Bedingungen. Niemand hat Eintritt bezahlt, niemand muss höflich sitzen bleiben. Die Leute haben Termine, Einkaufstüten, Hunger oder schlicht keine Lust. Wer sie trotzdem dazu bringt, stehen zu bleiben, muss etwas richtig machen.
Mark Moon hat das oft genug ausprobiert. Er hat auf Straßen gespielt, in Bars und Clubs, auf Festivals und als Frontmann von SHIMMER. Man merkt ihm diese Kilometer an – nicht als Routine, sondern als Gelassenheit. Er weiß inzwischen, wie man Menschen erreicht. Auch hier im Alten Waisenhaus, wo die Musik nicht gegen eine große Halle ankommen muss, sondern sich fast beiläufig in diesen stillen, schönen Hof legt.
Und dann gibt es da tatsächlich noch eine kleine Gemeinsamkeit mit Ed Sheeran: das Wohnmobil. Auch Mark Moon hat im Van gelebt. Sheeran wiederum ließ bei seinem Stuttgarter Konzert sein Wohnmobil direkt an die MHP-Arena fahren, weil er lieber dort als in einem Hotel schläft. Vielleicht gehört zu dieser Sorte Musiker eine gewisse Freude daran, das eigene Zuhause einfach mitzunehmen.
Mark Moon hat allerdings schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wohin die Reise irgendwann führen soll. „Ich möchte mal in einem Stadion singen“, sagt er. Ein großer Satz für einen 24-Jährigen, der gerade unter einem Dächle im idyllischen Hof des Alten Waisenhauses steht. Aber wann, wenn nicht mit 24, soll man solche Sätze sagen?
Ein paar Zuhörer haben ihre Geschichte für die Zukunft jedenfalls schon fertig. Wenn Mark eines Tages tatsächlich im Stadion singe, sagen sie, dann würden sie erzählen, dass sie schon damals dabei waren. Dass sie es natürlich schon immer gewusst hätten.
Mark Moon selbst hat für den Fall, dass der Weg dorthin etwas länger dauert, eine einfache Strategie. In einem seiner eigenen Lieder singt er: „Wenn das nicht klappt, mach ich es noch einmal.“ Und dann folgt der entscheidende Satz: „Es gibt keinen Plan B.“
Dass er an diesem Abend hier steht, hat allerdings noch einen anderen Grund. Das Open-Air-Konzert ist der Startschuss für „The Giving Session“, eine neue Veranstaltungsreihe der CCF Children Cancer Foundation. Seit Anfang des Jahres befindet sich das deutsche Büro der Stiftung im Alten Waisenhaus, geführt von Stiftungsvorständin Uli Weinz.
Die CCF will Familien mit krebskranken Kindern unterstützen – Menschen, für die mit einer Diagnose von einem Tag auf den anderen kaum noch etwas selbstverständlich ist. Zur Sorge um das Kind kommen für die Familien häufig organisatorische, emotionale und finanzielle Belastungen. Die Stiftung möchte dort helfen und zugleich Aufmerksamkeit für die Situation betroffener Kinder und ihrer Angehörigen schaffen.
Mit den „Giving Sessions“ soll nun auch Kultur Teil dieser Idee werden: schöne Abende veranstalten, Künstler und Publikum zusammenbringen und dabei Geld für Familien sammeln, die Unterstützung brauchen. Mark Moon spielt für diesen Zweck gern ohne Gage. „Wir wollen doch alle die Welt retten“, sagt er. Das klingt zunächst nach einem ziemlich ambitionierten Vorhaben für einen 24-Jährigen mit Gitarre. Doch dann macht er den Gedanken kleiner und damit überzeugender: Wem es gut gehe, der solle etwas weitergeben und mit anderen teilen.
Langsam wird es dunkel im Alten Waisenhaus. Das letzte Spätsommerlicht verschwindet von den historischen Mauern, an den Tischen wird weiter gegessen und getrunken, und sobald Mark Moon im Mondschein wieder zu seiner Gitarre greift, werden die Gespräche leiser. Es ist diese Mischung, die den Abend besonders macht: der geschützte alte Hof, die laue Luft, die Nähe zwischen Musiker und Publikum und eine Stimme, die keine große Bühne braucht, um unter die Haut zu gehen.
Noch steht Mark Moon nicht im Stadion. Sondern unter einem kleinen Dächle in einem der idyllischeren Innenhöfe Stuttgarts, vor Menschen, die ziemlich genau hinhören. Vielleicht sind das manchmal sogar die schöneren Bühnen.
Für das Stadion bleibt noch Zeit. Mark Moon ist 24. Und einen Plan B hat er sowieso nicht.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
Alle Artikel von Uwe Bogen →
Diese Festzelte unterstützen unsere Wasen-Berichterstattung 2026.
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.