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Standing Ovations für John Müller gleich zu Beginn: Im Atelier am Bollwerk erzählt der 26-Jährige von seiner 8000-Kilometer-Reise zum Taj Mahal, von Angst und Mut, vom Kohlelaster in Tadschikistan und von der Begegnung mit einem krebskranken Jungen. Ein Abend von EchtStuttgart und CCF, der unter die Haut geht. Diese Botschaft klingt intensiv nach: Teilen macht glücklich.
Als John Müller von Moderator Mustafa Göktas in den Kinosaal hereingebeten wird und sein Fahrrad zur Bühne schiebt, stehen alle auf. Standing Ovations – von Anfang an. Und es werden nicht die letzten an diesem Abend im Atelier am Bollwerk sein.
John bleibt kurz stehen, lächelt sein einzigartiges Lächeln, schaut ins Publikum. Auf dem Kopf trägt er seinen Helm mit der hochgeklappten Sonnenbrille – längst sein Markenzeichen. Und neben ihm steht das Fahrrad, mit dem er 8000 Kilometer von Berlin bis zum Taj Mahal gefahren ist.
Es ist ein bewegender Moment. Denn dieses Fahrrad steht nicht nur für eine außergewöhnliche Reise. Es steht für einen Kampf, der viel früher begann.
John Müller ist 26 Jahre alt. Mit 22 erkrankte er an einem Ewing-Sarkom, einer seltenen und besonders aggressiven Form von Knochenkrebs. 14 Chemotherapie-Zyklen musste er im Klinikum Stuttgart überstehen. Er kämpfte um sein Leben.
Heute erzählt er im nahezu vollbesetzten Kino von einer Reise, die ihn durch 15 Länder bis nach Indien geführt hat.
„Überleben ist nicht genug“, sagt John..
Unter dem Motto „Mut kennt keine Grenzen“ haben die CCF Children Cancer Foundation und EchtStuttgart zu diesem besonderen Kinoabend ins Atelier am Bollwerk eingeladen. Es ist ein Abend, der etwas mit einem macht.
Zum ersten Mal präsentiert John Videos und Fotos seiner Reise. Alles ist mit heißer Nadel gestrickt: Erst am vergangenen Sonntag ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Am Samstag fliegt John nach Brasilien für ein Stipendium.
Doch vorher gehört seine Geschichte Stuttgart.
Dieser Stadt fühlt sich sich der Allgäuer Bub besonders verbunden. Hier kam er einst als Praktikant zu Mercedes. Hier wurde er im Klinikum Stuttgart behandelt. Hier befindet sich das Stuttgart Cancer Center (SCC). Und hier wurde Anfang des Jahres die CCF Children Cancer Foundation Deutschland gegründet, deren Botschafter John ist.
EchtStuttgart hat John von Beginn seiner Reise an medial begleitet. Am 8. Mai – am Jahrestag seiner alles entscheidenden Operation, als es um Leben und Tod ging – startete er seine Tour. Seitdem hat unser Magazin immer wieder über ihn berichtet. Nicht nur mit Worten: Die Werbeeinnahmen flossen in den ersten Monaten auf Johns Spendenkonto. Mittlerweile sind rund 50.000 Euro zusammengekommen.
Und auch das Handy, mit dem John fast täglich auf seinem Instagram-Kanal von seinen 8000 Kilometern berichtete, wurde von EchtStuttgart finanziert.
John Müller Tour-Special
Wir haben mitgezittert, wenn er plötzlich tagelang nichts posten konnte, weil irgendwo auf der Strecke die Internetverbindung fehlte.
Und wir haben mitgejubelt, als John am 12. August den Taj Mahal erreichte.
Im Publikum sitzt an diesem Abend auch Dennis Hahn, leitender Oberarzt des Stuttgart Cancer Center (SCC) und international gefragter Spezialist für Sarkome. Hahn hat John während seiner schweren Krebserkrankung behandelt. Er hat Johns Leben gerettet. Der Arzt, der ihn durch die dunkelste Zeit seines Lebens begleitet hat, sieht seinen ehemaligen Patienten nun auf der Bühne – nicht mehr als Kranken, sondern als Kämpfer, Abenteurer und Mutmacher. Auch viele aus dem Pflegeteam des Klinikums sind gekommen und mächtig stolz auf ihren Patienten. Die Überlebenschance für so eine Krebsform sind nicht sehr gut. Zwei von Johns Mitpatienten mit ähnlichem Befund leben nicht mehr.
John hatte mehrere Schutzengel. Erst während seiner Zeit im Krankenhaus. Und später auf seiner Reise. Denn 8000 Kilometer bis zum Taj Mahal waren alles andere als ungefährlich.
Moderator Mustafa Göktas vom EchtStuttgart-Team stellt John eine naheliegende Frage:
„Hast du Angst gehabt?“
John antwortet sofort: Ja. Als Beispiel nennt der 26-Jährige Afghanistan.
Dort stürmten Taliban seinen Schlafplatz. Sie wollten sein Handy sehen, seinen WhatsApp-Verlauf, seine Fotos. Eine Situation, die John nicht einfach wegwischen kann.
Gleichzeitig macht er einen wichtigen Unterschied: Die Bevölkerung habe ihn sehr freundlich empfangen. Er habe viel Gastfreundschaft erlebt. Seine Angst habe nicht den Menschen gegolten, sondern dem Regime.
Eine Filmszene aus Tadschikistan zeigt, wie außergewöhnlich die Hilfsbereitschaft war, die John unterwegs erlebt hat.
John braucht Hilfe – und ein Kohlelaster nimmt ihn kurzerhand mit. Nicht nur John findet Platz: Auch sein Fahrrad wird auf den Lastwagen gehievt und landet oben auf der Kohle. Das Ziel: der Ansob-Tunnel. Einer der gefährlichsten Tunnel der Welt. Keine Beleuchtung. Radfahren verboten.
Für John bedeutet das: Er kann nicht einfach mit seinem Fahrrad durchfahren. Stattdessen fährt er auf einem Kohlelaster durch den Tunnel – sein Fahrrad oben auf der Ladung.
Eine spektakuläre Szene.
Aber John erzählt sie nicht als Heldengeschichte. Sie steht vielmehr für etwas, das ihn auf seiner gesamten Reise begleitet hat: Menschen helfen ihm. Menschen teilen mit ihm. Menschen lassen ihn nicht allein.
Und genau diese Erfahrung hat ihn verändert.
John sagt an diesem Abend einen Satz, der vielleicht stärker nachwirkt als alle Bilder von gefährlichen Straßen und exotischen Ländern:
„Ich habe gemerkt, die Leute haben nichts, und die Leute teilen alles.“
Das habe er mit nach Deutschland genommen. Er wolle nun selbst alles teilen, was er habe.
Viele Menschen, sagt John, wollten ihr sieben Sachen zusammenhalten. Durch die Gastfreundschaft auf der Reise habe er gelernt, dass es etwas anderes gibt, das viel wichtiger ist.
„Teilen ist das, was Menschen am glücklichsten macht“, sagt John.
Dieser Gedanke wird zum roten Faden des Abends.
Eine weitere Erkenntnis beschreibt John als Urvertrauen. In der Einsamkeit sei man auf sich allein gestellt. Nachts liege man wach und denke darüber nach, was passieren könnte. Was ist, wenn etwas passiert? Was ist, wenn man nicht weiterkommt?
Dann müsse man zu sich selbst finden. Und sich sagen:
Du schaffst es.
Er hat es geschafft. Trotz vieler Erschwernissen, trotz Umwege und der geschlossenen Grenze von Pakistan nach Indien kam John Müller pünktlich am Taj Mahal an, von seiner Familie und von einem ARD-Team begrüßt.
John ist nicht nur ein Kämpfer. Er ist ein begnadeter Erzähler.
Wer ihm zuhört, merkt sofort, warum er Menschen mit seiner Geschichte erreicht.
Er spricht über seine Ängste und seine schönsten Momente. Über schwierige Situationen, über Gastfreundschaft und über Begegnungen, die ihn tief berührt haben. Er erzählt von der schwierigen Lage der Frauen in Afghanistan. Der Krieg im Iran zwang ihn, seine Route zu ändern.
Und immer wieder geht es um das Lächeln.
Auf seiner Reise traf John in Bulgarien einen 16-jährigen krebskranken Jungen. Der Jugendliche kämpfte selbst gegen einen Tumor und die Folgen der Chemotherapie. John setzte sich zu ihm ans Krankenbett und lächelte ihn an. Der Junge lächelte zurück.
Für John wurde diese Begegnung zu einem Symbol.
„Wenn du lächelst, lächeln die anderen zurück. Genau das hat mir damals Kraft gegeben.“
Zum Abschied spielt Babs Steinbock das Lieblingslied von John: „One More Light“ von Linkin Park. Auf jedes einzelne Licht kommt es an. Nun bildet sich eine lange Schlange vor John und dem Fahrrad, einem Rose Bike, das auf der Fahrt ein Gewicht von 30 Kilo hatte – mit Powerbank und Laptop. Viele Besucherinnen und Besucher wollen es mit John fotografieren.
„An diesem Abend hast du gemerkt, dass du vieles anders machen musst in deinem Leben“, sagt eine junge Frau, „wir sind in unserem Alltag viel zu egoistisch.“ Und die Musikerin Babs Steinbock ist „gerührt und geschüttelt“ und sagt vor dem letzten Lied: „Heute gehen wir alle reicher nach Hause, egal wie viel oder ob wir was gespendet haben.“
Ulrike Weinz, Stiftungsvorständin der CCF Children Cancer Foundation, hatte die Gäste begrüßt und den Menschen gedankt, die den Abend in kürzester Zeit möglich gemacht haben.
Dazu gehört Kinochef Simon Erasmus, der für die Veranstaltung sein Kinoprogramm geändert hat. Man konnte den Abend nicht lange vorbereiten – keiner wusste, ob John seinen Zeitplan einhalten kann oder welche Hindernisse sich in seinen Weg stellen. Babs Steinbock begleitet den Abend musikalisch. Mustafa Göktas führt einfühlsam und herzlich durch das Gespräch.
Mustafa sagt einen Satz, der auch zum Selbstverständnis von EchtStuttgart passt:
„Den meisten von uns geht es so gut, dass wir etwas zurückgeben wollen an die, die nicht so viel Glück hatten.“
Genau dafür steht auch das Motto unseres Magazin
„Helfen macht happy.“
Wir wollen Stuttgart ein bisschen menschlicher machen, soziales Engagement fördern und Menschen eine Plattform geben, die anderen helfen.
John Müller verkörpert diese Idee.
Vielleicht versteht man an diesem Abend erst richtig, was John mit seinem Satz „Überleben ist nicht genug“ meint.
Es reicht ihm nicht, den Krebs überlebt zu haben. Er will anderen Menschen Mut machen. Und er will teilen.
Am Samstag fliegt John nach Brasilien. Dort erhält er ein Stipendium. Er will dort in aller Ruhe an einem Buch über seine Reise schreiben, das im kommenden Jahr erscheinen soll. Den Erlös will John spenden. Schon jetzt kann man es vorbestellen unter https://8000km.live/vorbestellen.
Wer ihn an diesem Abend erlebt, ist schnell davon überzeugt, dass daraus ein Bestseller werden dürfte. Im nächsten Jahr dürfte er von Talkshow zu Talkshow reisen. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!
Dieser Abend mit ihm im Kino wirkt nach. Jeder von uns nimmt eine Botschaft mit nach Hause:
Wenn du glücklich werden willst, teile.
Danke, John!
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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