Uwe Bogen
Gedanken zu einem Trend
Kunst? War da was? Wir haben Selfies!
14. April 2026
Zählt in Museen nicht mehr die Kunst selbst, sondern das perfekte Foto davor? Der Aufschwung im Kunsthandel, von dem Nagel-Chef Fabio Straub bei EchtStuttgart sprach, geht mit einer Selfie-Welle einher. Die Debatte darüber ist kontrovers.
Wir sind noch nicht im Louvre in Paris, wo sich viele Besucherinnen und Besucher mit der Mona Lisa fotografieren und ihr dabei den Rücken kehren. Aber wir sind im Dorotheen-Quartier, wo Romulo Kuranyi nichts dagegen hat, wenn sich seine Gäste direkt vor seinen Werken zum Gruppenbild aufstellen. Meist gesellt sich der Künstler und Atelier-Chef gern dazu, wohl wissend, dass solche Fotos im Netz die Neugierde auf das, was man nur teilweise sieht, wecken könnten.
Oder anders formuliert: Hauptsache man ist im Gespräch!
Kunst-Events sind „cool“ – auch für Selfie-Fans
Viele Kunstschaffende freuen sich über den Boom auf dem Kunstmarkt. Es sei gut, ist zu hören, wenn Galerien und Kunstauktionen zu Magneten werden, wenn Werke viele Bieter fänden (nach der Beobachtung von Nadine Müller allerdings vor allem „stark im unteren Segment“). Gleichzeitig müsse man aber auch über die negative Begleiterscheinungen dieses Trends nachdenken. Oftmals stehe stehe nicht das Kunstwerk im Mittelpunkt, sondern der Moment davor. Kunst werde zur Kulisse für das eigene Foto.
Kunst, so sieht es aus, ist zur Alltagskultur geworden, zumindest Teile davon. Dies hat sich kürzlich auch bei der total ausverkauften Retro-Party in der Staatsgalerie gezeigt. Aber auch dort konnte man sehen: DIe Art der Aufmerksamkeit hat sich verändert: Sie ist schneller geworden, flüchtiger, stärker auf sich selbst als auf das Werk gerichtet.
Selfie-Gesichter signalisieren: „Eine tolle Sache“
Den Deutsch-Brasilianer Romulo Kuranyi stört das nicht. Denn das eine helfe dem anderen, sagt er. Der Liebling der Stuttgarter Partypeople, der zuletzt 600 Gäste zur Eröffnung seines Pop-up-Ateliers im Dorotheen-Quartier anlockte, obwohl in seinem Store höchstens 300 Platz haben, freut sich, wenn er unzählige Male auf Social Media gepostet wird – ganz egal, wie viel man von seinen Werken sieht.
Denn die Seflies signalisieren: Da ist was los! Das ist eine tolle Sache! Da müsst ihr dabei sein! Kunst macht Freude!
Zählt der Moment mehr als die Betrachtung? Ganz anders im Museo del Prado in Madrid: Dort wird das Fotografieverbot konsequent durchgesetzt. Keine Handys, keine Ablenkung – dafür ungeteilte Aufmerksamkeit für die Kunst. Das wirkt fast aus der Zeit gefallen, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Respekt vor dem Werk wird hier nicht nur erwartet, sondern eingefordert.
Früher war das Fotografieren in Museen ohnehin meist untersagt – nicht aus kulturkritischen Gründen, sondern aus praktischen: Blitzlicht konnte Werke beschädigen. Heute sind die technischen Hürden gefallen, und Museen wollen digital anschlussfähig bleiben. Bilderklärungen holt man sich über Codes aufs Handy. Vielleicht ist genau dies das Dilemma: Man will offen sein, modern, nahbar – und verliert dabei ein Stück Konzentration auf das Wesentliche.
Die Lösung liegt wohl nicht im Entweder-oder. Weder totale Freiheit noch striktes Verbot werden der Situation gerecht. Was es braucht, ist ein bewusster Umgang: klare Regeln, sensible Zonen, vielleicht auch Momente, in denen das Handy bewusst in der Tasche bleibt. Nicht jede Ausstellung muss zur Selfie-Kulisse werden.
Denn bei allem neuen Kunsthype gilt: Kunst ist mehr als ein Hintergrund. Wer sie nur durch die Linse erlebt – oder schlimmer noch, ihr den Rücken zukehrt –, verpasst, weshalb es sich lohnt, ins Museum zu gehen. Aber man darf auch Spaß an sich selbst finden – noch dazu, wenn in der Umgebung von Kunst und bei Events, sie zu feiern, diese Lebensfreude steigert.
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