Uwe Bogen

Gedanken zu einem Trend

Kunst? War da was? Wir haben Selfies!

14. April 2026

Zählt in Museen nicht mehr die Kunst selbst, sondern das perfekte Foto davor? Der Aufschwung im Kunsthandel, von dem Nagel-Chef Fabio Straub bei EchtStuttgart  sprach, geht mit einer Selfie-Welle einher. Die Debatte darüber ist kontrovers. 

Fotos vor seinen Kunstwerken, die man dann nicht vollständig sieht - Romulo Kuranyi hat nix dagegen. Foto: privat

Wir sind noch nicht im Louvre in Paris, wo sich viele Besucherinnen und Besucher mit der Mona Lisa fotografieren und ihr dabei  den Rücken kehren. Aber wir sind im Dorotheen-Quartier, wo Romulo Kuranyi nichts dagegen hat, wenn sich seine Gäste direkt vor seinen Werken zum Gruppenbild  aufstellen. Meist gesellt sich der Künstler und Atelier-Chef  gern dazu, wohl wissend, dass solche Fotos im Netz die Neugierde auf das, was man nur teilweise sieht, wecken könnten.

Oder anders formuliert: Hauptsache man ist im Gespräch! 

Bei  EchtStuttgart sprach  Fabio Straub, der 34-jährige CEO des traditionsreichen Auktionshauses Nagel, über den Aufschwung im Kunsthandel und den Boom speziell bei jungen Bietern. Die  Galeristin Nadine Müller vom Neuen Kunstverlag, die auch als Art Curator und Art Advisor tätig. ist, hat sich daraufhin bei uns gemeldet. Sie gibt Straub völlig  Recht und freut sich mit ihm über die neue Entwicklung. 

Kunst-Events sind „cool“ – auch für Selfie-Fans 

Doch der neue Trend habe auch eine Kehrseite. Zwar seien Kunstevents „cool“ geworden, schreibt sie uns, doch deshalb hätten Selfies, auf denen man kaum noch die Kunst sieht, zugenommen.  Selfies in Museen – ja oder nein? Ein bisschen ist’s, als diskutiere man über Vor- und Nachteile eines Handyverbots in Schulen.  
Das Kunstwerk in der Staatsgalerie und der Mann davor sind ein Blickfang. Entsteht so ein Gesamtkunstwerk? Foto: ubo

Viele  Kunstschaffende freuen sich über den Boom  auf dem Kunstmarkt.  Es sei gut, ist zu hören, wenn  Galerien  und Kunstauktionen zu Magneten werden,  wenn Werke viele Bieter  fänden (nach der Beobachtung von Nadine Müller  allerdings vor allem „stark im unteren Segment“). Gleichzeitig müsse man  aber auch über die negative Begleiterscheinungen dieses Trends  nachdenken. Oftmals stehe stehe nicht das Kunstwerk im Mittelpunkt, sondern der Moment davor. Kunst werde zur Kulisse für das eigene Foto.

Kunst, so sieht es aus,  ist  zur Alltagskultur geworden, zumindest Teile davon. Dies hat sich kürzlich auch bei der total ausverkauften Retro-Party in der Staatsgalerie gezeigt. Aber auch dort konnte man sehen: DIe Art der Aufmerksamkeit hat sich verändert: Sie ist schneller geworden, flüchtiger, stärker auf sich selbst als auf das Werk  gerichtet.

Selfie-Gesichter signalisieren: „Eine tolle Sache“

Den Deutsch-Brasilianer Romulo Kuranyi stört das nicht. Denn das eine helfe  dem anderen, sagt er. Der Liebling der Stuttgarter Partypeople, der zuletzt 600 Gäste zur Eröffnung seines Pop-up-Ateliers im Dorotheen-Quartier  anlockte, obwohl in seinem Store höchstens 300 Platz haben,  freut sich, wenn er unzählige Male auf Social Media gepostet wird  – ganz egal, wie viel man von seinen Werken sieht.

Denn die Seflies signalisieren: Da ist was los! Das ist eine tolle Sache! Da müsst ihr dabei sein! Kunst macht Freude!

Zählt der Moment mehr als die Betrachtung? Ganz anders im Museo del Prado in Madrid: Dort wird das Fotografieverbot konsequent durchgesetzt. Keine Handys, keine Ablenkung – dafür ungeteilte Aufmerksamkeit für die Kunst. Das wirkt fast aus der Zeit gefallen, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Respekt vor dem Werk wird hier nicht nur erwartet, sondern eingefordert.

Früher war das Fotografieren in Museen ohnehin meist untersagt – nicht aus kulturkritischen Gründen, sondern aus praktischen: Blitzlicht konnte Werke beschädigen. Heute sind die technischen Hürden gefallen, und Museen wollen digital anschlussfähig bleiben. Bilderklärungen holt man sich über Codes aufs Handy. Vielleicht ist genau dies das Dilemma: Man will offen sein, modern, nahbar – und verliert dabei ein Stück Konzentration auf das Wesentliche.

Die Lösung liegt wohl nicht im Entweder-oder. Weder totale Freiheit noch striktes Verbot werden der Situation gerecht. Was es braucht, ist ein bewusster Umgang: klare Regeln, sensible Zonen, vielleicht auch Momente, in denen das Handy bewusst in der Tasche bleibt. Nicht jede Ausstellung muss zur Selfie-Kulisse werden.

Denn bei allem neuen Kunsthype gilt: Kunst ist mehr als ein Hintergrund. Wer sie nur durch die Linse erlebt – oder schlimmer noch, ihr den Rücken zukehrt –, verpasst, weshalb es sich lohnt, ins Museum zu gehen. Aber man darf auch Spaß an sich selbst finden – noch dazu, wenn in der Umgebung von Kunst und bei Events, sie zu feiern, diese Lebensfreude  steigert.

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