Uwe Bogen
Stuttgart-Album über 30 Jahre 0711
„Mega-blödes Timing“ – die Nacht, in der Stuttgart gleichzeitig Hip-Hop und den VfB feiert
17. Mai 2026
„Das ist ein mega-blödes Timing“, sagt Strachi. Ausgerechnet am 23. Mai feiert sein 0711-Büro den 30. Geburtstag beim SWR-Sommerfestival auf dem Schlossplatz – während der VfB in Berlin im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern spielt. Da wie dort ist ausverkauft. Ein Blick auf Stuttgarts Hip-Hop-Anfänge.
An diesem Abend gehen beim SWR-Sommerfestival auf dem Schlossplatz die Blicke nicht nur Richtung Bühne. Während Afrob, Massive Töne, Clueso oder Jan Delay auftreten, werden viele Fans immer wieder aufs Handy schielen, um zu sehen, was der VfB in Berlin macht. Und backstage läuft garantiert der Fernseher. Das ist halt echt Stuttgart: mal Hip-Hop, mal Fußball – oder beides gleichzeitig.
„Wir hätten gern einen anderen Termin gehabt“, sagt Johannes „Strachi“ Strachwitz, der Mitgründer des 0711-Büros im Gespräch mit EchtStuttgart, „aber es ist, wie es ist.“
Und so ist es, wie es ist: Das Geburtstagskonzert ist längst ausverkauft. Vor einem Jahr, als der VfB schon mal im DFB-Finale stand und den Pokal holte, pausierte das SWR-Sommerfestival. Deshalb gab es am schönsten Platz der Stadt ein bis heute unvergessenes Public Viewing. Diesmal kehrt das Festival an Pfingsten zurück.
Vor 30 Jahren erschien „Kopfnicker“ – der Rest ist Geschichte
Wer verstehen will, warum „30 Jahre 0711“ für Stuttgart mehr ist als nur eine große Jubiläumsfeier mit Stars der Hip-Hop-Szene , muss zurück in die 1990er-Jahre blicken. 1991 haben Showi, Ju, Wasi und DJ 5ter Ton die Band Massive Töne gegründet. Ihr Debütalbum „Kopfnicker“ erschien 1996, also vor genau 30 Jahren, und machte die Stuttgarter im der ganzen Szene bekannt.
Schauen wir uns nun den 2002 erschienenen Song „Cruisen“ an, der das Stuttgart-Gefühl jener Zeit ziemlich gut einfängt – und heute vermutlich so nicht mehr geschrieben würde. Die Massiven Töne inszenieren sich darin mit einer Mischung aus Ironie, Macho-Attitüde und demonstrativem Selbstbewusstsein als Kings des Kessels. Im Refrain erklären sie sich zu den „Coolsten“, wenn sie mit dicken Autos durch Stuttgart fahren und dabei Frauenblicke einsammeln.
Wie sich Stuttgart damals selbst feierte
Im ersten Vers rappt Ju davon, Verkehrsregeln zu ignorieren, vor der Polizei abzuhauen und mit „200 PS“ durch die Nacht zu jagen – immer auf der Suche nach der nächsten Frau und darauf bedacht, das eigene Gangster-Image zu pflegen. Das war Anfang der 2000er Teil dieser überzeichneten Hip-Hop-Inszenierung zwischen Straßenfilm, Partyfantasie und Benztown-Mythos.
Heute würde manche Zeilen vermutlich deutlich kritischer ausfallen, nicht so auto-verherrlichend und macho-haft. Gerade deshalb erzählt der Song viel über die Zeit, aus der er stammt – und über ein Stuttgart, das sich damals zwischen Hip-Hop-Hype, Autokultur und Größenwahn selbst feierte.
In den 1990ern entstanden rund um die Jugendhäuser Mitte und West jene Netzwerke, Crews und Freundschaften, aus denen die legendäre Kolchose hervorging. Stuttgart wurde zum Zentrum einer neuen deutschen Rapkultur.
Hier wurde Hip-Hop nicht kopiert, sondern neu erfunden: politisch, funky, intelligent, tanzbar – mit diesem einzigartigen „Benztown“-Sound zwischen US-Einflüssen und schwäbischer Eigenart.
Mitten drin: Schowi und Strachi
1996 gründeten Jean-Christoph „Schowi“ Ritter und Johannes „Strachi“ Strachwitz das 0711-Büro – zunächst als kreatives Netzwerk, später als Label, Booking-Agentur, Veranstalter und Motor einer ganzen Szene. Heute würde man vermutlich von einem Startup sprechen. Nur dass dieses Startup nicht Apps gebaut hat, sondern deutsche Popkultur.
Eine Family Jam wie früher
Die Jubiläumsshow auf dem Schlossplatz am 23. Mai soll genau dieses Gefühl wiederbeleben. Keine Greatest-Hits-Show, sondern ein großes Familientreffen – ganz im Geist der legendären „Kopfnicker Family Jam“. Dumm nur, dass gleichzeitig das DFB-Pokal steigt. Viele Kopfnicker sind VfB-Fans.
Die Geschichte des 0711-Büros war allerdings nie nur eine reine Erfolgsgeschichte. Ende der 1990er-Jahre dominierten zeitweise gleich mehrere Stuttgarter Acts die deutschen Charts. Stuttgart war plötzlich Hauptstadt des deutschen Rap. Doch nach dem Boom folgte der Absturz.
Der Buchhalter hat 400.000 Euro unterschlagen
Ein Betrugsfall erschütterte das 0711-Imperium. Über 400.000 Euro verschwanden, unterschlagen vom eigenen Büromitarbeiter. Vertrauen zerbrach. Der große Hip-Hop-Hype flaute erst mal ab, um dann wieder zurückzukommen.
In der neuen SWR-Dokumentation „0711 – HipHop made in Stuttgart“ sprechen Schowi und Strachi erstmals offen über diese Zeit – und darüber, wie sie sich danach neu erfinden mussten.
Die Doku begleitet gleichzeitig die Rückkehr der alten Weggefährten zur großen Family Jam auf dem Schlossplatz. Vom 11. Juni 2026 ist der Film in der ARD-Mediathek zu sehen, am 4. Juli läuft er im SWR.
Wer in den 90ern in Stuttgart aufgewachsen ist, dem könnten diese Textzeilen noch im Kopf stecken: „Willkommen in der Mutterstadt, der Motorstadt am Neckar, Mekka für Rapper, zu viele meckern.“ Dieser Song der Massiven Töne trägt den Titel „Mutterstadt“. Darin verrät die Band, wen sie hasst: nämlich den Banker, „der beim Keplerstraßen-Checker ’n Päckchen Gras sucht, abends gediegen in Paul’s Boutique mit dem Sektglas groovt und sagt, dass er seine Stadt eigentlich gar nicht mag“.
Stuttgart bleibt Mutterstadt
Vielleicht ist genau das Erstaunlichste an der Geschichte über 30 Jahre 0711: Dass Stuttgart trotz mancher Rückschläge seinen Hip-Hop nie ganz verloren hat. Und der unglaubliche Run auf die Karten der Abschiedstour der Fantastischen Vier zeigt, dass Stuttgart die Mutterstadt bis heute geblieben ist.
Viele Szenen verschwinden irgendwann in Nostalgie. Die Stuttgarter Rap-Geschichte dagegen lebt weiter – in Clubs, auf Festivals, in Agenturen, Studios und Jugendhäusern.
Und vielleicht auch an diesem Abend auf dem Schlossplatz, wenn tausende Menschen gleichzeitig „Mutterstadt“ mitsingen und nebenher nervös aufs Pokalfinale schielen.
Die Aftershow steigt übrigens nur wenige Meter weiter in der Lerche 22 im Marquardt-Gebäude – mit BUNA, DJ Ron, DJ Emilio und DJ Friction.
Ohne Vorverkauf. Begrenzte Kapazität.
Ganz wie früher also. Wie geil ist das denn, wieder mit dem Kopf zu nicken.
Mehr über die Stuttgarter Stadtgeschichte erfahrt ihr auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums.
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