Echt Stuttgart

Kaufhof-Gebäude in Stuttgart

Schaufenster der Erinnerung: Wo Zwangsarbeit zum Alltag gehörte

19. Juni 2026

Neckarstraße, Schlotwiese, Pragstraße: Ganz normale Orte im Stuttgarter Stadtbild – und zugleich Schauplätze eines dunklen Kapitels der Geschichte. Eine neue Fotoausstellung im Schaufenster des früheren Kaufhofs zeigt 150 Orte der NS-Zwangsarbeit und macht sichtbar, was lange verborgen blieb.

Im Schaufenster der ehemaligen Galerie-Kaufhof an der Eberhardstraße sind Stuttgarter Orte von Zwangsarbeit zu sehen. Fotos: Uwe Nogen

Wo heute Autos fahren, Menschen einkaufen oder zur Arbeit gehen, mussten einst Tausende von Menschen aus den von Deutschland besetzten Ländern gegen ihren Willen arbeiten. Ein Schaufenster in der Stuttgarter City, in der einst Puppen neue Kollektionen trugen,  rückt  ein Kapitel der Stadtgeschichte ins Blickfeld, das lange kaum ein Thema war.

Das Erdgeschoss des ehemaligen  Galeria-Kaufhof-Gebäudes verwandeln sich bis Ende Septemberin einen offenen Lern- und Erinnerungsort.

Mehr als 150 dokumentierte Orte

Grundlage des Projekts ist die Recherche des Arbeitskreises Zwangsarbeit Stuttgart. Die Initiative hat mehr als 150 Orte im Stadtgebiet dokumentiert, an denen zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt oder untergebracht waren. Dazu zählen große Industriebetriebe ebenso wie kleinere Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, ehemalige Lager, Schulen oder Gaststätten.

Viele dieser Schauplätze existieren noch heute, ihre historische Bedeutung ist jedoch meist nicht mehr erkennbar.

Mehr als 150 dokumentierte Orte

Grundlage des Projekts ist die Recherche des Arbeitskreises Zwangsarbeit Stuttgart. Die Initiative hat mehr als 150 Orte im Stadtgebiet dokumentiert, an denen zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt oder untergebracht waren. Dazu zählen große Industriebetriebe ebenso wie kleinere Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, ehemalige Lager, Schulen oder Gaststätten.

Viele dieser Schauplätze existieren noch heute, ihre historische Bedeutung ist jedoch meist nicht mehr erkennbar.

Die Stadt von heute – mit dem Blick auf gestern

Das Fotografen-Duo Andreas Langen und Kai Loges, bekannt als „die arge lola“, hat die historischen Orte in ihrem heutigen Zustand fotografiert. Die großformatigen Aufnahmen zeigen die alltägliche Gegenwart der Stadt und eröffnen gleichzeitig einen Blick auf ihre Vergangenheit. Ergänzende Informationen erläutern die Geschichte der jeweiligen Standorte und ordnen sie historisch ein.

Initiiert wurde die Ausstellung von der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Stuttgarter Kulturamts gemeinsam mit dem Arbeitskreis Zwangsarbeit Stuttgart und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Für die Gestaltung zeichnet die Grafikerin Ina Bauer verantwortlich.

Digitale Karte ergänzt die Ausstellung

Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, kann dies auch online tun. Die recherchierten Orte sind inzwischen auf einer digitalen Karte erfasst. Parallel zur Ausstellung wird dort zudem eine Bildergalerie mit weiteren Informationen bereitgestellt.

Über 40.000 Betroffene in Stuttgart

Während des Zweiten Weltkriegs war Zwangsarbeit ein zentraler Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft. Allein in Stuttgart mussten mehr als 40.000 Menschen aus den vom Deutschen Reich besetzten Ländern arbeiten. Historiker gehen davon aus, dass nahezu jeder Betrieb in Stuttgart mit mehr als fünf Beschäftigten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einsetzte.

Die Lebensbedingungen der Betroffenen unterschieden sich je nach Herkunft, Einsatzort und Unterbringung erheblich. Gemeinsam war ihnen jedoch, dass sie ihre Arbeit nicht freiwillig verrichteten und sich gegen Ausbeutung oder Misshandlungen kaum zur Wehr setzen konnten.

Erinnern, dokumentieren, sichtbar machen

Die öffentliche Auseinandersetzung mit diesem Thema begann vergleichsweise spät. Erst seit den späten 1980er-Jahren rückten die Schicksale der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter stärker in den Fokus von Forschung und Öffentlichkeit. In Stuttgart haben dazu unter anderem wissenschaftliche Studien, Archivprojekte und die Arbeit engagierter Initiativen beigetragen.

Seit 2022 treibt der Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Stuttgart“ die Dokumentation der Lager- und Arbeitsorte intensiv voran. Ziel ist es unter anderem, einen zentralen Erinnerungsort für die Opfer der Zwangsarbeit in Stuttgart zu schaffen.

Die Ausstellung in der Eberhardstraße zeigt eindrücklich, dass Geschichte nicht nur in Museen stattfindet. Sie liegt oft direkt vor unserer Haustür – verborgen hinter Fassaden, an Straßenecken und auf Wegen, die wir jeden Tag nutzen.

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