Uwe Bogen

Kolumne Stadtleben

Warum man sich an solchen Sommertagen gleich wieder in Stuttgart verliebt

20. Juni 2026

36 Grad, Daydance unter Palmen auf dem Kleinen Schlossplatz und entspanntes Flohmarkt-Stöbern zwischen historischen Skulpturen: Urlaub am Mittelmeer könnte nicht viel schöner sein. Ein Streifzug vom Waranga zum Lapidarium – und schon verliebt man sich gleich wieder in Stuttgart. 

Dayparty unter Palmen auf dem Kleinen Schlossplatz Foto: Uwe Bogen

36 Grad, und es wird noch heißer
Mach den Beat nie wieder leiser
36 Grad, kein Ventilator
Das Leben kommt mir gar nicht hart vor

2Raumwohnung

An 36-Grad-Tagen sind die Köpfe von Stuttgarts Kreativen trotz der Superhitze nicht ausgetrocknet. 

Berti hat ein Herzchen gepostet. Frisch verliebt, juhu. Endlich wieder Schmetterlinge im Bauch. „In einer Beziehung mit dem Ventilator“, schreibt er  dazu.

Erst schmunzelt man darüber. Bis man durch die Stadt läuft und feststellt: Es gibt tatsächlich Menschen, die mit Mini-Ventilatoren spazieren gehen. Kleine Propeller in der Hand, die tapfer gegen die 36 Grad ankämpfen.

Dabei klingt plötzlich ein Lied im Ohr. „36 Grad, und es wird noch heißer …“ Von 2Raumwohnung. Der Soundtrack dieses Sommertages. Stimmt alles in dem Song von 2007. Das Leben kommt mir gar nicht hart vor. Und der DJ vom Kleinen Schlossplatz macht den Beat nie wieder leiser – ganz im Gegenteil. 

Feiern unter Palmen und blauem Himmel - this is Stuttgart! Foto: Uwe Bogen

Auf dem Kleinen Schlossplatz hat die Waranga Bar zur Dayparty eingeladen. Tanzen am Tag – das ist längst ein Trend in Stuttgart. Unter der riesigen Palme bewegen sich sommerlich gekleidete Menschen zu elektronischen Beats, als wären sie auf einer Urlaubsinsel irgendwo im Mittelmeer. Sonnenbrillen, Muskelshirts. Die Stimmung: Ferienmodus. Es ist voll, heiß, als wären wir gemeinsam in einer Strandbar, nur wenige Schritte vom Meer entfernt.

Aus dem Food Truck gibt es Spaghetti-Eis. Wer braucht bei solchen Temperaturen schon einen Flug ans Meer? Für ein paar Stunden reicht manchmal ein Platz unter einer Palme mitten in Stuttgart. Wer an diesem Samstag schon um 12 Uhr mit dem Day-Dance-Party beginnt, ist rechtzeitig fertig bis zum Deutschland-WM-Spiel um 22 Uhr. 

  • SCHAUT EUCH HIER DAS VIDEO VON DER WARANGA-DAY-PARTY AN:

Später führt der Weg ins Städtische Lapidarium. Schon dieser Ort ist ein kleines Wunder. Einer der schönsten Plätze der Stadt. Zwischen historischen Skulpturen, Säulen und steinernen Zeugen früherer Jahrhunderte erzählt die Vergangenheit ihre Geschichten.

Dazu passt der Second-Hand-Markt perfekt. Menschen stöbern zwischen Mode, Schmuck, Sonnenbrillen, Taschen und alten Magazinen. Es wird gefeilscht, gestrahlt  und entdeckt. Findus Kafé versorgt die Besucherinnen unnd Besucher mit fair gehandeltem Kaffee. Auch hier fühlt sich alles an wie in der Ferne: wie auf einem Markt in einer südlichen Altstadt, auf dem man ohne Ziel umherschlendert und plötzlich etwas findet, von dem man gar nicht wusste, dass man es sucht.

Vergangenheit trifft Mode beim Second-Hand-Markt im Städtischen Lapidarium Geheimtipp. Foto: Uwe Bogen

„Oh, ein altes Porno-Heft“, ruft ein junger Mann belustigt – und liest laut was vor, als stünde das auf dem Verkaufsschild: „Inklusive Samenspende erhältlich.“ Seine Clique gluckst vor Lachen. 

Kurz danach entdecke ich bei einem Stand von Mutter und Tochter eine Sonnenbrille der Designer-Marke Hickmann mit blau getönten Gläsern. Zehn Euro. Ein Schnäppchen. Später lese ich im Netz, dass sie neu 139 Euro kostet. Manchmal besteht das Glück eben aus einer gebrauchten Sonnenbrille und einem Sommernachmittag

Das Lapidarium zählt zu den schönsten Orten von Stuttgart. Foto: Uwe Bogen

Während die Sonne noch immer vom Himmel brennt und die Hitze das Tempo der Stadt drosselt, wirkt selbst die Fußgängerzone erstaunlich entspannt. Alles läuft ein wenig langsamer ab. Denn sollte man zu schnell gehen, schwitzt man wie nach einem Halbmarathon. Deshalb gilt: nur keine Eile! 

Wer sich an einem solchen Sommertag in die Innenstadt wagt, entdeckt, was Stuttgart so liebenswert macht. Nicht die großen Attraktionen sind es. Sondern die kleinen Geschichten dazwischen.

Die Menschen, die unter Palmen tanzen, als wäre das Meer nur einen Spaziergang entfernt. Die Passantin mit ihrem Mini-Ventilator. Der junge Mann, der sich über ein kurioses Fundstück auf dem Second-Hand-Markt freut. Die Verkäuferin, die sich freut, dass ihr Lieblingsstück einen neuen Besitzer findet. Das Spaghetti-Eis auf dem Kleinen Schlossplatz. Die Gespräche zwischen den alten Steinen des Lapidariums.

36 Grad.

Und plötzlich fühlt sich Stuttgart ganz leicht an.

Wie eine Stadt, in die man sich immer wieder neu verlieben kann.

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