Uwe Bogen
Proben für die "Optimistinnen"
Starke Frauen im Alten Schauspielhaus: Der Erfolg von „Istanbul“ wird weitererzählt
31. Mai 2026
Nach dem Erfolg von „Istanbul“ erzählt das Alte Schauspielhaus mit „Die Optimistinnen“ die Geschichte von Gastarbeiterinnen, wie man sie damals nannte, in den 1970er-Jahren weiter. Die musikalische Produktion feiert am 12. Juni Premiere. Eindrücke von den Proben.
Ein vergessenes Kapitel der Migrationsgeschichte
Schon während der Proben für die „Optimistinnen“ wird deutlich: Hier entsteht kein historischer Lehrabend, aus dem sich ein Zeigefinger erhebt, sondern ein Stück voller Musik, Energie , Spaß und Emotionen. Auf der Bühne treffen starke Frauenfiguren auf mitreißende Live-Musik, persönliche Schicksale auf gesellschaftliche Fragen.
Grundlage der Inszenierung ist der gleichnamige Roman der Autorin Gün Tank. Im Mittelpunkt steht die junge Istanbulerin Nour, die Anfang der 1970er-Jahre als „Gastarbeiterin“ nach Deutschland kommt. In dem Wort steckt der „Gast“, was einen freundlichen Empfang und einen vorübergehenden Aufenthalt suggeriert. Viele der Betroffenen wurden jedoch gar nicht freundlich behandelt und blieben dauerhaft, gründeten Familien und wurden Teil der deutschen Gesellschaft.
Einige von ihnen empfinden den Begriff deshalb als überholt oder als Ausdruck einer Perspektive, die ihre Lebensleistung und Zugehörigkeit nicht ausreichend würdigt. Weil das Stück die „Optimistinnen“ in den 1970er Jahren spielt, ist der Begriff also historisch korrekt.
Ohne Hoffnung beginnt Nour ein neues Leben, muss jedoch schnell erfahren, dass die Realität in Fabrik und Wohnheim wenig mit ihren Erwartungen gemein hat. Gemeinsam mit anderen Frauen setzt sie sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und ungleiche Bezahlung zur Wehr.
Frauen rücken in den Mittelpunkt
Für Regisseur Murat Yeginer ist genau diese Perspektive entscheidend. Während die Geschichte der Gastarbeiter in Deutschland häufig aus männlicher Sicht erzählt werde, richte „Die Optimistinnen“ den Blick auf die Frauen, die ebenfalls zum wirtschaftlichen Aufbau beitrugen und dabei oft unter schwierigen Bedingungen arbeiteten. Zugleich gehe es nicht nur um Entbehrungen und Konflikte, sondern auch um Zusammenhalt, Mut und Lebensfreude.
Diese Mischung spiegelt sich in der musikalischen Gestaltung wider. Das Ensemble wird von einer Live-Band begleitet, die traditionelle und moderne Klänge miteinander verbindet. Türkische Lieder, populäre Songs und eigens arrangierte Musiknummern sollen die verschiedenen Schauplätze und Stimmungen des Stücks hörbar machen. Musik übernimmt dabei weit mehr als eine begleitende Funktion – sie wird zum Erzählelement.
Wandelbare Bühne für eine Reise zwischen zwei Welten
Auch optisch setzt die Produktion auf Wandelbarkeit. Das Bühnenbild ermöglicht schnelle Ortswechsel zwischen Deutschland und der Türkei sowie zwischen Fabrikalltag, Wohnheim und privaten Erinnerungsräumen. Unterstützt durch Lichtstimmungen und Projektionen entsteht eine Inszenierung, die historische Ereignisse mit persönlichen Geschichten verknüpft.
Nachfolger des Erfolgsstücks „Istanbul“
Dass die Erwartungen hoch sind, überrascht nicht. Yeginers vorherige Produktion „Istanbul“ entwickelte sich am Alten Schauspielhaus zu einem Publikumserfolg und wurde als beliebteste Inszenierung der Spielzeit ausgezeichnet. Intendant Axel Preuß hofft, mit den „Optimistinnen“ an diesen Erfolg ankmüpfen zu können – diesmal also mit einem Stück aus weiblicher Sicht.
Begleitet wird die Produktion von einem Rahmenprogramm in Kooperation mit dem Deutsch-Türkischen Forum Stuttgart. Nach ausgewählten Vorstellungen sind Gespräche mit Expertinnen und Experten geplant, die historische Hintergründe und aktuelle Bezüge vertiefen.
Bis Mitte Juli stehen zahlreiche Vorstellungen auf dem Spielplan. Dass bereits die Premiere am 12. Juni restlos ausverkauft ist, zeigt das große Interesse auch der türkischen Community an einer Geschichte, die lange im Schatten der öffentlichen Erinnerung stand. „Die Optimistinnen“ holen diese Frauen ins Rampenlicht – mit Musik, Humor und einer bemerkenswerten Portion Zuversicht.
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