Uwe Bogen
Kommentar
Stuttgart-Sign: Warum das neue Wahrzeichen zur völlig falschen Zeit kommt
3. Juni 2026
Die Idee ist gut. Ein Stuttgart-Sign kann Aufmerksamkeit schaffen. Doch der Zeitpunkt ist völlig falsch: Während Bäder schließen, Kultur- und Sozialeinrichtungen ums Überleben kämpfen und überall gespart wird, sind 470.000 Euro für einen Schriftzug ein Affront, findet Uwe Bogen. Was bei der Demo geplant ist.
Am Samstag gegen 16 Uhr wird der Marktplatz zur Bühne: Unter anderem singt der Chor der Staatsoper unter der Leitung von Cornelius Meister, weitere künstlerische Beiträge sind geplant, ebenso Reden aus dem Kultur- und Sozialbereich – aus Bereichen, die von extremen Kürzungen betroffen sind. Den Höhepunkt bildet eine spektakuläre Aktion: Rund 1000 Menschen sollen sich nach einer genau vorbereiteten Choreografie zum Schriftzug „STUTTGART“ aufstellen. Motto: „Wir sind das Sign“.
Dabei ist die Idee, gegen die sich dieser Protest richtet, gut. Stuttgart braucht Attraktionen, die Aufmerksamkeit erzeugen. Die Idee der CDU-Gemeinderatsfraktion, ein neues, markantes Stuttgart-Sign zu schaffen, an dem Touristen Fotos machen und diese Bilder in die Welt tragen, verdient grundsätzlich Unterstützung. Städte stehen heute im Wettbewerb um Besucher, Besonderheiten und Aufmerksamkeit. Ein attraktives Wahrzeichen kann dazu beitragen.
Doch gute Ideen müssen auch zum richtigen Zeitpunkt kommen.
Und dieser Zeitpunkt ist es nicht.
Große Demonstration am Samstag vor dem Rathaus
Doch es ist der richtige Zeitpunkt, gemeinsam zu demonstrieren. Kulturschaffende, soziale Initiativen, Bildungseinrichtungen und viele Bürgerinnen und Bürger setzen sich am Samstag bei der Kundgebung gegen weitere Kürzungen im städtischen Haushalt zur Wehr.
Der Aufschrei ist verständlich.
Denn während Stuttgart vor gewaltigen finanziellen Herausforderungen steht, Schwimmbäder geschlossen werden, soziale Einrichtungen um ihre Zukunft kämpfen und zahlreiche Kulturinstitutionen nicht wissen, wie es weitergeht, stehen für einen neuen Schriftzug auf dem Marktplatz bis zu 470.000 Euro im Raum. Fast eine halbe Million Euro für ein neues Instagram-Motiv. Eine gefühlte Mehrheit in der Stadt versteht das nicht. Wohin man auch kommt, stößt man auf heftige Ablehnung.
Stuttgart-Marketing-Geschäftsführer Armin Dellnitz hat den Gegenwind längst registriert und angekündigt, deutlich unter den 470.000 Euro bleiben zu wollen. Entwürfe von Künstlern oder Designbüros gibt es bisher allerdings nicht. Erst wenn realisierbare Vorschläge vorliegen, wird der Gemeinderat erneut darüber abstimmen.
Vielleicht ist genau das der richtige Zeitpunkt, um innezuhalten.
Denn Stuttgart besitzt bereits zwei Signs – eines auf der Unteren Königstraße und eines vor dem StadtPalais. Wer ein Erinnerungsfoto machen möchte, hat dazu längst Gelegenheit. Und wer wissen will, welches Motiv Touristen besonders gerne fotografieren, sollte einen Blick in die Stadtbibliothek werfen. Sie zählt zu den beliebtesten Instagram-Spots der Stadt – ganz ohne zusätzliche Hunderttausende Euro an Investitionen.
Längst ein Symbol für eine größere Debatte über Gundsätzliches
Für viele Menschen ist das geplante Sign deshalb längst zum Symbol einer größeren Debatte geworden. Während die Staatsoper Veranstaltungen absagen muss, der Kunstbezirk Öffnungszeiten reduziert und freie Theater um ihre Existenz kämpfen, diskutiert die Stadt über ein weiteres Wahrzeichen für Selfies.
Dabei geht es nicht darum, Stadtmarketing grundsätzlich infrage zu stellen. Im Gegenteil. Stuttgart muss sich zeigen. Stuttgart muss sichtbarer werden. Aber dafür braucht es nicht zwingend einen teuren Schriftzug vor dem Rathaus.
Die Zeiten verlangen derzeit vor allem eines: Augenmaß.
Deshalb sollte die Entscheidung über ein neues Stuttgart-Sign nicht endgültig beerdigt, aber vorerst ausgesetzt werden. Wir hoffen auf bessere Zeiten. Die neue Landesregierung will Wirtschaft und Wachstum stärken. Möge dies Cem Özdemir und Manuel Hagel gelingen! Vielleicht kommen wieder Jahre, in denen die Stadt finanziell mehr Spielraum hat und ein solches Projekt nicht als falsches Signal verstanden wird.
Denn die Wahrheit ist: Stuttgart braucht gerade kein neues Wahrzeichen. Stuttgart hat seine Wahrzeichen längst.
Die Stadt ist nur attraktiv, wenn sie ihre Seele behält
Es sind die Menschen, die diese Stadt lebendig machen. Künstlerinnen und Künstler, Musiker, Ehrenamtliche, Lehrende, Kulturschaffende und all jene, die sich jeden Tag engagieren. Sie machen Stuttgart liebenswert. Sie machen Stuttgart einzigartig.
Wer Stuttgart attraktiv machen will, muss zuerst dafür sorgen, dass diese Stadt ihre Seele behält.
Deshalb sollte die Politik den Protest nicht als Störung verstehen, sondern als Weckruf. Denn wenn mehr als tausend Menschen auf dem Marktplatz einen menschlichen Stuttgart-Schriftzug bilden, senden sie eine Botschaft, die stärker ist als jedes Sign aus Metall, Holz oder Beton: Wir sind Stuttgart.
Jetzt sind die Kreativen dieser Stadt gefordert. Zeigt der Welt, was Stuttgart ausmacht. Erzählt seine Geschichten. Dreht Videos, postet Fotos, entwickelt Ideen, die um die Welt gehen. Flutet Instagram, TikTok und andere Plattformen mit den schönsten, überraschendsten und inspirierendsten Seiten dieser Stadt. Auch unser Magazin EchtStuttgart will alles dafür tun, die guten Seiten unserer Stadt hervorzuheben. Stuttgart-Lovers zeigt, was Eure Lieblingsstadt kann und wie sie noch besser wird!
Zeigt die Kultur, die Architektur, die Weinberge, die Festivals, die Innovationen – und vor allem die Menschen. Nicht ein neues Sign macht Stuttgart einzigartig.
Stuttgart ist einzigartig.
Und die Welt sollte es sehen.
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