Uwe Bogen
Menschliches Zeichen vor dem Rathaus
„Wir sind das Stuttgart-Sign“: Große Demo gegen 470.000 Euro für einen Schriftzug
1. Juni 2026
Während die Stadt Stuttgart vor historischen Finanzproblemen steht, wächst der Widerstand gegen ein geplantes neues Wahrzeichen der Stadt. Für Samstag, 6. Juni, rufen Kulturschaffende, soziale Initiativen und Bildungseinrichtungen zu einer Demonstration auf dem Stuttgarter Marktplatz auf. Unter dem Motto „Wir sind das Stuttgart Sign“ wollen sie gegen weitere Kürzungen im städtischen Haushalt protestieren – und gleichzeitig ein Zeichen gegen die geplanten Ausgaben für ein neues „Stuttgart-Sign“ setzen. Auch EchtStuttgart wird am Samstag vor Ort sein und darüber berichten.
Die Kundgebung beginnt um 16 Uhr. Geplant sind Redebeiträge aus Kultur, Bildung und Sozialarbeit, Live-Musik lokaler Künstlerinnen und Künstler sowie eine symbolische Aktion: Die Teilnehmenden sollen gemeinsam ein menschliches „STUTTGART“-Zeichen bilden.
Fast eine halbe Million Euro für einen Schriftzug
Auslöser der Debatte ist ein Beschluss des Gemeinderats vom 19. Dezember 2025. Damals wurden bis zu 470.000 Euro für einen festen, großformatigen Stuttgart-Schriftzug freigegeben. Das Sign soll als neues Wahrzeichen, Fotomotiv und touristischer Anziehungspunkt dienen.
Vorbilder gibt es weltweit in vielen Städten. Doch braucht Stuttgart wirklich noch ein neues Zeichen? Denn es verfügt bereits über zwei Installationen: einen Schriftzug in der Königstraße sowie einen weiteren vor dem Stadtpalais.
Doch die geplanten Kosten sorgen für heftige Kritik. Denn zeitgleich beschloss der Gemeinderat erhebliche Einsparungen in zahlreichen Bereichen der Stadtgesellschaft. Besonders betroffen sind Kultur, Bildung und soziale Angebote.
Die Demonstrierenden sehen darin ein falsches Signal. In ihrem Aufruf schreiben sie: „Weil Kultur, Bildung und Soziales der Herzschlag Stuttgarts sind, rufen wir für den 6. Juni zu einer Kundgebung gegen weitere kommunale Kürzungen auf.“
Stadtfinanzen unter Druck
Stuttgart steuert auf eine Rekordverschuldung zu. Das Regierungspräsidium hat die Finanzplanung der Landeshauptstadt bereits kritisch bewertet und vor einer nicht zulässigen Verschuldung bis zum Jahr 2030 gewarnt. Dabei mahnt die Aufsichtsbehörde ausdrücklich die Einhaltung der „Generationengerechtigkeit“ an.
Vor diesem Hintergrund erscheint vielen Bürgerinnen und Bürgern die Investition in ein neues Stadtmarketing-Projekt schwer vermittelbar. Eine Online-Petition gegen den geplanten Schriftzug hat bereits Zehntausende von Unterschriften gesammelt.
Vergleich mit bestehendem Stuttgart-Schriftzug
Besonders häufig wird auf die deutlich niedrigeren Kosten des bestehenden Stuttgart-Schriftzugs in der Königstraße verwiesen. Nach Angaben von Stuttgart Marketing kostete dieser insgesamt rund 63.000 Euro. Darin enthalten waren die Konzeption, Gestaltung, Produktion und Wartung während der Fußball-Europameisterschaft 2024. Später kamen weitere Kosten für Abbau, Einlagerung, Neulackierung und erneuten Aufbau hinzu. Auch vor dem Stadtpalais gibt es bereits ein Sign.
Dass nun bis zu 470.000 Euro für ein dauerhaftes Sign im Raum stehen, sorgt deshalb für Diskussionen. Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart Marketing GmbH, versucht der Debatte die Schärfe zu nehmen, indem er sagt, die Summe von 470.000 Euro sei ein Maximalwert und keine feststehende Ausgabe.
Kultur spürt die Sparpolitik heftig
Für viele Demonstrierende geht es längst nicht mehr nur um einen Schriftzug. Das Stuttgart-Sign ist für sie zum Symbol einer grundsätzlichen politischen Prioritätensetzung geworden.
Mehrere Einrichtungen mussten bereits Konsequenzen aus den Haushaltskürzungen ziehen.
Die Staatsoper Stuttgart etwa sagte das für Juli geplante Sommerkonzert des Staatsorchesters auf der Freilichtbühne Killesberg ab. Der Kunstbezirk Stuttgart reduzierte seine Öffnungszeiten und strich den Dienstag als regulären Ausstellungstag. Das freie Theater Rampe konnte sein etabliertes Festival „6 TAGE FREI“ aufgrund einer Halbierung der städtischen Förderung nur noch in einer verkürzten Version durchführen. Das sind nur drei Beispiele von vielen.
Die Organisatoren der Demonstration sehen darin erste sichtbare Folgen einer Sparpolitik, deren Ende derzeit nicht absehbar ist.
Künstler bietet kostenlose Alternative an
Was wird aus dem 15 Meter langen Schriftzug des Künstlers TapeMate, bürgerlich André Brüggemann – Aufschrift: „We Love Stuttgart“ – den SWR als Alternative ins Gespräch gebracht hatte? Die Installation entstand im vergangenen Jahr im Rahmen eines städtischen Förderprojekts und war zuletzt im Schaufenster des ehemaligen Galeria-Kaufhof-Gebäudes an der Eberhardstraße zu sehen.
EchtStuttgart hat dazu Brüggemann befragt. Die Resonanz auf die Installation sei durchweg positiv gewesen, sagt er. Die Konstruktion aus Maschendrahtzaun sei allerdings nicht vandalismussicher und könne daher kein vollwertiger Ersatz für ein dauerhaftes Sign sein.
Dennoch zeigt sein Vorschlag, dass die Diskussion inzwischen weit über die Frage eines einzelnen Schriftzugs hinausgeht.
Symbol für eine größere Debatte
Die Botschaft der Demonstration ist eindeutig: Nicht ein neuer Schriftzug macht Stuttgart lebenswert, sondern die Menschen, die sich in Kultur, Bildung und sozialen Einrichtungen engagieren. Immer lauter werden Fragen gestellt wie diese: Braucht Stuttgart wirklich ein drittes Sign? Bucht jemand in China einen Flug in die Landeshauptstadt, nur weil vor dem Rathaus einen originellen Selfie-Schriftzug steht? Laut einer Studie ist der beliebteste Insta-Spot von Touristen in Stuttgart übrigens die Stadtbibliothek von innen.
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