Kommentar
Beherztes Eingreifen oder unnötiger Ausraster? Das Video von OB Frank Nopper beim Volksfestumzug sorgt für hitzige Diskussionen. Über Tierschutz zu reden, ist wichtig. Doch die Aktivisten kamen der Pferdekutsche gefährlich nahe und riskierten damit, die Tiere zu erschrecken und zu stressen, kommentiert Uwe Bogen.
In den sozialen Netzwerken fallen die Urteile erwartungsgemäß eindeutig aus – nur eben in völlig unterschiedliche Richtungen. Die einen sagen, Frank Nopper (CDU) habe alles richtig gemacht. Andere halten seinen Auftritt für peinlich und sehen darin erneut jene impulsive Seite des Oberbürgermeisters, die bereits bei seinem viel diskutierten Interview mit einer SWR-Reporterin für Aufsehen gesorgt hatte.
Doch zunächst zu dem, was beim Volksfestumzug tatsächlich passiert ist. Am Sonntag bekam EchtStuttgart das Video vom Kollektiv Tierrettung zugeschickt. Es zeigt einen Zwischenfall bei der Pferdekutsche. Wir haben es veröffentlicht, damit sich jeder selbst ein Urteil bilden kann.
Zu sehen ist jedenfalls: Die Aktivisten kommen mit ihrem Transparent sehr nahe an die fahrende Pferdekutsche heran, in der Nopper und seine Frau Gudrun Nopper sitzen. Ein Ordner versucht, die Demonstranten aufzuhalten. Es gelingt ihm nicht. Die Aktivisten laufen weiter neben der Kutsche her. Dann greift Nopper beherzt und sehr schnell nach dem Transparent und zieht es an sich.
Das Kollektiv Tierbefreiung erklärt, dabei sei ein Aktivist leicht an der Hand verletzt worden. Noppers Sprecherin Susanne Kaufmann stellt den Vorgang anders dar. Der Oberbürgermeister habe lediglich das Transparent und keinen der Aktivisten berührt.
Nach Darstellung des Rathauses ging es Nopper vor allem um die Sicherheit. Die „überfallartige Aktion“ habe nicht nur den Umzug gestört, sondern eine unmittelbare Gefährdung dargestellt. Die Pferde hätten durch die Nähe der Aktivisten scheuen können. Zudem habe sich Noppers Frau bedroht gefühlt, weil ihr die Aktivisten extrem nahe gekommen seien.
Diese Erklärung ist nachvollziehbar.
Denn bei aller Diskussion darüber, wie routiniert die eingesetzten Kutschpferde sind: Pferde sind Fluchttiere. Auch gut ausgebildete Tiere, die Menschenmengen, Musik und Umzüge gewohnt sind, bleiben Tiere. Niemand kann mit letzter Sicherheit vorhersagen, wie ein Pferd reagiert, wenn plötzlich Menschen dicht an ein fahrendes Gespann herankommen und unmittelbar daneben ein Transparent hochhalten.
Wären die Aktivisten noch näher an Pferde oder Kutsche gekommen, hätte die Situation kippen können. Bei einem Gespann inmitten zahlreicher Zuschauer wäre das für den Oberbürgermeister und seine Frau ebenso ein Risiko gewesen wie für Demonstranten, Zuschauer und die Pferde selbst.
Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass Nopper nicht einfach sitzen blieb und abwartete. Das bedeutet nicht, dass jede spontane Reaktion eines Oberbürgermeisters automatisch richtig sein muss. Aber er ist auch nur ein Mensch. Von einem Stadtoberhaupt darf Gelassenheit erwartet werden. Ebenso selbstverständlich gilt in einer Demokratie: Protest muss ausgehalten werden. Menschen dürfen ihre Meinung sagen, demonstrieren und auch Positionen vertreten, die Veranstaltern und Politikern überhaupt nicht gefallen.
Wie souverän man damit umgehen kann, hat in.Stuttgart an anderer Stelle gezeigt. Zu Protesten von Peta gegen Tiere beim Landwirtschaftlichen Hauptfest erklärten die Veranstalter: „Dazu gehört auch, dass wir das verfassungsrechtlich geschützte Demonstrations- und Meinungsäußerungsrecht respektieren. Unterschiedliche Sichtweisen gehören zu einer offenen demokratischen Gesellschaft. Das Landwirtschaftliche Hauptfest und das Cannstatter Volksfest verstehen wir als Orte der friedlichen Begegnung.“
Das ist eine Haltung, die auch nach diesem Zwischenfall gelten sollte, der zum Glück relativ gut ausgegangen ist.
Denn auch die Motivation der Tierschützer ist nachvollziehbar. Aktivisten wissen, dass eine Mail mit Forderungen schnell im Postfach verschwindet. Ein Transparent neben der Kutsche des Oberbürgermeisters landet dagegen in Videos, sozialen Netzwerken und Medien. Protestorganisationen suchen bewusst Aufmerksamkeit, um ihre Themen auf die öffentliche Tagesordnung zu bringen.
Genau das ist dem Kollektiv Tierbefreiung gelungen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob Nopper das Transparent hätte an sich nehmen dürfen. Interessanter ist das Thema hinter dem Protest: Braucht es im Jahr 2026 noch Tiere zu Unterhaltungszwecken bei großen Veranstaltungen?
Diese Diskussion ist längst in Stuttgart angekommen. Der Weltweihnachtscircus hat angekündigt, künftig generell auf Tiere zu verzichten. Was jahrzehntelang selbstverständlich erschien, wird heute neu bewertet.
Auch beim Volksfestumzug darf deshalb gefragt werden: Was bedeutet eine solche Veranstaltung für Pferde? Ist das Ziehen einer Kutsche für entsprechend trainierte Tiere unproblematisch? Wie wirken Lärm, Musik, Applaus, Menschenmengen und ungewohnte Situationen auf sie? Und wo endet die Pflege einer Tradition, wenn sich gesellschaftliche Vorstellungen vom Umgang mit Tieren verändern?
Darüber sollte offen diskutiert werden.
Allerdings müssen sich auch die Aktivisten eine unbequeme Frage gefallen lassen: Wer gegen möglichen Stress für Pferde demonstriert, darf durch seine Protestaktion nicht selbst zusätzlichen Stress oder sogar eine gefährliche Situation verursachen.
Darin liegt der Widerspruch dieser Aktion.
Protest darf laut sein, stören und unbequeme Fragen stellen. Aber unmittelbar an einem fahrenden Pferdegespann ist besondere Vorsicht erforderlich. Mediale Aufmerksamkeit darf nicht wichtiger werden als die Sicherheit von Menschen und Tieren.
Deshalb kann man Noppers Reaktion in diesem Moment nachvollziehen, ohne die Forderungen der Tierschützer abzutun.
Die Lehre aus den viel diskutierten Sekunden beim Volksfestumzug könnte deshalb recht einfach sein: Die Aktivisten hätten mehr Abstand halten müssen. Und über die eigentliche Frage – welche Rolle Tiere künftig bei Stuttgarter Traditionsveranstaltungen spielen sollen – sollte jetzt erst recht gesprochen werden.
Denn unterschiedliche Positionen gehören zur Demokratie. Ein wenig Abstand hilft dabei – erst recht, wenn Pferde im Spiel sind.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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