Echt Stuttgart

Stadtführung abseits der Reiseführer:

Zwischen Straßenstrich und Hoffnungshaus: Wo Armut in Stuttgart sichtbar wird

29. Juni 2026

Keine Schlösser, keine Glanzpunkte:  Die Stadtführung „So oder so ist das Leben“ führt zu Orten, an denen Wohnungslose, Suchtkranke und Sexarbeiterinnen ihren Alltag verbringen. Mit Literatur, Musik und  Geschichten gibt sie Menschen eine Stimme, die im Stadtbild oft übersehen werden. 

Die Stadtführung „So oder so ist das Leben“ führt an Orte in der Stuttgarter Innenstadt, die nicht in den Reiseführern vorkommen. Alle Fotos: privat

Bei einer Stadtführung durch Stuttgart würde man erwarten, am Alten Schloss zu starten und über das Neue in den Schlossgarten zur Oper zu gehen. Fakten über Königin Katharina, König Wilhelm II. und seine Charlotte würde die Führung an diesen Orten mit Geschichten ausschmücken.
Die Stadtführung der besonderen Art „So oder so ist das Leben“ führt hingegen an Orte, an denen sich Menschen aufhalten, die viele lieber übersehen. 

Im Zentrum steht nicht das Reden über Armut, sondern das Hörbarmachen von Stimmen. Am Charlottenplatz versammelt sich an diesem heißen Sommerabend eine Gruppe von mehr als 20 Menschen. 37 Grad zeigt das Thermometer noch immer an. Während ringsum Autos, Busse und Passanten die Geräuschkulisse der Innenstadt bilden, beginnt ein Spaziergang, der Stuttgart aus einer ungewohnten Perspektive zeigen will.

Stadführung führt an Orte, die in Reiseführern nicht vorkommen

Doris Walter kennt sich auf den Straßen aus. Seit Jahren führt sie für die Straßenzeitung Trott-war Menschen durch die Stadt und erzählt von einem Stuttgart, das selten in Reiseführern vorkommt.

Sängerin Eleonore Hochmuth stimmt die Gruppe mit dem Lied „So oder so ist das Leben“ auf den Abend ein. Der Titel wurde zum Motto der gesamten Veranstaltung.

Am Hoffnungshaus im Leonhardsviertel

Dann ergreift Daniel Knaus von Trott-war das Wort. Die Hitze sei für Menschen auf der Straße besonders belastend, erklärt er. Während andere sich in kühle Wohnungen zurückziehen könnten, seien Wohnungslose der Sonne oft schutzlos ausgeliefert. Selbst unter Brücken staue sich die Hitze. In den vergangenen Tagen habe es deshalb immer wieder medizinische Notfälle gegeben.

Ein Text aus der Trott-war-Schreibwerkstatt

Anschließend liest er einen Text aus der Trott-war-Schreibwerkstatt. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, deren Bretterverschlag angezündet wurde, während sie darin schlief:

  • Am 18. Januar 2021, neun Tage nach meinem 21. Geburtstag wurde der Bretterverschlag angezündet, in dem ich schlief. Und draußen schrie jemand ‚Ihr müsst sterben!‘ An dem Tag, an dem ein anderer Mensch mich bewusst umbringen wollte, ist etwas in mir kaputtgegangen. Die Tür ging so schnell in Flammen auf – so schnell war die lebensbedrohliche Situation gar nicht zu erfasse. Ich sprang durch die brennende Tür, da ich keine andere Möglichkeit mehr zur Flucht hatte.“

In der Gruppe ist es still, fassungslose Stille. Nur der Lärm der Stadt überdeckt die Ruhe. Genau darum geht es bei der Schreibwerkstatt von Trott-war: Menschen mit Straßenerfahrung erhalten die Möglichkeit, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und Perspektiven sichtbar zu machen, die sonst selten Gehör finden.

Die nächste Station: Olga 46

Weiter geht es zur Olga 46. Statt durch das benachbarte Dorotheen Quartier mit seinen Boutiquen und Cafés führt Doris die Gruppe zu der Tagesstätte der Caritas. Hier erhalten Menschen ohne Wohnung ein kostenloses Frühstück, eine Postanschrift, denn um Sozialleistungen wie Bürgergeld oder Sozialhilfe zu erhalten muss man postalisch erreichbar sein. Schließfächer sind eine praktische Unterstützung, um nicht offensichtlich als wohnungslos erkannt zu werden und so vielleicht vor Anfeindungen oder gar Angriffen besser geschützt zu sein.

Vor der Olga46 singt Eleonore Bertolt Brechts „Ballade vom angenehmen Leben“. Die Lieder sind an diesem Abend weit mehr als musikalische Untermalung. Sie greifen Themen der Orte und Texte auf, schaffen Übergänge und fügen eine weitere Perspektive hinzu.

Ines Witka liest ihre Kurzgeschichte „Take Away“

Dann liest Autorin Ines Witka ihre Kurzgeschichte „Take Away“. Darin begegnen sich zwei Männer, deren Lebenswege unterschiedlicher kaum sein könnten: Einer hat durch Spekulation alles verloren und lebt inzwischen auf der Straße. Der andere steht finanziell auf der Sonnenseite des Lebens und lädt den Fremden spontan auf einen Drink ein. Eine Geschichte über Absturz, Zufall und die Frage, wie nah Wohlstand und Verlust manchmal beieinanderliegen.

Anschließend singt Eleonore Georg Kreislers „Meine Freiheit, deine Freiheit“ – ein Lied, das die Gedanken des Textes aufnimmt und weiterspinnt.

Die Autorin Ines Witka hatte die Idee zu dieser etwas anderen Stadtführung.

Genau diese Verbindung von Literatur, Musik und gelebter Erfahrung bildet den Kern der Stadtführung. Die Idee dazu stammt von Autorin Ines Witka. Gemeinsam mit der Stuttgarter Regionalgruppe des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e. V. (BVjA) entwickelte sie das Format in Zusammenarbeit mit Trott-war. Die Kooperation reicht dabei viele Jahre zurück. Bereits 2019 gingen die Erlöse der Anthologie „(W)ortreich“ an die Straßenzeitung. Aus gemeinsamen Projekten entstand schließlich die Idee, Menschen, Geschichten und Orte auf besondere Weise miteinander ins Gespräch zu bringen.

Wo sich der Straßenstrich illegal ausgebreitet hat

An der Ecke der Spielfläche Pfarrstraße am Straßenstrich erzählt Doris wie es zu der Schranke kam, die die Pfarrstraße zu bestimmten Zeiten abriegelt. Freier drehten dort ihre Runden, denn entlang der Pfarrstraße und der Katharinenstraße hatte sich der Straßenstrich illegal ausgebreitet. Die Anwohner litten unter dem Verkehr, dem Gehupe und der Anmache. Die jungen Frauen waren zum Teil drogenabhängig. Nur ein Zaun trennt den Bolz- und Spielplatz von der Stelle ab, an der die Zuhörerschaft verweilt.

Ein paar Jugendliche spielen Tischtennis. Genau dieser Spielplatz wird aber auch nachts von Suchtkranken aufgesucht, die dort ihre Spritzen liegenlassen. Doris erzählt davon, dass bei einer intensiven Reinigung und Aufbereitung des Sandkastens hunderte gebrauchte Spritzen, Nadeln und Kanülen gefunden worden waren.

Doris Walter

Wenn der Spritzenmann kommt

Seitdem gibt es den Spritzenmann, erzählt Doris Walter. Er läuft jeden Tag seine Runden und sammelt den Drogenmüll ein. Es gibt eben viele Wege auf die Straße: kaputte Karrieren, tragische Schicksalsschläge, Prostitution und/oder Alkohol- und Drogenprobleme.

Ute Bareiss liest aus ihrem Buch „Green Lies – Tödliche Ernte“, den sie als einen erschreckend realistischen Umweltthriller bezeichnet, über das Schicksal eines Orang Utan Weibchen, das zur Prostitution gezwungen wurde. Eine Frau hält sich die Hand vor den Mund. „Ist das wahr?“ „Ja, das gibt es wirklich. Mein Buch ist Fiktion, die Wahrheit ist noch viel schlimmer“, erklärt Ute Bareiss, die als Weltumseglerin viel gesehen hat.

Dagegen wird die käufliche Liebe in dem „Lied des Freudenmädchens Nana“ eher zurückhaltend besungen, hingegen wusste schon Brecht in „Denn wovon lebt der Mensch“, dass zuerst das Fressen kommt und dann die Moral.

Daniel Knaus von Trott-war.

Die nächste Station ist das Leonhardsviertel

Auf dem Weg zur Paulinenbrücke hält Doris in der Leonhardstraße, wo sich ein Bordell an das nächste reiht. Doris erklärt, dass im Café Strich-Punkt männliche, trans und queere Sexarbeiter, und im Café La Strada weibliche etwas zu trinken und essen bekommen, aber auch Beratung und medizinische Hilfe. Während sie spricht, hat sie das HoffnungsHaus im Rücken. Auch dort bekommen Frauen und Transfrauen Hilfe, eine Dusche, Spiele oder Unterstützung, wenn sie aussteigen möchten.

Da es ein christliches Haus sei gibt es auch einen Gottesdienst. „Manche Prostituierte können sich nicht mal Kondome leisten“, sagt Doris. Sie weist auch darauf hin, wie sich das Viertel verändert, Laufhäuser schließen und Bars eröffnen, sogar eine Feinkostbar.

Am Paulinenbrunen endet die Stadtführung

Am Paulinenbrunnen ist die letzte Station der Führung. Daniel hat den Ort ausgewählt, denn er meint, das sei eine Frage des Respekts. Die Menschen würden es sonst als ein Eindringen in ihren Schutzraum verstehen, denn die Paulinenbrücke sei das trockene Wohnzimmer der Obdachlosen und Suchtkranken. Aber nur noch für wenige, wie Doris erklärt. „Früher trafen sich an der alten Tankstelle abends Hunderte auf einen günstigen Kaffee und Bier. Als die Tankstelle abgerissen wurde, war das ein herber Schlag. Nachdem das schicke Einkaufszentrum ‚Das Gerber‘ einzog, hatten die Betreiber Angst vor Umsatzeinbußen, woraufhin die Polizei mit täglichen Kontrollen und Platzverweisen herkam. Das hat die Community zerschlagen.“

Während Doris von der Treffpunkt-Historie berichtet, verteilt Daniel Taschentüchern und anderen Pflegeprodukten an die Menschen, die dort beieinanderstehen. Er lädt sie ein, zum Brunnen zu kommen, und dem Gesang von Eleonore zu lauschen. Ob sie das Lied „Der Säufer“ an diesem Platz singen kann, hat sie lange mit sich gerungen, erzählt sie später, doch letztendlich passt es perfekt, denn es zeigt, dass Alkohol seelische Schmerzen nicht heilt, sondern das Elend und die Trostlosigkeit nur noch deutlicher hervortreten lässt.

Bevor Daniel zwei Gedichte von Urban Grisaille liest, einem Betroffenen, der unter diesem Namen immer wieder für Trott-war schreibt, tröstet er die Gruppe, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass keiner aus der Community die Einladung angenommen habe. Die Communitys wolle oft unter sich sein. Da kann es sein, dass es auch Sozialarbeiter, selbst Sanitäter schwer habe, erklärt Daniel.

Am Ende entstehen doch noch Berührungspunkte. Der Brunnen spendet Trinkwasser,und Wasser brauchen bei der Hitze alle. Ein junger Mann mit Lebensmittelpunkt Straße trinkt aus dem Brunnen. Ein Gast der Führung sagt: „Oh das ist ja Trinkwasser, schön kühl“ und trinkt auch. Der junge Mann erwidert: „Und es schmeckt richtig gut.“

Beide lächeln sich an und dann lauschen sie gemeinsam der Stimme von Eleonore, die „Heute Nacht, Amsterdam“ von Jacques Brel singt.

„Hygenieprodukte werden immer gebraucht“

Viele Stuttgarter wollen helfen, doch sie wissen nicht wie. „Hygieneprodukte werden immer gebraucht“, sagt Daniel. „Duschgel, Damenhygiene und Zahnpflege.“ Er empfiehlt im Paule Club nachzufragen, was gebraucht wird. Davon, Produkte selbst in der Community unter der Paulinenbrücke zu verteilen rät er ab, denn manchmal wollen die Leute unter sich bleiben oder fühlen sich auch durch eine freundliche Ansprache angegriffen. Menschen auf der Straße haben oft negative Erfahrungen mit Passanten gemacht.

Bei der Führung wurden Menschen sichtbar, die vielleicht sonst nicht immer gesehen werden. Mit Gesang, Literatur und wahren Erfahrungen. Der Spaziergang wurde von der Stadt Stuttgart gefördert.

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Illustration von Stuttgart
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