Uwe Bogen
Pride-Wochenende in Stuttgart
Angriffe an Cruising-Orten: Wie der CSD Stuttgart reagiert und mehr Sicherheit empfiehlt
24. Juli 2026
Attacken mit Feuerlöschern: Kurz vor dem Pride-Wochenende erschüttern Ermittlungen zu queerfeindlcher Gewalt gegen schwule Männer die Region Stuttgart. EchtStuttgart sprach mit dem CSD-Vorstand über Wachsamkeit und den Schutz der Community.
Kurz vor dem Pride-Wochenende erschüttern mutmaßlich queerfeindliche Angriffe die Region Stuttgart. Über mehrere Monate sollen schwule Männer an Cruising-Treffpunkten gezielt attackiert und verletzt worden sein. Die Polizei und Staatsanwaltschaft hat am Mittwoch die Wohnungen von fünf Tatverdächtigen im Alter von 20 bis 45 Jahren durchsucht.
Was ist nun zu tun? Welche Konsequenzen sollte man daraus ziehen? Wir sprachen darüber mit den Veranstaltern der Pride-Demo, bei der am Samstag Zehntausende in Stuttgart erwartet werden. Der Vorstand der IG CSD Stuttgart ist „sehr betroffen und schockiert“ über die bekannt gewordenen Angriffe. Aktuell seien dem CSD keine weiteren vergleichbaren Vorfälle in Stuttgart bekannt. Der Verein appelliert an Betroffene und Zeugen, Übergriffe sofort zu melden: „Wer psychische oder körperliche Übergriffe erlebt oder beobachtet, sollte sich umgehend an die Polizei wenden und Anzeige erstatten, damit Taten konsequent verfolgt werden können.“
Für mehr Sicherheit beim Cruising empfiehlt die IG CSD, möglichst nicht völlig abgelegen allein unterwegs zu sein, einer Vertrauensperson den Aufenthaltsort mitzuteilen und bei einem unguten Gefühl die Situation sofort zu verlassen.
Das bevorstehende Pride-Wochenende werde in enger Zusammenarbeit mit der Polizei umfassend abgesichert. Gleichzeitig ruft der CSD dazu auf, aufeinander Acht zu geben und Rücksicht zu nehmen, möglichst auch den Heimweg nicht allein, sondern mit anderen anzutreten.
Polizei durchsucht Wohnungen von fünf Tatverdächtigen
Nach mehreren Angriffen auf Männer, die sich in Stuttgart und Ludwigsburg an öffentlichen Orten zum Sex treffen wollten, hat die Polizei am Mittwoch die Wohnungen von fünf Tatverdächtigen durchsucht. Das teilten die Staatsanwaltschaft Stuttgart sowie die Polizeipräsidien Stuttgart und Ludwigsburg mit.
Vier Männer waren vorläufig festgenommen worden, befinden sich inzwischen aber wieder auf freiem Fuß. Bei den Durchsuchungen fanden die Ermittler umfangreiches Beweismaterial, das nun ausgewertet wird.
Das Landeskriminalamt hatte zuvor geholfen, mehrere Fälle miteinander zu verbinden.
Männer mit Feuerlöschern attackiert
Die mutmaßlichen Angriffe sollen sich zwischen Juni 2025 und April 2026 ereignet haben. Betroffen waren nach Angaben der Polizei der Bereich rund um den Fernsehturm in Stuttgart-Degerloch sowie zwei Autobahnparkplätze an der A81 im Landkreis Ludwigsburg.
Zehn Männer wurden dabei verletzt. Die Ermittler vermuten ein queerfeindliches Motiv, weil die Tatorte bekannte Cruising-Orte waren. Dort treffen sich vor allem schwule Männer zu spontanen sexuellen Begegnungen.
Den fünf Tatverdächtigen wird vorgeworfen, mit Quads – vierrädrigen, geländegängigen Kraftfahrzeugen, die ähnlich wie Motorräder gesteuert werden – zu den Treffpunkten gefahren zu sein. Dort sollen sie Personen mit Feuerlöschern besprüht sowie geschlagen und verletzt haben.
Nach bisherigen Erkenntnissen stand offenbar kein Raubmotiv im Vordergrund. Die Täter sollen vielmehr darauf aus gewesen sein, ihre Opfer einzuschüchtern, zu erniedrigen und körperlich zu verletzen.
Polizei vermutet hohe Dunkelziffer
Die Polizei weist darauf hin, dass Scham nach solchen Angriffen bei vielen Betroffenen eine große Rolle spielen kann. Deshalb würden mögliche Opfer häufig keine Anzeige erstatten. Die Ermittler gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus.
Weitere Geschädigte und Zeugen werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei Stuttgart unter der Telefonnummer 0711 / 8990-5778 zu melden.
Queerfeindliche Straftaten bundesweit weiter gestiegen
Diese Gewalt fällt in eine Zeit, in der queerfeindliche Straftaten bundesweit weiter zunehmen. Nach den „Bundesweiten Fallzahlen 2025 Politisch motivierte Kriminalität“ des Bundeskriminalamts und des Bundesinnenministeriums wurden 2.377 queerfeindliche Straftaten registriert – ein Anstieg von 12,8 Prozent.
Besonders auffällig ist der hohe Anteil an Gewaltdelikten. Im Bereich „sexuelle Orientierung“ wurden 2070 Straftaten, darunter 284 Gewaltdelikte, erfasst. Im Bereich „geschlechtsbezogene Diversität“ registrierten die Behörden 1294 Straftaten, darunter 112 Gewaltdelikte.
Die Sicherheitsbehörden beobachten zudem eine zunehmende Mobilisierung rechtsextremistischer Gruppen gegen die LSBTIAQ*-Community. Diese richtet sich gegen Menschen und Werte, die aus Sicht rechtsextremer Akteure nicht mit ihrem rassistischen und nationalistischen Weltbild vereinbar sind.
Kurz vor der Pride-Demo rufen die Veranstalter zu mehr Wachsamkeint auf. Sichtbarkeit, Solidarität und der Schutz queerer Menschen bleiben zentrale Themen – nicht nur am Wochenende der Pride.
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