Uwe Bogen
Fassade wird zur bitteren Pointe
„You got this“? Von wegen! Das WM-Aus hat viele Verlierer in Stuttgart
30. Juni 2026
Nach dem frühen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gibt es in Stuttgart viele Verlierer: in der Gastronomie, im Handel, selbst bei Taxifahrern. Das riesiges Werbeplakat an der Breuninger-Fassade wirkt plötzlich unfreiwillig komisch. Ein Rundgang am Tag nach dem Debakel.
An der riesigen Breuninger-Fassade blicken sie noch immer auf den Marktplatz: Deniz Undav, Nick Woltemade und Florian Wirtz werben dort in überlebensgroßem Format für die Fußball-WM. Der Slogan darunter lautet selbstbewusst: „You got this.“ Nur: Nach dem frühen Aus der deutschen Nationalmannschaft wirkt der Spruch plötzlich unfreiwillig komisch. Man könnte ihn jetzt ergänzen mit:
- „You got the spot … on the couch.“
- „You got the flight home.“
- „You got the vacation.“
- „You got knocked out.“
- „You got more free evenings.“
Noch hat niemand das riesige Motiv an der Fassade abgehängt – und so erinnert es daran, wie schnell der WM-Traum geplatzt ist.
Mit dem frühen Aus der deutschen Nationalmannschaft ist die Euphorie rund um die Fußball-WM in Stuttgart abrupt verpufft. Nicht nur die Fans müssen ihre Hoffnungen begraben – auch viele Unternehmen und Einrichtungen spüren die Folgen.
Zu den größten Verlierern gehören die Biergärten und Public-Viewing-Locations. Deutschland-Spiele waren die mit Abstand größten Publikumsmagneten. Ohne die DFB-Elf dürften viele Tische bei den kommenden Partien leer bleiben. Dabei hatten sich zahlreiche Wirte auf das Turnier vorbereitet, zusätzliche Technik installiert und ihre Außenbereiche aufwendig dekoriert.
Behörden haben beim Elfmeterschießen ein Auge zugedrückt
Immerhin: In Stuttgart und Leinfelden-Echterdingen drückten die Behörden bei den langen WM-Abenden ein Auge zu. Obwohl für Biergärten grundsätzlich strengere Lärmschutzregelungen gelten, durfte sowohl im Biergarten Sonja Merz als auch im Schwabengarten auch ein Elfmeterschießen bis weit nach Mitternacht zu Ende übertragen werden. Eingeschritten sind die Städte nicht.
Der Schwabengarten zeigt die WM-Spiele trotzdem weiter –zumindest jene, „die zu unseren Öffnungszeiten stattfinden“, sagt Geschäftsführer Nico Tratz. Mit dem deutschen Aus rechnet aber auch er mit weniger Besuchern. „Und wir hatten einen sehr großen Aufwand, um alles so schön für die WM zu machen.“
Wer will jetzt noch ein Deutschland-Trikot tragen?
Verlierer sind auch die Händler der Deutschland-Fanartikel. Vor allem das deutsche Auswärtstrikot für rund 100 Euro entwickelte sich vor dem Turnier zum Verkaufsschlager. Nach dem frühen Ausscheiden dürfte die Nachfrage jedoch schlagartig eingebrochen sein. Viele Fans werden sich zweimal überlegen, ob sie das Trikot nach dem enttäuschenden Turnier noch mit Stolz tragen möchten.
Im Dorotheen Quartier erinnert der überdimensionale Fußball noch an die WM. Gedacht war er als beliebtes Fotomotiv für Fans der deutschen Mannschaft. Nun werden dort vor allem Anhänger anderer Nationen ihre Bilder machen – und symbolisch den Ball weiterspielen.
Auch Gastronomen, die mit zusätzlichen Umsätzen durch volle Terrassen gerechnet hatten, müssen ihre Erwartungen nach unten schrauben. Weniger Deutschland-Spiele bedeuten weniger Reservierungen, weniger Getränke und weniger spontane Besucher.
Auch Taxifahrer zählen zu den Verlieren
Zu den Verlierern zählen außerdem Eventdienstleister, die Technik für Public Viewings vermietet haben, Sicherheitsdienste mit weniger Einsätzen als erwartet sowie Taxiunternehmen, die auf die nächtlichen Fahrten nach Deutschland-Spielen gehofft hatten. Selbst Supermärkte und Getränkehändler dürften weniger von den klassischen Fußballabenden profitieren, wenn viele Fans nach dem Ausscheiden der DFB-Elf das Interesse am Turnier verlieren.
Und zu den Verlieren gehört auch Bundeskanzler Friedrich Merz, der mit seinem ersten Post nach dem Aus behauptet hatte, die deutsche Mannschaft habe mit ihrem Einsatz und Teamgast „das Land begeistert“ – also etwa so begeistert wie seine Bundesregierung, die nur wenig hinbekommt und ebenfalls zu wenig Treffer landet. So gesehen passt der Auftritt der Nagelsmann-Truppe zum Zustand von Deutschland.
Braucht die Nation zwei neue Trainer?
Mit seinem zweiten Post schob der Kanzler nach, wer den „Adler auf der Brust trägt“, habe Respekt verdient, aber keinen Spott. Zu spät. Denn Spott trifft nun den Kanzler. Und das Land fragt sich: Braucht die Nation zwei neue Trainer für den Fußball und für die Bundesegierung?
AKTUELLES

CSD geht mit erhöhter Polizeipräsenz weiter – „Liebe wird immer stärker sein als Hass“
Die Stuttgart Pride setzt nach dem Angriff auf den CSD in Berlin ein Zeichen gegen Hass und Gewalt: Der Sonntag wird fortgeführt, die Polizei verstärkt ihre Präsenz. Sicherheit, Gedenken und Solidarität stehen jetzt im Mittelpunkt, teilen die Veranstalter mit.

Nach der Amoktat in Berlin: „Hass darf nicht gewinnen“, sagt Sänger Damiano Maiolini
Schock und Trauer nach der tödlichen Amoktat bei der Berliner Pride. In Stuttgart, wo ein großes CSD-Programm für Sonntag geplant ist, wird intensiv diskutiert, wie es weitergeht. Sänger Damiano Maiolini will auftreten. Im Gespräch mit EchtStuttgart sagt er: „Hass darf nicht gewinnen.“

An Tagen wie diesen lieben wir Stuttgart: Ein CSD, der die ganze Stadt zum Strahlen bringt
So fühlt sich Stuttgart von seiner schönsten Seite an: Überall jubelnde Menschen – als hätte der VfB die Champions League gewonnen. EchtStuttgart erlebt den CSD tanzend auf dem Dehoga-Truck mit unseren Gewinnern: Momente, die unter die Haut gehen und stolz auf unsere Stadt machen.

Happy Pride, Stuttgart!
Stuttgart streitet über Bahnhöfe, Baustellen und Bäume. Beim CSD prägen fröhliche Gesichter das Stadtbild. Zehntausende zeigen: Vielfalt ist echt Stuttgart – eine Botschaft, die angesichts erstarkender rechtsextremer Kräfte wichtiger ist denn je.










