Uwe Bogen

Jazz Open in Stuttgart

Stuttgart liebt Lenny Kravitz: Von der Kunst, jeden Tag dankbar zu nutzen

11. Juli 2026

Zum fünften Mal rockt Lenny Kravitz die Jazz Open. Der ewig junge 62-Jährige begeistert mit Spielfreude, viel Energie und einer Botschaft der Dankbarkeit. Ein Streifzug zwischen Front of Stage, der VIP-Tribüne und dem vielleicht steilsten roten Teppich der Welt.

Lenny Kravitz bei den Jazz Open. Foto: Reiner Pfisterer

Fünf Auftritte bei den Jazz Open – wer schafft das schon?  Lenny Kravitz gelingt dieses Kunststück – und wieder ist der Schlossplatz ausverkauft. Das Publikum weiß, was es bekommt: einen charismatischen Rockstar, dessen Musik mit eingängigen Gitarrenriffs und groovigen Basslinien ein wenig an die  70er erinnert, aber in erster Linie  eigenständig und äußerst zeitgemäß nach Zukunft klingt.

Wohl kein Rockstar ist so cool wie er. Lederjacke, Sonnenbrille, enge Schlaghose, auffälliger Schmuck, Dreadlocks – Lenny Kravitz ist auch optisch eine Ikone. Doch seine Ausstrahlung funktioniert selbst dort, wo man ihn gar nicht sieht: Hinter den Absperrungen feiern Hunderte Zaungäste zu seinem energiegeladenen Sound das Leben – so wie es der Superstar selbst tut. Eine wichtige Botschaft: Nichts ist selbstverständlich, du musst dankbar sein für dein Leben.

Schlank, drahtig, voller Energie – so geht 60 plus heute

Lenny Kravitz ist 62 Jahre alt. Würde er behaupten, er sei 39, kaum jemand würde widersprechen. Schlank, drahtig, voller Energie – der Rockstar zeigt, wie die Ü-60-Generation heute aussehen kann. Die Lederjacke bleibt offen, das Sixpack nicht verborgen. Kurz gesagt: Es herrscht Erotik-Alarm auf dem Schlossplatz – was ermutigend für Ältere ist: Attraktivität, so die Erkenntnis, hat nichts mit der Anzahl von Lebensjahren zu tun. Das Beste dürfte also sein, sein eigenes Alter gar nicht zu thematisieren, sondern sein Ding zu machen.

Der vielleicht steilste rote Teppich der Welt steht auf dem Schlossplatz Foto: Uwe Bogen
Die Gebärdensprachdolmetscherin der Jazz Open (links) übersetzt nicht nur Songtexte, sondern transportiert Rhythmus, Emotionen und Stimmung visuell auf die Bühne. Foto: Uwe Bogen

An diesem Abend geht es nicht nur um Hits. Kravitz spricht über Dankbarkeit, über persönliches Wachstum, über Vergebung, darüber, dass man jeden Tag seines Lebens als Vergnügen und Geschenk verstehen sollte. „Every day is a pleasure“, sagt er. Jeder Tag, an man leben darf, ist keine Selbstverständlichkeit und bietet die Gelegenheit zu leben, sich weiterzuentwickeln und anderen zu vergeben.

Solche Sätze können schnell pathetisch klingen. Bei ihm tun sie das nicht. Vielleicht, weil sie glaubwürdig wirken. Kravitz lebt seit Jahren bewusst, spricht offen über Spiritualität und behauptete sogar mal, er lebe ein freiwilliges Zölibat, weil er nicht irgendwelchen Affären hinterherjagen wolle.

Auf Disziplin, Leidenschaft und Geduld kommt es an

Was ihn seit Jahrzehnten antreibt, ist ohnehin weniger der Erfolg als die Hingabe an das, was er tut, und der Wille, sich ständig weiterzuentwickeln. Erfolg ist für ihn kein Ziel an sich, sondern eher die Folge von Disziplin, Leidenschaft und der Geduld, den eigenen Weg konsequent zu gehen.

Der Schlossplatz bebt vom ersten Gitarrenriff an. Das Publikum tanzt, singt mit und jubelt bis zur letzten Zugabe. Es ist einer dieser Sommerabende, an denen starke Musik und schone Emotionen alle Krisen weltweit  überstrahlen..

An keinem anderen Ort der Jazz Open ist die Wirkung so intensiv wie im Bereich Front oft Stage. Doch auch oben auf der VIP-Tribüne ist der Sound erstaunlich gut. Hier treffen sich jene, die viel Geld dafür bezahlt haben, etwa für eine übertragbare Dauerkarte, oder die von einem der Sponsoren eingeladen wurden. Fast ein Familientreffen ist es, weniger ein gesellschaftliches Ereignis. Man kennt sich seit Jahren, Freundschaften sind entstanden.Die Musikpausen werden genutzt, um geschäftliche Kontakte zu vertiefen. 

Würden während des Konzerts von Lenny Kravitz einige VIPs laut durcheinanderreden – man würde sie bei diesem Sound kaum hören. Über der Theke prangt gut sichtbar ein Zitat von Quincy Jones: „Shut up and listen.“ Klappe halten und zuhören!

Jazz-Open-Chef Jürgen Schlensog beschäftigt sogar einen eigenen Mitarbeiter, der Gäste freundlich ermahnt, wenn sie zu laut werden. Dieser Mann ist Dany Schwarz – im Konzertbusiness längst selbst eine Legende. Er kennt etliche Größen der Musikszene persönlich und sorgt mit Charme dafür, dass die Musik im Mittelpunkt bleibt und die Gäste weiter unten  keinen Grund für VIP-Bashing erhalten.

Mit Ausnahme des  Konzertes von Nick Cave sind die Jazz Open in diesem Jahr so laut und energiegeladen, dass man auf der Tribüne ohnehin kaum eine Unterhaltung wahrnehmen könnte.

Auch einige prominente Gäste genießen den Abend. Landtagspräsident Thomas Strobl verzichtet auf einen Platz in den Logen und setzt sich lieber mitten unter das Publikum auf die regulären Sitzplätze. Kabarettist Christoph Sonntag lässt sich das Konzert ebenfalls nicht entgehen. Und Wirtin Sonja Merz schaut zwar vorbei, verlässt gemeinsam mit ihrem Mann Konstantin Merz das Festivalgelände aber früher als geplant. Sie hat erfahren, dass der Andrang in ihrem Biergarten wegen des WM-Viertelfinales Spanien gegen Belgien riesig ist – da packt sie lieber selbst mit an.

Dany Schwarz (links), eine Legende im Musikbusiness, mit unserem Autor Uwe Bogen. Foto: privat

Die Jazz Open brauchen ihre Sponsoren und Partner. Sie tragen dazu bei, dass ein Festival dieser Größenordnung Jahr für Jahr möglich ist. Und wenn Gäste, die von Sponsoren eigeladen wurde und wie bei Teddiy Swims  vielleicht gar nicht genau wissen, wer an diesem Abend auftritt, am Ende aufspringen, mitsingen und begeistert nach Hause gehen, dann ist das eigentlich das schönste Kompliment für das Programm der Jazz Open.

Rekordstadt Stuttgart. Der wohl steilste rote Teppich der Welt befindet sich auf dem Schlossplatz. Die Treppe führt hinauf zu den beiden VIP-Etage – man kann aber auch mit dem Aufzug fahren.

Und dann begeistert Lenny Kravitz alle. Ein Mann, der mit 62 aussieht, als hätte die Zeit beschlossen, bei ihm einfach langsamer zu vergehen. Einer, der nicht nur das Publikum mit seiner Musik begeistert, sondern auch mit seiner Haltung. Weniger Zynismus, mehr Dankbarkeit. Weniger Aufregen, mehr Leben.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis seiner besonderen Verbindung zu Stuttgart. Nach seinem fünften ausverkauften Jazz-Open-Konzert wirkt es jedenfalls nicht so, als wäre diese Geschichte schon zu Ende erzählt.

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Illustration von Stuttgart
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