Echt Stuttgart

Abschied auf dem Karlsplatz

Moin, Fischmarkt! Was Hanseaten und Schwaben voneinander lernen können

12. Juli 2026

Nord trifft Süd: Zum Abschied des Hamburger Fischmarkts auf dem Karlsplatz stimmt EchtStuttgart ein Loblied auf die hanseatisch-schwäbische Freundschaft an. Zwischen Fischbrötchen, Cocktails und Kaiser-Wilhelm-Denkmal können wir viel voneinander lernen.

Abends dicht belagert: Die Cocktailbar unter Kaiser Wilhelm. Foto: in.Stuttgart

Moin –  so sagen die Hanseaten zur Begrüßung wie zum Abschied. Damit ist also die Überschrift erklärt. Moin ist nicht nur unser Gumo.

Am Sonntagabend heißt es Leinen los: Der Hamburger Fischmarkt auf dem Karlsplatz verabschiedet sich aus Stuttgart. Elf Tage lang verwandelte sich der Platz mitten in der Stadt in eine kleine Außenstelle der Waterkant – mit Fischbrötchen, Shanties, Seemannsgarn, Partymusik und jener besonderen Mischung aus norddeutscher Gelassenheit und schwäbischer Lebensfreude.

Dabei zeigt sich jedes Jahr aufs Neue: Hamburger und Schwaben sind sich ähnlicher, als sie vielleicht denken. Beide Regionen lieben das Understatement. Die Nordlichter hängen nicht gern die große Glocke heraus – und die Schwaben erst recht nicht. Wenn etwas richtig gut läuft, sagt der eine vielleicht „passt schon“, der andere „net schlecht“. Gemeint ist oft: Das ist eigentlich großartig.

Trotzdem könnten beide Seiten voneinander lernen.

Die Hamburger könnten sich von den Schwaben eine kleine Lektion in Sachen Sparsamkeit und Tüftelei abschauen. Warum neu kaufen, wenn man etwas reparieren kann? Warum groß reden, wenn eine gute Lösung genügt? Der Schwabe zeigt: Aus wenig kann man viel machen – manchmal sogar ein Weltunternehmen.

Am Sonntag endet der Fischmarkt. Foto: in.Stuttgart

Die Stuttgarter wiederum könnten sich von den Hanseaten eine Portion mehr Gelassenheit gönnen. Der Hamburger weiß: Nicht alles muss sofort erledigt werden, und nicht jeder Erfolg braucht eine große Bühne. Man kann auch mit Ruhe, Humor und einem guten Getränk durchs Leben schippern.

Apropos gute Getränke: Ein großer Treffpunkt war auch in diesem Jahr wieder die Cocktailbar unter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Dort trafen sich Besucher bis in die Abendstunden, um den Sommer zu genießen. Die Karte sorgte mit ihren ungewöhnlichen Namen für Gesprächsstoff: Cocktails wie „Orgasmus“, „Swimming Pool“, „Zombie“ oder „Schlussakkord“ gehörten längst zum festen Ritual des Fischmarkts. Hier zeigte sich die vielleicht schönste Gemeinsamkeit von Nord und Süd: Feiern können beide – nur mit unterschiedlichem Dialekt.

Wie Kaiser Wilhelm auf den Karlsplatz nach Stuttgart kam

Dass die Bar ausgerechnet unter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal steht, wissen übrigens viele Besucher gar nicht. Nicht nur die Hamburger staunen darüber, auch manche Stuttgarter kennen die Geschichte nicht. Denn obwohl der Platz nach König Karl von Württemberg benannt ist, zeigt das Reiterstandbild in seiner Mitte nicht König Karl, sondern den deutschen Kaiser und König von Preußen Wilhelm I.

Viele wissen nicht, warum das Denkmal Kaiser Wilhelm auf dem Karlsplatz steht. Foto: in.Stuttgart

Das Denkmal wurde 1898 von Friedrich von Thiersch und Wilhelm von Rümann geschaffen. Es sollte die Zugehörigkeit Württembergs zum Deutschen Kaiserreich symbolisieren. Der Karlsplatz trägt also den Namen eines württembergischen Königs, während sein berühmtestes Standbild einen preußischen Kaiser zeigt – ein kleines Stück deutscher Geschichte mitten im Herzen Stuttgarts.

Vielleicht passt genau dieser ungewöhnliche Ort perfekt zum Hamburger Fischmarkt: Hier treffen Traditionen aufeinander, die auf den ersten Blick verschieden wirken und doch wunderbar zusammenpassen. Die Hamburger bringen Meer, Musik und eine Prise Abenteuer mit. Die Schwaben bringen ihre Gastfreundschaft, ihren Humor und die Fähigkeit, aus einem Besuch ein Ereignis zu machen.

Bis Sonntagabend bleibt noch Zeit für einen letzten Fischimbiss, einen letzten Cocktail und eine letzte Runde „Hells Bells“, bevor der Leuchtturm verstummt und der Hamburger Fischmarkt wieder Kurs Richtung Norden nimmt.

Nach fast vier Jahrzehnten ist klar: Die Nordlichter kommen nicht nur nach Stuttgart – sie kommen ein Stück weit nach Hause. Und die Schwaben freuen sich jedes Jahr darauf, für ein paar Tage ein bisschen Hamburg am Neckar zu erleben.

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Illustration von Stuttgart
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