Uwe Bogen

Kommentar zum Pride-Wochenende

Der CSD Stuttgart reagiert stark auf Hass – Toleranz braucht Grenzen

26. Juli 2026

Der CSD Stuttgart trifft nach den erschütternden Nachrichten aus Berlin die richtige Entscheidung: weitermachen, gedenken, Zeichen setzen. Uwe Bogen kommentiert ein Wochenende extremer Emotionen: Toleranz ist wichtig – aber sie hat eine klare Grenze.

Schweigeminute des CSD-Vorstands auf der Bühne des Marktplatzes. Foto: CSD

Es war ein Wochenende der Extreme.

Am Samstag zeigte sich Stuttgart von seiner schönsten Seite. Zehntausende Menschen feierten beim Christopher Street Day Vielfalt, Freiheit und ein friedliches Miteinander. Die Stimmung war außergewöhnlich fröhlich, lebensbejahend und herzlich. Ein CSD, der vielen gutgetan hat – gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen zunehmen.

Und dann kamen am Abend die schrecklichen Nachrichten aus Berlin.

Der Anschlag in unmittelbarer Nähe des dortigen CSD erschütterte das ganze Land. Der Schock war am Sonntag auch auf der Stuttgarter Hocketse zu spüren. Vielen war schlicht nicht mehr nach Feiern zumute. Es waren deutlich weniger Menschen da als in den vergangenen Jahren. Statt ausgelassener Partystimmung herrschten Fassungslosigkeit und Nachdenklichkeit.

Genau deshalb war die Entscheidung des CSD-Vereins Stuttgart richtig.

Der CSD Stuttgart lässt sich nicht einschüchtern

Nach intensiven Gesprächen mit Polizei und Stadt wurde die Veranstaltung nicht abgesagt, sondern verantwortungsvoll fortgeführt. Es wurde gefeiert – aber nicht so, als wäre nichts geschehen. Es gab Raum für Trauer, eine Schweigeminute und eine bewegende Gedenkveranstaltung der AIDS-Hilfe Stuttgart.

Der CSD Stuttgart ließ sich nicht einschüchtern. Ja, man hatte den Eindruck, er ist noch kämpferischer geworden. Auf der Bühne ist das geplante Programm weitergegangen. Das Musical „& Julia“, das im Oktober in Stuttgart Premiere feiert, brachte mit seinen Pop-Hits Lebensfreude auf den Schlossplatz. Auch Sänger Damiano Maiolini sorgte für Stimmung. Es wurde gesungen, getanzt und gelacht – nicht aus Verdrängung, sondern als bewusstes Zeichen: Hass und Gewalt dürfen uns nicht vorschreiben, wie wir leben. „Liebe wird immer stärker sein als Hass“, hörte man oft. Tun wir alles dafür, dass es wirklich so ist.

Der Sänger Damiano Mailioni (weiß gekleidet) backstage beim CSD-Konzert auf dem Marktplatz mit dem Musicalteam von "&Julia". Foto: privat
Der Berliner Newcomer Flamyngus ("Trigger mich") am Sonntagnachmittag auf der CSD-Bühne des Marktplatzes. Foto: Uwe Bogen

Toleranz hat eine klare Grenze

Der CSD steht für Toleranz, Respekt und ein friedliches Zusammenleben. Er steht dafür, dass Menschen unterschiedlich sein dürfen und niemand wegen seiner Identität oder Liebe ausgegrenzt wird. Und steht dafür, dass Vielfalt stark macht. Doch Toleranz hat eine klare Grenze: Für Terror, Gewalt und menschenfeindliche Ideologien darf es keine Toleranz geben. Eine offene Gesellschaft muss offen bleiben – aber sie muss sich auch gegen diejenigen wehren, die genau diese Offenheit zerstören wollen.

Denn eines darf niemals passieren: Dass Hass und Gewalt bestimmen, wie wir leben.

Wer Menschen einschüchtern will, weil sie frei leben, frei lieben oder einfach sie selbst sein möchten, darf sein Ziel nicht erreichen. Wenn Veranstaltungen wie ein CSD aus Angst abgesagt würden, hätten die Täter bereits einen Teil ihres Ziels erreicht. Genau das darf eine offene Gesellschaft nicht zulassen.

Gerade die queere Community wird immer wieder Ziel von Hass. Sollte sich bestätigen, dass hinter der Tat ein islamistisches Motiv stand, wofür alles spricht, wäre das ein weiterer Beleg dafür, dass religiöser Extremismus mit den Werten einer freien Gesellschaft unvereinbar ist. Homophobie und Fanatismus dürfen niemals akzeptiert werden. Eine Demokratie muss gegenüber ihren Feinden wehrhaft sein – und Menschen ausweisen und festsetzen, die all das zerstören wollen, was uns wichtig ist.

Deshalb muss der Staat konsequent handeln. Wer schwere Straftaten begeht oder extremistische Gewalt vorbereitet, muss mit aller Härte des Rechtsstaats verfolgt werden. Doch es darf nicht nur darüber geredet werden.  Gleichzeitig werden die Ermittlungen auch klären müssen, ob Warnsignale übersehen wurden oder Behörden Fehler gemacht haben. Den mutmaßlichen Täter, der am Sonntagabend bei einem Polizeieinsatz in Berlin gestorben ist, hätte man, dafür gibt es viele Belege, viel früher stoppen können. Er war als Gefährder bekannt, ist mehrfach strafbar geworden – und bekam doch eine Bewährungsstrafe, weil das Gericht zu tolerant war. Dies darf sich nicht wiederholen.

Eine bittere Ironie: Amoktat dürfte erneut der AfD nutzen

Besonders bitter ist, dass von solchen Taten ausgerechnet jene politischen Kräfte profitieren könnten, die selbst regelmäßig gegen queere Rechte Stimmung machen. Die AfD dürfte versuchen, den Anschlag für ihre Zwecke zu nutzen und daraus politisches Kapital zu schlagen. Das ist eine bittere Ironie. Denn wer Freiheit und Vielfalt einschränken möchte, ist kein Verbündeter der queeren Community – auch wenn Extremisten diese Gemeinschaft angreifen. Auf der CSD-Strecke waren sehr viele Schilder mit klarer Warnung vor der AfD zu sehen. Die Angst ist groß, dass ein weiteres Erstarken der Rechten erkämpfte Freiheiten gefährdet. Und ausgerechnet die AfD wird profitieren von einem Anschlag, der den CSD ins Mark trifft.

Dieses Wochenende hat gezeigt, wie verletzlich unsere offene Gesellschaft ist. Aber es hat auch gezeigt, wie stark sie sein kann. Weil wir mehr sind als die Feinde der Demokratie.

Der CSD Stuttgart hat sich nicht einschüchtern lassen. Er hat das Leben gefeiert, den Opfern Respekt erwiesen und ein Zeichen gesetzt: Freiheit, Vielfalt und Menschlichkeit sind stärker als Hass.

So kann der CSD 2026 trotz allem in guter Erinnerung bleiben.

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Illustration von Stuttgart
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