Uwe Bogen
Kommentar zur Stuttgart-Hitze
Die Hitze raubt uns den Sommer: Nichtstun können wir uns nicht mehr leisten!
9. August 2026
Was ist ein Sommer noch wert, wenn man ihn erschöpft im Haus verbringt? Die Hitze verändert den Alltag und fordert Menschenleben. Klimaschutz mag teuer sein – aber Nichtstun können wir uns nicht mehr leisten, lautet unser Kommentar zum heißen Wochenende.
Die Hitze verändert unseren Sommer
Bei der 45. Ausgabe von „Umsonst & Draußen“ auf dem Festplatz in Stuttgart-Vaihingen saßen am Sonntag viele erschöpft im Schatten. Wo sonst dicht gedrängte Menschen vor der Open-Air-Bühne stehen, blieb diesmal mehr Platz. Manche gingen früher nach Hause, andere suchten Schutz unter Bäumen. Bei einem Festival, das vom Draußensein lebt und früher den Regen gefürchtet hat, war die Hitze allgegenwärtig.
Früher lautete ein Festivalruf „No rain, no rain“ – heute müsste es heißen: „No sun, no sun“.
Man konnte es den Menschen ansehen: Diese Temperaturen machen müde, träge und gereizt. Sie rauben Energie und Lebensfreude.
Was ist ein Sommer noch wert, wenn man ihn am liebsten hinter geschlossenen Fenstern daheim verbringt?
Der Körper bekommt keine Pause
Auch in Stuttgart lässt sich die Veränderung nicht mehr wegdiskutieren. Ende Juni wurden am Flughafen 37,9 Grad gemessen. Und es ist nicht allein der einzelne Hitzerekord, der beunruhigt. Es ist die Dauer. Die Nächte kühlen kaum noch ab. Der Körper bekommt keine Pause.
Und schon steht die nächste Hitzewelle vor der Tür. Temperaturen von über 30 Grad werden in der neuen Woche in Stuttgart erwartet.
Die entscheidende Frage ist deshalb längst nicht mehr, ob wir die Klimakrise spüren. Wir spüren sie bereits. Die Frage ist, wie lange wir uns noch daran gewöhnen wollen. Der zweite Tag des Kesselfestivals musste wegen der Hitze ausfallen – geht das jetzt immer weiter so? Die Sorge ist groß, dass die Klimakatastrophe uns jeden Jahr mit noch höheren Temperaturen plagt. Dass man sich auf Hitze freut, ist längst vorbei.
Hitze tötet leise
Das Robert-Koch-Institut hat seine Schätzung der Hitzetoten für 2026 deutlich nach oben korrigiert. Im jüngsten Bericht geht das RKI von rund 11.900 hitzebedingten Sterbefällen im Jahr 2026 aus. Etwa 9600 davon entfallen allein auf die besonders heiße Kalenderwoche Ende Juni, als die Temperaturen zeitweise über 40 Grad stiegen.
Hitze tötet leise.
Die Opfer erscheinen nicht als große Zahl in einer täglichen Schlagzeile. Es gibt keine Sirenen, keine Bilder von einem einzelnen Unglück, keine dramatische Pressekonferenz. Menschen sterben häufig an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen Vorerkrankungen, die durch extreme Hitze verschärft werden.
Aber sie sind deshalb nicht weniger tot.
Aus dem Ausnahmezustand wird langsam Alltag
Man stelle sich vor, 11.900 Menschen würden innerhalb eines Jahres durch Verkehrsunfälle sterben. Es gäbe Krisengipfel, Sondersitzungen und eine politische Debatte darüber, wie dieses Sterben beendet werden kann.
Bei der Hitze ist das anders.
Vielleicht ist genau das die gefährlichste Entwicklung: dass aus dem Ausnahmezustand langsam Alltag wird.
Klimaschutz darf nicht Privatsache bleiben
Natürlich kann jeder Einzelne etwas tun für das Klima. Weniger Auto fahren, bewusster konsumieren, Energie sparen, Lebensmittel nicht verschwenden. Niemand muss perfekt sein. Millionen kleine Entscheidungen können Märkte und gesellschaftliche Gewohnheiten verändern.
Aber genauso falsch wäre es, die Verantwortung allein auf die Bürgerinnen und Bürger abzuwälzen.
Wer klimafreundliches Verhalten verlangt, muss klimafreundliches Verhalten ermöglichen: mit einem zuverlässigen öffentlichen Nahverkehr, erneuerbaren Energien, sicheren Radwegen und Städten mit Bäumen, Schatten und Grünflächen.
Hitzeschutz ist eine Gesundheitsaufgabe
Pflegeheime, Krankenhäuser und Schulen müssen vorbereitet sein. Städte brauchen funktionierende Hitzeaktionspläne, Trinkwasser, mehr Schatten, mehr Bäume und weniger versiegelte Flächen. Gerade Stuttgart mit seiner Kessellage, in die der Wind zu selten weh, muss sich fragen, wie eine Stadt aussehen muss, in der Menschen auch bei 35 oder 40 Grad noch gut leben können.
Die politische Priorität Nummer eins
Und wir brauchen Ehrlichkeit.
Die Klimawende wird Geld kosten und Veränderungen verlangen. Aber auch Nichtstun kostet – durch Ernteausfälle, Schäden an der Infrastruktur, Extremwetter und wachsende gesundheitliche Belastungen.
Sind wir noch zu retten?
Vielleicht. Aber nicht, indem wir darauf hoffen, dass der nächste Sommer wieder normal wird.
Die Klimakrise ist längst keine Aufgabe mehr, die wir irgendwann lösen können. Sie ist eine nationale Aufgabe, die man sofort angehen muss. Klimaschutz und die Anpassung an die Folgen der Erderwärmung müssen zur politischen Priorität Nummer eins werden.
Das bedeutet: weniger CO₂, aber ebenso mehr Schatten, Bäume und Grün in unseren Städten, einen starken öffentlichen Nahverkehr, Schutz für besonders gefährdete Menschen und einen konsequenten Hitzeschutz.
Die Hitze ist längst da. Jetzt muss auch der politische Wille da sein.
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