Stadtgespräch, Politik, Menschen und Momente aus dem Kessel — täglich aktuell.
Alle News ansehen →Festivals, CSD, Konzerte, Kultur, Restaurants und Bars — was diese Woche wirklich zählt.
Alle Beiträge ansehen →Ehrenamt, Vorbilder und Menschen, die Stuttgart ein Stück besser machen.
Alle Beiträge ansehen →Kuriositäten, Rückblicke und besondere Momente aus Stuttgart.
Zum Stuttgart-Album →Meinung, Kuriositäten, Netzwerk und die großen Spezial-Geschichten — alles, was sonst noch Stadtgespräch ist.
Alle Themen ansehen →Stuttgart und sein Müll-Problem
Seit zwei Wochen türmt sich der Unrat im Leonhardsviertel. Die Müllabfuhr kommt zwar – doch laut Anwohnern werden nur die Tonnen geleert. Ihre Frage: Wo bleiben die neuen Müll-Sheriffs, wenn man sie mal braucht? Erneut kocht die Debatte über die verdreckte Stadt hoch.
So bekommt das Leonhardsviertel sein Schmuddel-lmage nicht los, obwohl dort die Zeichen mit neuen Bars und neuen Ideen auf Aufwertung der bisher oft vernachlässigten Altstadt stehen.
Neben den Mülltonnen türmen sich Säcke, Kartons und weiterer Unrat. Nach Angaben von Anwohnern soll der Müll dort bereits seit etwa zwei Wochen liegen. „Und es wird immer mehr!“ Besonders ärgerlich: Die Müllabfuhr sei zwischenzeitlich vor Ort gewesen und habe die Tonnen geleert. Der Müll, der daneben lag, blieb demnach jedoch zurück.
In den sozialen Medien wird der Zustand entsprechend heftig diskutiert. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einen einzelnen Müllhaufen. Die Kommentare zeigen, wie weit die Meinungen bei der Frage auseinandergehen, wie Stuttgart mit dem zunehmenden Problem illegaler und unsachgemäßer Müllablagerungen umgehen sollte.
Für besonders viel Aufmerksamkeit sorgt der Kommentar von Alex Schäfer. Er macht die Abschaffung des früheren stadtteilweiten Sperrmülls für einen Teil des Problems verantwortlich. Seiner Ansicht nach habe der heutige individuelle Sperrmüll dazu beigetragen, dass immer wieder Abfälle zu falschen Zeitpunkten und an falschen Orten auf die Straße gestellt würden.
Sein Vorschlag: Die frühere gemeinsame Sperrmüllsammlung sollte wieder eingeführt werden. Gleichzeitig fordert Schäfer deutlich härtere Sanktionen. Nur wenn Verstöße tatsächlich empfindliche finanzielle Konsequenzen hätten, könne sich das Verhalten dauerhaft ändern, meint er.
Auch andere Nutzer sprechen sich für eine regelmäßige Sperrmüllaktion aus. Rittl Po erinnert daran, dass sich bei den früheren Terminen Menschen noch brauchbare Gegenstände mitgenommen hätten. Aus ihrer Sicht habe das zugleich eine Art Wiederverwertung ermöglicht.
Noch schärfer formuliert Jörg Kappler seine Kritik. Mit Blick auf den Zustand der Richtstraße spricht er ironisch von einem möglichen „Ratten-Biotop“, den die Stadt aufbauen wolle. Gleichzeitig erhebt er einen weiteren Vorwurf: Hauseigentümer würden für die Gehwegreinigung bezahlen, die dreimal wöchentlich stattfinden solle. Die Richtstraße falle offenbar nicht unter diese Reinigung.
Andere Stimmen nehmen dagegen ausdrücklich die Stadt beziehungsweise die Müllabfuhr aus der Verantwortung. Maria Lehmann hält fest, dass zunächst diejenigen verantwortlich seien, die ihren Müll irgendwo abstellen oder verteilen. Ein Amt, das die Hinterlassenschaften beseitigen müsse, sei nicht der Verursacher des Problems.
Damit ist der zentrale Konflikt der Diskussion beschrieben: Die Stadt soll für Sauberkeit sorgen – aber sie kann die Vermüllung nur begrenzt verhindern, wenn Menschen ihren Abfall illegal oder unsachgemäß abstellen.
Die Debatte fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der Stuttgart stärker gegen illegale Müllablagerungen vorgehen will. Seit Juni sind die neuen sogenannten Müll-Sheriffs der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) im Einsatz.
Oberbürgermeister Frank Nopper hat das neue Team bei einem Einsatz begleitet. Nach Angaben der Stadt besteht die Einheit derzeit aus einem Teamleiter und drei Mitarbeitenden. Zum Jahreswechsel soll sie um fünf weitere Beschäftigte aufgestockt werden.
Die Aufgabe der Entsorgungsüberwachung ist dabei nicht nur das Aufspüren von Müll. Die Mitarbeiter gehen Hinweisen nach, dokumentieren Ablagerungen und versuchen, mögliche Verursacher zu ermitteln. Sind die Beweise ausreichend, können entsprechende Unterlagen für ein Bußgeldverfahren weitergegeben werden.
Nach Angaben der Stadt wurden bereits in der Einarbeitungsphase mehr als 280 Fälle bearbeitet. In 47 Fällen fanden sich Hinweise auf mögliche Verursacher. In 21 Fällen seien die Belege so eindeutig gewesen, dass die Unterlagen an das Amt für Umweltschutz zur Einleitung eines Bußgeldverfahrens weitergeleitet werden konnten.
OB Nopper verteidigt das Vorgehen und bezeichnet die Müll-Sheriffs als „wichtigen Beitrag gegen die Vermüllung des öffentlichen Raums“.
Dass die Stadt ausgerechnet in Zeiten knapper Kassen zusätzlich Personal für die Stadtsauberkeit einsetzt, sorgt ebenfalls für Diskussionen. Kritiker stellen die Frage, ob solche zusätzlichen Strukturen angesichts des kommunalen Sparzwangs wirklich notwendig sind.
Michael Schrade plädiert dagegen dafür, der neuen Einheit zunächst eine Chance zu geben. Die Müll-Sheriffs seien nicht das Problem, sondern ein Instrument, um gegen diejenigen vorzugehen, die sich nicht an die Regeln hielten.
Auch Achim Feierabend sieht die Verantwortung in erster Linie bei den Bürgerinnen und Bürgern. Er verweist auf Zigarettenkippen, liegen gelassene To-go-Becher und anderen Alltagsmüll. Sein Fazit: Wenn die Gesellschaft nicht wieder stärker auf eigenes Verhalten und die Einhaltung von Regeln achte, werde sich die Situation weiter verschärfen.
Eine weitere Kommentatorin schildert sogar, wie sie beobachtet habe, dass eine Mutter ein Taschentuch auf den Gehweg fallen ließ. Für sie beginnt das Problem nicht bei den Müllfahrzeugen oder der Stadtverwaltung, sondern bei der Frage, welches Verhalten Erwachsene ihren Kindern vorleben.
Im Leonhardsviertel geht es um eine sehr praktische Frage: Was geschieht, wenn die Müllabfuhr eine Tonne leert, daneben aber größere Mengen Abfall liegen?
Für Anwohner ist die Unterscheidung zwischen „Tonneninhalt“ und „illegaler Ablagerung“ wenig hilfreich. Sie sehen einen verdreckten öffentlichen Raum – und erwarten, dass dieser möglichst schnell wieder sauber wird.
Deshalb hat man sich über die neuen „Müll-Sheriffs“ gefreut – und fragt sich, warum sich in der Altstadt trotzdem nichts tut.
Der Müll neben den Tonnen ist damit mehr als nur ein Ärgernis für die unmittelbaren Anwohner. Er steht exemplarisch für eine größere Stuttgarter Debatte: Wie viel Sauberkeit kann eine Stadtverwaltung gewährleisten – und wie viel Verantwortung muss bei den Bürgern liegen?
Für die Stadt dürfte deshalb entscheidend sein, ob die neuen „Müll-Sheriffs“ tatsächlich Wirkung zeigen – und ob es gelingt, nicht nur die Verursacher zu verfolgen, sondern auch die Zeit zwischen einer Meldung und der tatsächlichen Beseitigung des Mülls möglichst kurz zu halten.
Denn am Ende interessiert die Anwohner vor allem nur eines: Wann ist der Müll weg?
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
Alle Artikel von Uwe Bogen →
11. Aug.News
11. Aug.News
11. Aug.News
11. Aug.Events
10. Aug.News
9. Aug.NewsHier kommt euer AdSense-/Sponsoring-Code rein.
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.