Unsere Wasen-Kolumne
Immer mehr Karnevalisten feiern auf dem Wasen ihre eigenen Partys. Kein Wunder: Fasching und Volksfest haben einiges gemeinsam. „Überall verrückte Leute“, sagt Anita Rösslein, Präsidentin des Fest-Komitees Stuttgarter Karneval. Unser Autor weiß das inzwischen auch: Früher spottete er über Lederhosen, heute trägt er selbst eine.
Die Stuttgarter Karnevalisten haben das Volksfest für sich entdeckt. Am Sonntag feierte die Gesellschaft Möbelwagen ihre große Wasenparty im Zelt von Sonja Merz. Und am Montag geht es weiter: Dann lädt Marcel Benz im Hofbräuzelt zur Narrenparty. Garden, Narrenzünfte, Faschings-, Fasnets- und Karnevalsfreunde – alle rein ins Zelt.
Warum das so gut zusammenpasst? Anita Rösslein, Präsidentin des Fest-Komitees Stuttgarter Karneval, bringt es ziemlich schön auf den Punkt: „Überall verrückte Leute.“
Beim Fasching das Kostüm, auf dem Wasen Dirndl und Lederhose. Hier wie dort putzt man sich heraus, will ein anderer sein, zieht mit Freunden los und taucht für ein paar Stunden in eine andere Welt ein.
Womit wir bei meiner Verkleidung wären
Lederhosen in Stuttgart? Wie albern! Wer sind wir denn – Bayern? So habe ich früher gedacht. Heute trage ich selbst eine. Inzwischen sogar eine kurze.
Seit Jahren wird darüber gestritten, ob die Lederhose auf ein schwäbisches Volksfest gehört. Inzwischen wird das Lästern leiser. Offenbar bröckelt der Widerstand selbst bei denen, die früher volle Pulle gespottet haben.
Ich bin der beste Beweis.
Bei mir fing die Sache mit der Lederhose allerdings vorsichtig an. Mit schwäbischem Sicherheitsabstand sozusagen. Meine erste war eine württembergische. Württemberg-Wappen drauf, schön übers Knie. Damit konnte ich leben. Lederhose ja. Aber bitteschön mit regionalem Alibi.
Cannstatter Wasen
Gekauft hatte ich sie nicht einmal. Sie war eine Leihgabe eines guten Freundes.Danke, Frank! Zurückgefordert hat er sie bis heute nicht. Vielleicht hat er den Überblick verloren. Inzwischen besitzt er ungefähr fünf weitere Lederhosen.
Das Zeug scheint süchtig zu machen.
Bei mir kam jedenfalls irgendwann eine kurze dazu. So eine, wie sie heute gefühlt jeder zweite Mann auf dem Wasen trägt. Und was soll ich sagen? Es hat was.
Leder fühlt sich gut an. Eine Lederhose sitzt anders als eine Jeans. Man spürt das Material, das Gewicht, den Schnitt. Und ja: Tracht sieht bei etliche verdammt gut aus.
Noch wichtiger: Tracht verbindet. Das merkt man schon in der Stadtbahn. Früher dachte ich beim Einsteigen in Lederhose: Hoffentlich glotzt keiner blöd. Heute glotzt keiner mehr. Wäre auch schwierig. Neben einem sitzt schon der Nächste in Lederhose, gegenüber zwei Frauen im Dirndl. An der nächsten Haltestelle steigen fünf weitere ein. Je näher die Bahn Bad Cannstatt kommt, desto mehr übernimmt die Tracht das Kommando.
Plötzlich gehören wildfremde Menschen irgendwie zusammen.
Vielleicht ist das der eigentliche Reiz. Auf dem Wasen betritt man eine Parallelwelt. Für ein paar Stunden kann der ganze Mist draußen bleiben. Schlechte Nachrichten. Ärger im Job. Rechnungen. Termine. Die kleinen und großen Sorgen.
Lederhose an. Alltag aus.
Und Ausnahmezustand an.
Man feiert lauter, länger und manchmal auch hemmungsloser als sonst. Man singt miteinander, stößt an, lernt Leute kennen. Geflirtet wird auch. Nicht gerade wenig. Morgen geht jeder wieder seines Weges. Aber heute ist Volksfest.
Fasching ist kostümierter Ausnahmezustand. Das Volksfest ist Ausnahmezustand in Tracht.
Wenn Wasen-VIPs auf die Pirsch gehen: Halali auf Schwäbisch hat Gutes im Visier
Und dann gibt es noch die Gespräche unter Männern. Wer glaubt, Männer würden nur über Autos, Fußball und Arbeit reden, sollte sich mal in Lederhose zu ein paar Lederhosenträgern setzen.
Kurz oder knielang? Hirsch oder Ziege? Wo gekauft? Was hat sie gekostet? Muss sie eng sitzen? Wie bekommt man diesen schönen speckigen Look hin? Und plötzlich erfährt man Dinge, die man gar nicht unbedingt wissen wollte.
Zum Beispiel, dass unter der Lederhose früher grundsätzlich keine Unterhose getragen wurde. Unten ohne gehörte gewissermaßen zur Tradition. Heute ist das zum Glück jedem selbst überlassen. Manche tragen nicht mal Schuhe zur Krachledernen – barfuß im Bierzelt.
Auch sonst ist es mit der Tradition komplizierter, als man denkt. Die weltweite Lederhosen-Produktion boomt. Viele Hosen werden in Indien, Ungarn oder Sri Lanka gefertigt, Leder kommt auch aus Pakistan oder Neuseeland. Wer eine echte Hirschlederne aus heimischem Leder möchte, muss beim traditionellen Trachtenhändler ordentlich Geld hinlegen. Dafür kann so ein Stück ein Leben lang halten. In meiner Lederhose steht, das war mir wichtig, „Made in Germany“. Hab das Schildchen aber noch niemandem gezeigt.
Ich bekenne mich schuldig. Erst sah ich es so: Lederhosen beim Volksfest? Niemals! Dann die lange württembergische – aber nur mit Wappen.Und heute? Kurz.
Mode hat sich schließlich noch nie um Herkunft geschert. Jeans kommen aus den USA – trotzdem fragt in Stuttgart niemand nach einem US-Pass, wenn man eine Levi’s tragen will.
Frank dürfte seine lange Lederhose mit dem Württemberg-Wappen übrigens zurückhaben.
Falls er sie zwischen seinen anderen fünf überhaupt noch vermisst.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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