Uwe-Bogen-Kolumne vom Volksfest
Halali, die VIPs sind los! Bei der Wasenpirsch in der Schwabenwelt gehen rund 600 Gäste auf die Jagd nach Spaß, alten Bekannten und neuen Kontakten. Stuttgarts Antwort auf den Münchner Almauftrieb hat weniger Promis, dafür auch weniger Wichtigtuer – und am Ende gewinnt das Kinderhospiz.
Konsumflaute? Wer am ersten Volksfestwochenende durch die vollen Zelte läuft, muss ziemlich lange nach ihr suchen. Die Leute wollen raus, sich treffen, essen, trinken, feiern. Das war schon beim Stuttgarter Weindorf zu beobachten, jetzt geht es auf dem Festplatz munter weiter.
Gut, es ist Monatsende. Die Gehälter sind da.
Man muss der Konjunktur ja auch eine Chance geben.
Besonders ausgelassen, ja, geradezu wild und schrill, geht es am Sonntagabend auf der Empore der Schwabenwelt zu. Etwa 600 geladene, aber zahlende Gäste aus Wirtschaft, Kultur, Medien, Sport und Politik sind zur 14. Wasenpirsch gekommen. Frederic C. Reinicke, Andreas Stütz und Festwirt Michael Wilhelmer haben geladen.
Cannstatter Wasen
Vorbild ist der Almauftrieb auf der Wiesn im Käfer-Zelt. Seit mehr als 25 Jahren versammeln sich dort am Schicki-Hotspot heimische und zugereiste VIPs beim Ball der berühmten Herzen.
In Stuttgart ist die Promiquote von Natur aus geringer. Damit allerdings auch die Quote der Wichtigtuer. Was nur Menschen mit ausgeprägtem Minderwertigkeitsgefühl bedauern müssen. Denn an Geld, wirtschaftlichem Einfluss und interessanten Leuten mangelt es in Stuttgart bekanntlich nicht.
Seit 2011 bringt die Wasenpirsch Menschen zusammen, deren Wege sich sonst vielleicht nicht kreuzen würden. Gerade diese Mischung macht ihren Reiz aus. Der Vorstandchef trifft den Gastronomen, der Minister den Sportler, der Mittelstand die Medien.
Der eine kommt wegen der Party, der andere wegen der Leute – die meisten vermutlich wegen beidem.
Das Volksfest gehört schließlich auch zum Geschäftskalender der Stadt. In lockerer Atmosphäre lässt sich manches leichter besprechen als am Konferenztisch. Aus einem „Wie geht’s?“ wird ein „Wir sollten mal telefonieren“, aus einer zufälligen Begegnung vielleicht ein Geschäft.
Networking nennt man das anderswo. Hier stößt man erst einmal an.
Bundesverkehrsminister Steffen Bilger kommt mit drei Personenschützern, aber ohne Lederhose. Er trägt Stoffhose. Ein Gast sieht noch Entwicklungspotenzial: „Wir haben auch mit Jeans angefangen – irgendwann steigen alle auf Lederhosen um.“
Auf dem roten Teppich trifft Bilger Lena Mall und Alessio Hirschkorn von den „Fallers“. Der Minister gesteht, dass ihm leider die Zeit fehle, die Serie anzuschauen. Mall hat sofort eine Lösung: „Es gibt uns auch in der Mediathek.“
Auf der Pirsch gesichtet werden außerdem Olympiasiegerin Darja Varfolomeev, der frühere Fecht-Olympiasieger Alexander Pusch, Kabarettist Christoph Sonntag, Sänger Almklausi und der Münchner Reality-Star Giulia Siegel. Dazu kommen zahlreiche bekannte Gesichter aus Stuttgarts Wirtschaft und Gastronomie.
Und dann ist da noch eine Dame, die selbst in dieser Gesellschaft auffällt.
Prominent?
Michael Wilhelmer klärt auf: „Das ist unsere Rosenverkäuferin Monika aus Baden-Baden.“
Man muss nicht berühmt sein, um aufzufallen
Eine kennt beide Reviere: Giulia Siegel wohnt in München, liebt es aber, jedes Jahr nach Cannstatt zu fahren. Sie weiß, was man am Neckar von ihr gern hört: Das Volksfest ist ihr Favorit, weil „familiärer, weniger touristisch, entspannter“.
Diesmal spendet sie 200 Euro über die Lose. Denn zur Wasenpirsch gehört von Anfang an der gute Zweck. Die Tombola-Einnahmen gehen vollständig an das Kinderhospiz Stuttgart.
In diesem Jahr fällt dabei eine besondere Marke: Seit der ersten Wasenpirsch sind mehr als 100.000 Euro für das Kinderhospiz zusammengekommen.
Doch es geht nicht allein ums Geld. Die Veranstaltung verschafft den ehrenamtlichen Helfern und Botschaftern Aufmerksamkeit – und Zugang zu einem Netzwerk, das sonst nicht so leicht zu erreichen wäre. Zwischen Unternehmern, Politikern und Entscheidern können sie über ihre Arbeit sprechen und neue Unterstützer gewinnen.
Genau darin liegt vielleicht das Erfolgsrezept der Wasenpirsch:, Kontakte knüpfen und dabei etwas bewegen, ohne aus dem guten Zweck eine steife Benefizgala zu machen.
Und während weiter bestellt, angestoßen, geredet und gelacht wird, zeigt sich, dass Stuttgart für ein gelungenes Gesellschaftsfest keinen Münchner Promiauftrieb braucht.
Waidmannsheil für Stuttgart: Die Pirsch war erfolgreich – auch ganz ohne große Trophäen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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