Uwe Bogen
Zum Tod von Brigitte Stephan
Brigitte Stephan: Abschied von der „Big Mama der Stuttgarter Kultur“
15. Mai 2026
Ihr Leben war die Musik – und sie hatte stets ein offenes Ohr für alle. Musicalstar Kevin Tarte nannte sie die „Big Mama der Stuttgarter Kultur“: Brigitte Stephan ist mit 85 Jahren gestorben. Jahrzehntelang zog sie hinter den Kulissen die Fäden und prägte das kulturelle Leben der Stadt wie nur wenige. Uwe Bogen erinnert an eine Netzwerkerin mit Herz.
Dieses schöne Bild erinnerte am Freitag auf dem Friedhof Heumaden bei der Beerdigung von Brigitte Stephan an eine große Fördererin der Kultur. Foto: Bogen
Brigitte Stephan war eine jener Frauen, die einen Raum sofort ausfüllten, sobald sie ihn betrat. Mit ihrer Mischung aus Selbstbewusstsein, Herzlichkeit und Temperament war die blonde, stets elegant gekleidete Dame bei den vielen Kulturveranstaltungen, die sie besuchte, kaum zu übersehen – auch wenn sie meist hinter den Kulissen wirkte.
Im Alter von 85 Jahren ist die Kulturmanagerin – unerwartet für ihre Freunde – gestorben. Nach einem längeren Reha-Aufenthalt mit ihrem Mann Uli Stephan ging es ihr wieder besser, sie schrieb wieder eifrig Mails an den Freundeskreis.
Ihr Leben war voller Töne, die lange nachhallen. Musicalstar Kevin Tarte nannte sie die „Big Mama der Stuttgarter Kultur“. Treffender kann man es kaum sagen. Denn die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande – nach Jahrzehnten für die Oper organisierte sie auch noch beim Musical im SI-Centrum Events – zog Fäden, verband Menschen, löste Probleme, veranstaltete Konzerte, kümmerte sich um Künstler – und hatte für fast jeden ein offenes Ohr.
Brigitte Stephan mit Kevin Tarte als Krolock bei „Tanz der Vampire“. Foto: privat
Geboren wurde sie 1941 in Stuttgart. Die Liebe zur Musik bekam sie in die Wiege gelegt. Ihre Mutter sang im Opernchor, die Tochter streifte schon früh durch die Statisterie des Staatstheaters.
Viele Jahre war Brigitte Stephan die persönliche Referentin von Intendant und Staatsrat Wolfgang Gönnenwein – zunächst bei der Staatsoper, dann bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Sie war seine rechte Hand, Organisatorin und Netzwerkerin. Und sie bewies immer wieder, dass sie Dinge möglich machen konnte, die andere längst abgeschrieben hatten.
Sie holte Plácido Domingo zum Opernball
1987 erhielt sie den Spezialauftrag, Weltstar Plácido Domingo für den Stuttgarter Opernball zu gewinnen. Domingo hatte zuvor abgesagt. Doch Gönnenweins Assistentin ließ nicht locker. Mit Hilfe von August Everding, ihrem Charme und ihrem berüchtigten Mundwerk schaffte sie es tatsächlich, den Tenor umzustimmen. Als Domingo dann nach der Balleröffnung die Treppen der Mittelloge hinunterschritt und „Granada“ sang, tobte der Saal. Besucher rissen Blumen aus der Dekoration und warfen sie ihm entgegen, Marcia Haydée und das gesamte Ballett lagen ihm begeistert zu Füßen. Dass Brigitte Stephan ihm zuvor wegen Zahnschmerzen noch schnell einen Zahnarzt organisiert hatte – typisch für sie.
Brigitte Stephan (links) im Jahr 2018 beim Gala-Konzert auf der Insel Mainau mit (von links): dem damaligen Opernintendanten Jossi Wieler, Philipp Haug, Ehemann von Bettina Gräfin Bernadotte (daneben), Tenor Piotr Beczala, Sopranistin Gabriela Scherer, Bariton Michael Volle, Christian Graf Bernadotte und Stefan Kaufmann. Foto: Insel Mainau/Peter Allgaier
Dort organisierte sie über viele Jahre Konzerte und den Anneliese-Rothenberger-Gesangswettbewerb. Die Familie Bernadotte wurde für sie zu einer Art neuer Familie. Dass Gräfin Sandra Bernadotte einmal unbedingt ein ausverkauftes Privatkonzert von Jon Bon Jovi im Wizemann besuchen wollte, passte zu einer typischen Brigitte-Stephan-Geschichte: Sie telefonierte so lange herum, bis doch noch irgendwo eine Karte auftauchte.
Neben all der Kultur blieb ihr Lebensmittelpunkt immer ihr Mann Uli. 63 Jahre lang waren die beiden verheiratet – eine seltene, beeindruckende Lebensgemeinschaft, die beiden viel Halt gab.
Eigene Kinder hatte sie nicht. Aber sie hatte Freunde, Künstler, Weggefährten – oft deutlich jünger als sie –, um die sie sich kümmerte wie eine Mutter. Vielleicht kam daher der Spitzname „Big Mama“.
Brigitte Stephan (Mitte) mit Designerin Lissi Fritzenschaft, dem früheren MdB Stefan Kaufmann, unserem Autor Uwe Bogen und Conny Mertz.
Brigitte Stephan mit Klaus Maria Brandauer und Gräfin Sandra Bernadotte bei den Biberacher Filmfestspielen. Foto: privat
Noch drei Tage vor ihrem Tod schrieb sie eine ihrer unverwechselbaren Mails – voller schwäbischer Formulierungen, voller Punkte, voller Temperament. Sie gratulierte zum neuen Online-Magazin EchtStuttgart. Der Uwe möge seinen Lesern bitte „noch laaaaaaange“ erhalten bleiben, schrieb sie, weil er noch zu den Journalisten gehöre, „die gründlich recherchieren und super formulieren können“.
Und genau dieser Uwe wird nun ihre Anrufe vermissen.
Wenn Brigitte Stephan anrief, wusste man: Das dauert jetzt. Sie hatte immer viel zu erzählen. Sie hatte klare Meinungen. Sie war witzig, frech, energisch, manchmal unbequem – aber immer herzlich. Wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, ließ sie nicht locker. Einer Bitte von ihr konnte man kaum widersprechen.
Brigitte Stephan kannte Gott und die Welt. Ihr Mann Uli Stephan wünschte eine Beerdigung im engsten Familien- und Freundeskreis. Deshalb möge man einen Nachruf erst nach der Beisetzung schreiben. Auf dem Friedhof in Heumaden sang Kammersängerin Helene Schneiderman, Star der Stuttgarter Oper, am Freitag einfühlsam: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück.“ Das ging unter die Haut. Viel Glück hat Brigitte Stephan, deren Porträt zwischen Blumen und Kränzen auf einem Podest stand, vielen Menschen geschenkt. Nun bleibt der Gedanke, dass dieses Glück sie selbst begleiten möge.
Von der Insel Mainau sind drei Mitglieder der Familie Bernadotte gekommen: Gräfin Sandra, die für sie wie eine eigene Tochter war, die Vize Figlia, Graf Björn und Graf Christian Unter den Trauergästen waren auch der frühere Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann und sein Mann Rolf Pfander, Modedesignerin Lissi Fritzenschaft und ihr Mann Lothar Fritzenschaft, die zu den ganz engen Freunden zählten, sowie Ballettlegende George Bailey, der tief bewegt Abschied nahm.
Brigitte Stephan war Ehrenmitglied des Europäischen Kulturforums, organisierte sogar ein Konzert bei Papst Benedikt XVI. in Rom. Vor allem aber war sie eine der großen Netzwerkerinnen dieser Stadt. Eine Frau, die Kultur nicht organisierte, sondern liebte und lebte.
Die Kulturszene verliert mit ihr eine große Persönlichkeit. Im Himmel wird sie jetzt vermutlich schon die nächsten Konzerte organisieren. Ihr habt’s gut! Vielen Dank, liebe Brigitte, du bleibst in unseren Herzen.
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