Uwe Bogen
Im Olymp der Opernsänger
„Zweifeln und Verzweifeln gehört dazu“ – Nils Wanderer vor seinem Met-Debüt in New York
14. Mai 2026
In Stuttgart hat er für die Aids-Hilfe und die Stille Not gesungen: Mit seinem Debüt an der Metropolitan Opera in New York erreicht Nils Wanderer an diesem Donnerstag einen Meilenstein. Mit EchtStuttgart spricht der Countertenor über Seelenstimmen, Kastraten sowie Disziplin und Druck auf der Weltbühne.
Als erster deutscher Countertenor seit drei Jahrzehnten singt Nils Wanderer am Donnerstag, 14. Mai. an der Metropolitan Opera in New York, im Olymp der Opernsänger. In Ingersheim im Landkreis Ludwigsburg ist er geboren, also ein Kind der Region Stuttgart. Bei seinem Projekt „Wanderer zwischen den Welten“ verbindet er Barockmusik und elektrodide Klänge. Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die Komponisten von Rosenstolz, haben ihm die Rolle des Todesengels für ihr Musical „Romeo und Julia“ auf den Leib geschrieben. Kurz vor seiner Premiere an der Met haben wir ein, wie wir finden, spannendes Interview geführt. Die großartigen Blumenfotos stammen aus der Zusammenarbeit mit der in New York lebenden Fotografin Claudia Paul, die ebenfalls aus Ingersheim stammt.
Nils Wanderer, wann hast Du zum ersten Mal gemerkt, dass Deine Stimme in Richtung Countertenor geht – und nicht in eine „klassische“ Tenor- oder Baritonlage?
Es war eine bewusste Entscheidung für mich. Ich studierte zuerst als Bariton in Weimar und wusste, dass meine authentische Seelenstimme die Countertenor-Stimme ist. Heute habe ich das große Glück, beide Stimmlagen einsetzen und singen zu dürfen.
Gab es einen konkreten Moment oder eine Person, die Dich auf diesen Stimmweg gebracht hat?
Es war das Gefühl beim Singen, welches mich davon überzeugte, dass dies mein Weg sein wird – Menschen zu berühren und in verschiedene Rollen zu schlüpfen.
Wie fühlt es sich für Dich an, in einer Stimmlage zu singen, die für viele Menschen zunächst ungewohnt oder erklärungsbedürftig ist?
Ich versuche immer, diese besondere Stimme mit größtmöglicher Authentizität und Ehrlichkeit zu verbinden. Das berührt die Menschen am ehesten und gibt mir die Chance, ganz bei mir und beim Publikum zu sein.
Wie würdest Du jemandem, der mit Oper wenig zu tun hat, in einfachen Worten erklären, was ein Countertenor ist?
Ich singe als Mann unter anderem in meiner Kopf- bzw. Falsettstimme und erreiche damit die Tonhöhen eines Soprans.
Der Countertenor wird historisch manchmal mit dem Begriff „Kastratengesang“ in Verbindung gebracht – stört Dich diese Assoziation?
Es stört mich nicht, da dies unsere Geschichte und Wurzeln sind. Die Kastraten waren die ersten großen Superstars in der Musik. Das Repertoire des Barocks, welches für diese Ausnahmekünstler komponiert wurde, ist atemberaubend schön und virtuos.
Dein Debüt an der Metropolitan Opera gilt als Meilenstein: Was bedeutet Dir dieser Schritt persönlich und künstlerisch?
Es ist die größte Ehre meines Lebens und ich bin sehr dankbar dafür, als erster deutscher Countertenor seit vielen Jahrzehnten dort singen zu dürfen. Diese Reise und meine Karriere sind eine Team-Leistung vieler Menschen, die mich unterstützt haben. Ich bin stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. Die Met ist der Olymp der Opernsänger – ich liebe jede Sekunde in New York.
Was genau wirst Du an der Met singen – und warum wurde gerade dieses Werk für Dein Debüt gewählt?
Ich singe die Rolle des Leonardo in „El Último Sueño de Frida y Diego“ von Gabriela Lena Frank unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin. Meine Rolle changiert zwischen männlicher und weiblicher Energie. Ich spiele den Freund und Liebhaber von Frida Kahlo, der auch als Greta Garbo auftritt. Ich wurde ausgewählt, weil diese Musik einen Sänger verlangt, der sowohl Countertenor als auch Bariton singen kann und große stimmliche Durchschlagskraft besitzt. Außerdem bringe ich Erfahrung als Tänzer und Schauspieler mit, da die Rolle starke körperliche Präsenz verlangt.
Wie bereitest Du Dich auf einen Auftritt auf einer der bedeutendsten Opernbühnen der Welt vor?
Die Vorbereitung beginnt Monate vor der ersten Probe. Ich stehe im engen Austausch mit Komponistin und Librettist über Figur und Energie der Rolle. Danach arbeite ich mit meinem Coach an der Musik und meinem authentischen Klang. Ebenso bereite ich mich mental und körperlich vor. Disziplin, bewusste Lebensweise und Fokus sind entscheidend – bis zur Premiere verzichte ich bewusst auf Ablenkung und achte auf Schlaf, Ernährung und Bewegung.
Du bist der erste deutsche Countertenor seit vielen Jahren an der Met – spürst Du diesen „historischen Moment“ für Dich selbst?
Ich lebe diesen Moment sehr bewusst. Ich bin normalerweise zwischen mehreren Projekten und liebe es, mich kreativ in mehreren Bereichen gleichzeitig auszutoben. Hier bin ich nur als Nils und Leonardo. Diese Rolle und dieses Stück fordert meine gesamte Aufmerksamkeit und ich weiß, dass dieser Moment besonders für viele Menschen ist. Es ist der Höhepunkt und das Gütesiegel meiner Sängerkarriere.
Denkst Du, dass Dein Engagement auch Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Countertenören im deutschsprachigen Raum haben kann?
Ich wünsche es mir sehr. Ich singe selten in Deutschland und noch weniger in meiner Heimat. Ich hoffe, dass sich das bald ändert. Momentan sind meine Verträge vor allem in Nordamerika, Japan, UK und Südeuropa.
Gab es auf Deinem Weg Momente, in denen Du gedacht hast: „Das wird unmöglich“?
Immer. Das ist die Natur eines Künstlers: sich ständig hinterfragen, zweifeln und manchmal auch verzweifeln. Das gehört zum Prozess. Diese Zerbrechlichkeit macht mich als Künstler menschlich und dadurch darf ich mich mit meinem Publikum emotional verbinden. Ich sehe mich selbst als Seelensänger.
Und heute – was überrascht Dich selbst noch an Deiner eigenen Karriere am meisten?
Dass ich es geschafft habe, als kleiner Junge aus dem Dorf Ingersheim meinen Traum leben zu dürfen und so viele Menschen an meiner Seite zu haben, die mich unterstützen und mich so lieben, wie ich bin. Das ist das größte Glück für mich.
Bist du sehr nervös vor Deinem Debüt an der Met?
Ja, aber positiv.
Toi. toi, toi für die Premiere.
Danke sehr und liebe Grüße nach Stuttgart-
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