LGBTQA+-Partys auf dem Wasen
Zwei queere Highlights, ein Abend: Am 8. Oktober steigt beim Cannstatter Volksfest zum 27. Mal Gaydelight. Gleichzeitig feiert „& Julia“ im Palladium-Theater Stuttgart-Premiere – ein Musical, in dem queere Liebe eine wichtige Rolle spielt. Unser Überblick über die LGBTQA+-Partys auf dem Wasen.
In der LGBTIQA+-Community in Stuttgart sorgt gerade eine Terminkollision für Gesprächsstoff: Ausgerechnet die Stuttgart-Premiere von „& Julia“, einem Musical, in dem von einer queeren Liebe erzählt wird, fällt auf denselben Abend wie Gaydelight. Die großen Stuttgarter Musical-Premieren von Stage Entertainment, die meist im Herbst oder Winter stattfinden, lagen in den vergangenen Jahren nach dem Cannstatter Volksfest. Diesmal ist es anders: Am Donnerstag, 8. Oktober, heißt es gleichzeitig Premierenabend im Palladium Theater und Gaydelight im Wasenwirt-Festzelt.
Gaydelight gehört zu den Erfolgsgeschichten des Cannstatter Volksfestes. Seit 27 Jahren trifft sich die queere Community im Wasenwirt-Festzelt zu einer lauten, wilden und schrillen Nacht. Was einst als Skandal auf dem Wasen begann, ist längst zu einem der größten Treffpunkte der Stuttgarter LGBTQ+-Community geworden.
Der Termin ist dabei Tradition: Gaydelight steigt am letzten Donnerstag des Volksfestes. Seit dem vergangenen Jahr konzentriert Veranstalter Theo Pagliarucci das Event ganz auf diesen einen großen Abend im Herbst. Die frühere Ausgabe beim Stuttgarter Frühlingsfest gibt es nicht mehr.
Cannstatter Wasen
Die Entscheidung scheint aufzugehen. Rund 80 Prozent des seit 2025 um zehn Meter verlängerten Wasenwirt-Zelts seien bereits ausgebucht, sagt Pagliarucci gegenüber EchtStuttgart. Gerade kämen verstärkt Anfragen von Einzelpersonen und Paaren hinzu. Für Kurzentschlossene soll es am 8. Oktober ab 17 Uhr an der Abendkasse noch Einlassbänder und Verzehrgutscheine geben.
„Die Nachfrage zeigt, dass es tendenziell wieder voll wird“, sagt Pagliarucci. Die Entscheidung, Gaydelight nur noch einmal jährlich beim Volksfest zu veranstalten, sei richtig gewesen.
Mehrere tausend Gäste werden erwartet. Durch den Abend führt Drag-Entertainerin Emily Island, die unter anderem zu einer musikalischen Reise durch die Schlagergeschichte der LGBTQ+-Community einlädt. Dazu kommen Die Grafenberger und DJ Twenty B. Im Wasenwirt wird bis 23 Uhr gefeiert, danach soll die Partynacht im Romy S. weitergehen.
Gaydelight wird in diesem Jahr zugleich zur großen Geburtstagsparty der Stuttgarter Community. Gleich drei Organisationen feiern Jubiläum: Die IG CSD Stuttgart besteht seit 25 Jahren, die Weissenburg seit 30 Jahren und der LC Stuttgart seit 50 Jahren.
Pagliarucci begrüßt es, dass es auf dem Wasen neue queere Veranstaltungsformate gibt; insbesondere bei jüngeren Menschen würden sich die Szenen stärker vermischen. Gleichzeitig seien sichtbare queere Veranstaltungen auf dem Wasen angesichts zunehmender Queerfeindlichkeit weiterhin wichtig.
Davon gibt es beim Volksfest 2026 gleich mehrere. Bereits am 27. September steigt in der Almhütte Royal die Regenbogenalm auf der Empore von Festwirtin Nina Renoldi. Beim Frühlingsfest gab’s bei diesem Event den längsten Fassanstich der Welt, der allen viel Spaß gemacht hatte, nur den Akteuren nicht unbedingt. Die spannende Frage am Sonntag wird lauten: Schaffen es die Veranstalter und die Wirtin diesmal unter vier Minuten?
Queere Wasenparty in Bestform: Der Fassanstich, der einfach nicht aufhören wollte
Am 4. Oktober folgt im Wasen-Club Royal 1850, ebenfalls in der Almhütte Royal, erstmals der Drag-Bingo mit Veronica Mont Royal und Didi Divalicious. Die beiden sind ein Superteam, wie sie schon oft in verschiedenen Locations der Stadt bewiesen haben. Und noch eine Partyreihe, die bei der Community sehr gut ankommt, feiert ihre Wasenpremiere: Konstantin Wulle lädt mit seiner Kosmo für Mittwoch, 30. September, in den neuen Disko-Wirt im Hofbräu-Zelt Beim Benz.
Dass Gaydelight ausgerechnet mit „& Julia“ kollidiert, stellt so manche in der Community vor eine schwierige Entscheidung. Denn die neue Stuttgarter Musicalproduktion enthält viel, was das queere Herz erfreut.
Das Jukebox-Musical dreht Shakespeares berühmteste Liebesgeschichte weiter: Was wäre, wenn Julia nach Romeos Tod nicht ebenfalls sterben würde, sondern ihr Leben selbst in die Hand nähme? Erzählt wird diese alternative Geschichte mit den Popsongs von Max Martin. Der schwedische Songwriter und Produzent schrieb Welthits für Britney Spears, die Backstreet Boys, Katy Perry, Pink, Ariana Grande und viele andere.
Pop-Hits, Power, Party: Warum sich Stuttgart auf das Musical „& JULIA“ freuen kann
Zur Geschichte gehört nicht nur Julias Emanzipation. Eine zentrale Figur ist ihre nichtbinäre beste Freund*in May. Zwischen May und François entwickelt sich eine queere Liebesgeschichte. Bei der deutschen Premiere in Hamburg gehörte die selbstverständliche Darstellung unterschiedlicher Formen von Liebe zu den prägenden Elementen der Produktion.
Auch musikalisch findet das seinen Niederschlag: Katy Perrys „I Kissed a Girl“ gehört zum Repertoire der Show. Die queere Liebesgeschichte wird dabei nicht als tragisches Bühnenschicksal erzählt, sondern leicht und selbstverständlich in die Handlung eingebunden.
Die Überschneidung dürfte zumindest einen Teil des Publikums vor eine Entscheidung stellen. Die beiden Veranstaltungen könnten äußerlich kaum unterschiedlicher sein: hier Musical-Premiere und Pop-Hits im Palladium Theater, dort Dirndl, Lederhose, Schlager, Drag und Festzeltstimmung auf dem Wasen.
Für Gaydelight scheint die Terminkollision bisher kein größeres Problem zu sein. Rund 80 Prozent der Plätze sind bereits reserviert. Und vielleicht ist gerade diese Überschneidung auch ein Zeichen dafür, wie vielfältig die LGBTQIA+-Szene in Stuttgart inzwischen ist. Queeres Leben findet nicht mehr nur bei einzelnen Szene-Veranstaltungen statt: Es ist im traditionellen Volksfestzelt ebenso präsent wie auf einer der großen Musicalbühnen der Stadt – eben genau so wie im wahren Leben.
Am 8. Oktober wird diese Vielfalt besonders sichtbar – auch wenn sie für manche bedeutet, sich zwischen Bierzeltbank und Rotem Musical-Teppich entscheiden zu müssen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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