Vor dem Fassanstich auf dem Wasen
München hat das größere Oktoberfest, das Volksfest in Bad Cannstatt dafür einen Festtag mehr. Seit 2007 wird auf dem Wasen bereits freitags gefeiert. Wie es dazu kam, wie viele Schläge die OBs zum Anstich brauchten – und warum Festzelte bei Jogginghosen den Einlass verweigern können. Unser Update vor dem Fassanstich.
Gut, München hat die Wiesn. Sie ist größer, zieht mehr Besucherinnen und Besucher an und lockt Touristen aus aller Welt. Aber zumindest bei den Festtagen liegt Stuttgart vorne: Das Cannstatter Volksfest dauert 17 Tage – einen Tag länger als das 16-tägige Münchner Oktoberfest.
Wenn an diesem Freitag die Fahrgeschäfte starten und Oberbürgermeister Frank Nopper um 16 Uhr zum Hammer greift, beginnt das 179. Cannstatter Volksfest. Gefeiert wird bis zum 11. Oktober. Dass der Wasen freitags beginnt, ist noch keine alte Tradition. Früher startete das Volksfest am Samstag. Erst seit 2007 gehört der Freitag dazu.
Bereits 2004 entstand die Idee, den Auftakt vorzuziehen: Das Volksfest sollte am Freitagabend eröffnet und daraus zugleich eine Fernsehveranstaltung gemacht werden. Der SWR zeigte Interesse. 2006 fiel schließlich die Entscheidung. Das Volksfest wurde von 16 auf 17 Tage verlängert, ab 2007 öffneten die Tore bereits am Freitag.
Der zusätzliche Tag sollte zugleich eine große Bühne für den Volksfestauftakt werden.
Am Freitag, 28. September 2007, eröffnete Oberbürgermeister Wolfgang Schuster erstmals an einem Freitag das Cannstatter Volksfest. Zwei Hammerschläge benötigte er, dann floss das Bier.
Der SWR übertrug die Eröffnungsfeier am Abend live. Nach Angaben von in.Stuttgart sahen mehr als eine Million Menschen zu. Die Fernseh-Eröffnung blieb mehrere Jahre bestehen. Von 2007 bis 2013 gehörte die TV-Übertragung zum Wasenauftakt. Erst 2014 war Schluss.
2014 strich der SWR die Live-Show. Der Sender wollte seine Schwerpunkte anders setzen und unter anderem den großen Volksfestumzug live übertragen.
Zudem gab es unterschiedliche Vorstellungen über den Zeitpunkt des Fassanstichs. Die Stadt wollte ihn auf 15 Uhr vorziehen, wenn das Volksfest öffnete. Das passte nicht zur abendlichen Live-Show des SWR. Eine Einigung kam nicht zustande.
Das Fernsehen verschwand, der Freitag nicht.
Der zusätzliche Festtag hatte sich längst etabliert. Bürgermeister Michael Föll sagte damals: „Der Freitag hat sich längst eingebürgert.“ Auch für Wirte und Schausteller war der zusätzliche Tag attraktiv.
Die Geschichte des Cannstatter Volksfestes ist ohnehin eine Geschichte der Verlängerung. Beim ersten Fest 1818 wurde nur einen Tag gefeiert – am 28. September, dem Geburtstag von König Wilhelm I.
Später wurden daraus drei, dann vier Tage. Um 1920 dauerte das Volksfest fünf Tage. Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs es zunächst auf zehn und dann auf zwölf Tage. 1972 wurde auf 16 Tage verlängert. Seit 2007 sind es 17.
Wer die 17 Tage ausgiebig nutzen möchte, sollte 2026 allerdings nicht nur über den richtigen Termin nachdenken, sondern auch über die Kleidung. Denn mehrere große Festzelte haben inzwischen ziemlich konkrete Vorstellungen davon, was sie nicht sehen wollen.
Beim Wasenwirt, beim Göckelesmaier, bei Beim BENZ und in der SchwabenWelt werden Jogginghosen, Jogginganzüge oder Sportbekleidung in den veröffentlichten Regeln ausdrücklich als unangemessene Kleidung genannt. Der Zutritt kann deshalb verweigert werden. Tracht ist dagegen keine Pflicht.
Eine Ausnahme gibt es beim Wasenwirt: An Heimspieltagen sind Fantrikots und andere Fanbekleidung des VfB Stuttgart, der Stuttgarter Kickers und des jeweiligen Gastvereins ausdrücklich willkommen. Michael Schmiedt, Betriebsleiter von Wasenwirt, erklärt auf Anfrage von EchtStuttgart, dass Jogginghose aber auch nicht gleich Jogginghose ist: „Generell achten wir schon auf angemessene Kleidung! Nachdem mittlerweile es sehr moderne und schicke Jogginghosen gibt, sind die da damit natürlich nicht gemeint! Früher wollten einige Besucher mit dreckigen und verschlissen Jogginghosen herein – dies geht bei uns nicht.“
Beim 2026 erstmals von der Familie Weller betriebenen Weller’s Klauss & Klauss Dinkelacker Festzelt findet sich auf der veröffentlichten Volksfest-Seite dagegen keine vergleichbar konkrete Kleiderregel mit einem ausdrücklichen Jogginghosen-Verbot.
Cannstatter Wasen
Zum Auftakt richtet sich der Blick traditionell auf den Fassanstich des Oberbürgermeisters.
Bei der ersten Freitags-Eröffnung 2007 benötigte Wolfgang Schuster zwei Schläge. 2009 gelang es ihm sogar mit einem Schlag. 2011 waren es zwei, 2012 drei.
Sein Nachfolger Fritz Kuhn entwickelte dagegen eine erstaunlich konstante Beziehung zur Zahl Vier. 2013 benötigte er vier Schläge, 2014 fünf. Von 2015 bis 2019 waren es dann jedes Jahr exakt vier. Die offizielle Volksfestseite sprach 2017 bereits von „Vier Schläge aus Tradition“.
Und Frank Nopper? Bei seiner Premiere 2022 waren es zwei Schläge. 2023 brauchte er vier, 2024 wieder zwei und 2025 ebenfalls zwei. Seine bisherige Bilanz lautet also: 2 – 4 – 2 – 2.
An diesem Freitag kommt die nächste Zahl dazu.
Und dann wäre da noch Manfred Rommel. Eine vollständige Statistik seiner Fassanstiche ist nicht ohne Weiteres zu finden. Eine Zahl aber ist überliefert.
Vor seiner Premiere 2022 hatte Frank Nopper nach eigener Aussage in den Annalen recherchiert. Dabei stieß er darauf, dass Alt-OB Manfred Rommel bei einem Fassanstich einmal zehn Versuche benötigte.
In welchem Jahr das geschah, lässt sich anhand der bislang auffindbaren Quellen nicht zuverlässig bestimmen.
Dass eine fürs Fernsehen mitgedachte Neuerung die Fernsehshow überdauert hat, gehört zu den hübschen Volten der Wasen-Geschichte. Über den Freitag diskutiert heute kaum noch jemand.
Wenn Frank Nopper an diesem Freitag den Holzhammer in die Hand nimmt, wird dafür wieder genau mitgezählt. Zwei Schläge wie 2022, 2024 und 2025? Vier wie 2023? Oder gelingt ihm erstmals der perfekte Schlag?
Nur eines dürfte Nopper vermeiden wollen: Manfred Rommels überlieferte zehn Versuche. Denn manche Wasen-Rekorde lässt man besser unangetastet.
Diese Festzelte unterstützen unsere Wasen-Berichterstattung 2026.
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.