Uwe Bogen
Stuttgart-Album zur Weindorf-Historie
Wie Stuttgart vor 50 Jahren sein Weindorf erfand – und warum heute im Trikot gefeiert wird
6. Juli 2026
Das Stuttgarter Weindorf feiert in diesem Sommer seinen 50. Geburtstag – mit feuerrotem Jubiläumstrikot und erneut mit 17 statt mit zwölf Festtagen wie früher. Unser Stuttgart-Album blickt auf die Anfänge zurück, als die City zur „großen Besenwirtschaft“ wurde.
Mit 40 werden Schwaben gscheit, so sagt man leichtfertig dahin. Und miit 50? Offenbar sportlich. Jedenfalls bekommt das Stuttgarter Weindorf zu seinem runden Geburtstag das, was sonst Fußballvereinen oder Handballclubs vorbehalten ist: ein eigenes Trikot.
Das traditionsreichste Weinfest der Region feiert im August seinen 50. Geburtstag – und gönnt sich dazu ein Jubiläumsjersey. Vom regionalen Sportartikelhersteller Jako hat der Bürgerverein Pro Stuttgart ein limitiertes Trikot entwerfen lassen.. Vorgestellt wurde es genau 50 Tage vor dem Jubiläums-Weindorf im LBBW Forum.
Der Verkaufserlös geht an die Hilfsorganisation KleinFormat
Dabei geht es nicht nur um Mode oder Sammlerleidenschaft. Der komplette Verkaufserlös fließt an die gemeinnützige Gesellschaft KLEINformat!, gegründet vom Paralympics-Sieger und JAKO-Markenbotschafter Niko Kappel. Das Jubiläum soll nicht nur Freude bereiten, sondern auch Menschen unterstützen.
Der erste stationäre Verkauf findet am 9. Juli zwischen 17 und 20 Uhr im Pop-up-Store an der Weinbar des Stuttgarter Ratskellers auf dem Marktplatz statt. Danach könnte das stechend rote Jubiläumstrikot schnell zum Sammlerstück werden.
Die gemeinsame Initiative hat sich zum Jubiläum gegründet, das in der Stadt eine nicht unwichtige Rolle spielt. Schließlich erzählt kaum etwas die Geschichte Stuttgarts so eindrucksvoll wie der Wein.
Die Rebstöcke reichen bis heute beinahe bis ins Stadtzentrum hinein. Stuttgart ist damit unter den deutschen Großstädten eine Ausnahme. Manche Historiker gehen sogar so weit, den Stadtnamen nicht vom berühmten Pferdegestüt, sondern vom „Stockgarten“, dem Garten der Weinstöcke, abzuleiten. Ein mittelalterlicher Chronist schrieb einst, würde man den Wein in Stuttgart nicht lesen, „würde die Stadt bald in Wein ersäufet sein“. Sicher ist: Nicht die Pferdezucht machte Stuttgart wohlhabend, sondern über Jahrhunderte vor allem der Weinbau.
Bereits die Römer brachten vermutlich die ersten Reben ins Neckartal. Ihr Wein hätte heutigen Genießerinnen und Genießern allerdings kaum geschmeckt: verdünnt, gewürzt, gesüßt und mit einer Schicht Olivenöl konserviert. Über die Jahrhunderte entwickelte sich daraus dennoch eine Weinkultur, die Stuttgart bis heute prägt.
Auch die Geschichte des Weindorfs beginnt mit einer ungewöhnlichen Idee. 1976 organisierte der damalige ADAC-Pressesprecher Erich Brodbeck erstmals ein Weinfest mitten auf dem Marktplatz. Die Zeitungen nannten es damals eine „Besenwirtschaft in der City“. Nach nur einer Ausgabe war allerdings schon wieder Schluss. Der ADAC erkannte, dass Wein und Autofahren nicht unbedingt zueinander passen.
Zwei Jahre später griff der damalige Verkehrsdirektor Peer-Uli Faerber gemeinsam mit Pro Stuttgart die Idee erneut auf. 1978 entstand das Weindorf in seiner heutigen Form – mit eigens entworfenen Holzlauben, die schwäbischen Wengerterhäuschen nachempfunden waren. Anfangs kostete eine Laube stolze 6000 D-Mark. Heute gehören sie längst so selbstverständlich zum Stadtbild wie der Marktplatz selbst.
Bis heute gelten klare Regeln. Auf den Speisekarten stehen schwäbische Spezialitäten, ausgeschenkt werden ausschließlich Weine aus der Region. Internationale Tropfen sucht man vergeblich. Das Weindorf versteht sich als Schaufenster der heimischen Winzer. Als ein Wirt wohl heimlich Champagner ausschenkte, bekam er großen Ärger. Nur beim Aperol Spritz drücken die Traditionalisten inzwischen ein Auge zu.
Zum 50. Geburtstag darf das Weindorf erneut 17 Tage lang gefeiert werden – üblich waren lange Zeit zwölf Tage.
Lange stritt man über die richtige Zählweise: Brodbeck wollte sein Fest von 1976 als erste Ausgabe verstanden wissen, Pro Stuttgart begann dagegen zunächst die Rechnung mit 1978. Heute aber zählt man nach Brodbecks Methode: In diesem Sommer feiert das Weindorf also seinen 50. Geburtstag.
Und man sieht’s sportlich. In diesem Jahr treten die größten Weindorf-Fans im Trikot an. Bitte, wenn’s der Werbung und einer guten Sache dient. Leserinnen und Leser unseres Magazins wissen ja: Helfen macht happy. Und ein guter Wein macht happy – noch viel mehr, wenn man ihn mit guten Freunden trinkt.
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