Uwe Bogen
Stuttgarter CSD startet
Wirbel um den Kings Club: Anzeige nach Lost-Place-Video – die queere Szene im Wandel
10. Juli 2026
Ein Lost-Place-Video aus dem geschlossenen Kings Club bewegt die queere Community. Wirtin Laura Halding-Hoppenheit erstattet Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Zum CSD-Start blickt EchtStuttgart auf den Wandel der Szene. Kehrt das Studio Gaga zurück?
Dicke Staubschichten auf den eigentlich roten Barhockern, verlassene Räume und eine Atmosphäre wie aus einer anderen Zeit: Seit einigen Tagen sorgt ein Social-Media-Film in der Stuttgarter queeren Community für Gesprächsstoff. Das Video zeigt den ehemaligen Kings Club (KC), der 1977 eröffnet wurde, als LOST PLACE.
Seit fast zehn Jahren ist das frühere „Wohnzimmer“ der schwulen Szene in Stuttgart geschlossen. Für Ältere weckt der Film Erinnerungen, bei vielen sentimentale, andere fragen sich: Wie kamen die Video-Leute überhaupt in das Gebäude?
Die Wirtin hat Anzeige wegen Hausfriedensbruchs erstattet
Die langjährige Betreiberin des Kings Club und Stuttgarter Stadträtin Laura Halding-Hoppenheit stellt klar: „Ich habe die Türen für den Social-Media-Film nicht geöffnet – auch der Hausverwalter nicht.“ Eigentümer des Gebäudes sei eine argentinische Erbengemeinschaft. Der Keller steht seit Jahren leer. Ohne Gastro-Nutzung wird keine Pacht verlangt, so ist zu hören.
Halding-Hoppenheit hat inzwischen Anzeige bei der Polizei erstattet. Nach ihrer Auffassung handelt es sich um Hausfriedensbruch. Sie vermutet, dass die unbekannten TikTok-User über den benachbarten Keller in das Gebäude gelangt sein könnten.
Trotz des trostlosen Zustands des ehemaligen Clubs , in dem obendrein ein Wasserrohrbruch für zusätzliche Schaden sorgte, gibt die Stuttgarter „Queen of Queer“ die Hoffnung nicht auf. Mit einem Investor könne es gelingen, den Kings Club nach fast zehnjähriger Schließung wiederzueröffnen, ist sie überzeugt.
Ihre eigene Rolle sieht die Clublegende dabei allerdings mit Humor: „Ich werde dann nur noch als Dekoration dabei sein„, sagt die über 80-Jährige, die ihr genaues Alter nicht verrät.
Gerüchte um das Monroes
In der Szene kursieren seit Längerem Gerüchte, der queere Treff Monroes an der Schulstraße könne Interesse an einer Übernahme des ehemaligen Kings Club haben. Auf Anfrage von EchtStuttgart weist Betreiber Niko diese Spekulationen jedoch eindeutig zurück.
„Da ist absolut nichts dran„, sagt er.
Tatsächlich sieht er die Entwicklung der Szene ohnehin in eine andere Richtung gehen. Während sich homosexuelle Menschen früher häufig in den Kellern von Bars und Diskotheken getroffen hätten, sich quasi verstecken mussten, wünsche sich die jüngere Generation heute offene Begegnungsorte.
„Früher mussten sich Schwule in den Keller einer Disco zurückziehen. Heute möchten junge Menschen sichtbar sein und auch draußen feiern. Die Zeit des Geheimhaltens ohne Outing ist zum Glück vorbei.“
Große Partys – aber kaum geeignete Orte
Dass der Bedarf an großen queeren Veranstaltungen vorhanden ist, zeigte sich bereits in den vergangenen Jahren. Während des Christopher Street Day veranstaltete das Monroes-Team zweimal große Partys im leerstehenden Hotel am Schlossgarten. Unter dem Namen Studio Gaga kamen Gäste aus ganz Deutschland nach Stuttgart.
„Wir sind bundesweit gut vernetzt“, sagt Niko. Entsprechend groß sei der Zuspruch gewesen.
Für das bevorstehende CSD-Wochenende habe das Team erneut nach einer größeren Location mit Außenbereich gesucht – allerdings ohne Erfolg. Selbst gemeinsam mit einer befreundeten Brauerei habe sich kein geeigneter temporärer Veranstaltungsort finden lassen.
Gespräche habe es unter anderem mit dem StadtPalais und der Staatsgalerie gegeben. Beide Häuser seien grundsätzlich offen für queere Veranstaltungen gewesen. Am Ende scheiterte eine Umsetzung jedoch an den Rahmenbedingungen: Das StadtPalais darf nur eine begrenzte Zahl an Außenveranstaltungen pro Jahr durchführen, die Termine waren bereits vergeben. Die Staatsgalerie wiederum ist am CSD-Wochenende bereits anderweitig vermietet.
Die offizielle Pride-Party von Love Pop ist am Samstag. 25. Juli, 22 Uhr, im Kowalski, der Kriegsbergstraße 25. Im Proton steigt am selben Abend die „Blow Pride Edition – The Biggest Gay Playground in Stuttgart„.
Der CSD startet im Rathaus
Der Stuttgarter Christopher Street Day beginnt an diesem Freitag traditionell mit dem Empfang von Oberbürgermeister Frank Nopper im Rathaus.
Das Motto 2026 lautet: „Ohne uns kein Wir.“
Eine politische Neuerung gibt es ebenfalls: Die CDU kehrt in diesem Jahr wieder mit einem eigenen Truck zum CSD zurück. Bis einschließlich 2024 gehörte die Partei regelmäßig zum Demonstrationszug. Im vergangenen Jahr hatte die CDU ihren Truck nach Angaben aus der Partei aus Kostengründen gestrichen.
Der Blick in den verlassenen Kings Club zeigt nicht nur den Verfall eines legendären Ortes. Er macht auch deutlich, wie stark sich die queere Szene in Stuttgart verändert hat.
Wo früher geschützte Kellerclubs lebenswichtige Rückzugsorte waren, stehen heute Sichtbarkeit, Offenheit und Veranstaltungen unter freiem Himmel im Mittelpunkt. Gleichzeitig zeigt die anhaltende Hoffnung von Laura Halding-Hoppenheit auf eine Wiedereröffnung des Kings Club, welche emotionale Bedeutung dieser Ort bis heute für viele Menschen hat.
Der Kings Club bleibt damit ein Stück Stuttgarter Stadt- und LGBTQ+-Geschichte. Die Zukunft der queeren Szene entsteht jedoch längst an neuen Orten – offen, sichtbar und mitten in der Stadt.
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