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Ein Zentrum, das erkämpft wurde

30 Jahre Weissenburg: Stuttgart feiert im Wizemann queere Geschichte


Echt Stuttgart 4 Min. Lesezeit News

Drei Jahrzehnte Zusammenhalt und queeres Leben: Im Wizemann hat diie Weissenburg ihren 30. Geburtstag gefeiert. Hinter dem Jubiläum steckt mehr als die Geschichte eines Zentrums. Es ist die Geschichte von Menschen, die sich Räume erkämpften, als Sichtbarkeit noch Mut erforderte – und die Stuttgart damit verändert haben.

Die Weissenburg feiert ihren 30. Geburtstag

Ein Abend voller Erinnerungen, Begegnungen und Emotionen: Im Wizemann feierte die Stuttgarter Regenbogen-Community am Samstag 30 Jahre Weissenburg. Menschen aus den Anfangsjahren trafen auf diejenigen, die das Zentrum heute mit Leben füllen. Es ging um Freundschaften und politische Kämpfe, um Verluste und Erfolge – und um all jene, die aus einer mutigen Idee einen Ort gemacht haben, der für viele längst ein Stück Zuhause ist.

Denn selbstverständlich oder einfach war diese Geschichte nie.

Der lange Weg zu einem eigenen Ort

Blicken wir zurück: Mit dem Ende der NS-Diktatur war die Verfolgung homosexueller Männer nicht vorbei. Der §175 bestand in der Bundesrepublik weiter. Noch in den 1950er-Jahren bezeichnete sich die Stuttgarter Kriminalpolizei als „Schrecken der Homosexuellen“. 1959 erfolgte jede dritte Verurteilung nach §175 in Deutschland in Baden-Württemberg.

Die Ausgrenzung wirkte noch Jahrzehnte nach. Selbst 1988 wurde der Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart die Gemeinnützigkeit verweigert.

Doch längst hatten Menschen begonnen, sich zu organisieren und eigene Räume einzufordern. Ein wichtiger Schritt folgte 1991 mit dem SchwuLZ, dem ersten Zentrum für schwule Männer in Stuttgart. Die Anfänge waren bescheiden: Untermieter im Liberalen Zentrum, kein eigenes Schild an der Tür, drei Öffnungstage pro Woche und keine städtische Unterstützung.

Aber es gab einen Ort zum Zusammenkommen. Und der wurde dringend gebraucht.

Denn gleichzeitig überschattete AIDS das Leben vieler schwuler Männer. Freunde und Partner erkrankten oder starben. Die Krise brachte Trauer und Angst – sie sorgte aber auch dafür, dass die Community enger zusammenrückte.

Als 1995 der Verein zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen gegründet wurde, stand deshalb die HIV-Prävention im Mittelpunkt. Dabei ging es um mehr als medizinische Aufklärung: Coming-out-Beratung, Jugendarbeit und der Einsatz für ein selbstbestimmtes Leben HIV-positiver Menschen gehörten ebenso dazu.

Auch die ersten Schillerplatz-Hocketsen fanden unter Federführung der Aids-Hilfe statt. 1995 kamen dabei 22.599 D-Mark zusammen. Die Hälfte ging an den neu gegründeten Verein.

Damit war der Weg für den nächsten großen Schritt bereitet.

Ein Schild an der Tür – und ein neues Selbstbewusstsein

1996 öffnete das neue Zentrum in der Weißenburgstraße. Und diesmal gab es etwas, das heute unscheinbar erscheinen mag, damals aber ein starkes Signal war: ein eigenes Schild an der Tür. Eine Tür zum Safe Space.

Queeres Leben hatte eine sichtbare Adresse in Stuttgart.

Aus dem zunächst vor allem schwul geprägten Treffpunkt entwickelte sich über die Jahre ein Zentrum für eine immer vielfältigere Community. Lesbische Frauen, trans*, inter und nichtbinäre Menschen, queere und asexuelle Personen fanden hier ebenso ihren Platz wie Menschen aus dem Poly-Spektrum und der Leder- und Fetischszene.

Mit der Community veränderte sich auch die Weissenburg. Was über Jahrzehnte gewachsen war, wurde im April 2024 schließlich auch im Namen sichtbar: Seither heißt das Haus „Weissenburg – Zentrum LSBTIQA+“.

Hinter 30 Jahren stehen Menschen

Dass diese Entwicklung möglich war, liegt vor allem an den Menschen, die sie getragen haben.

Hinter drei Jahrzehnten Weissenburg stehen unzählige Stunden ehrenamtlicher Arbeit: Veranstaltungen organisieren, beraten, Förderanträge schreiben, Konflikte austragen, Kompromisse finden und unterschiedliche Generationen zusammenbringen.

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Dabei gab es auch schmerzhafte Einschnitte – etwa den Tod des langjährigen Aktivisten Joachim Stein. Auch der Generationswechsel im Zuge der Fusion mit der Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart stellte die Weissenburg vor neue Herausforderungen.

Wie lebendig die Solidarität innerhalb der Community bis heute ist, zeigt eine besondere Geste: Die Initiative für eine würdevolle Beerdigung von Rainer Nitschke spendete 2200 Euro aus dem Überschuss ihrer Crowdfunding-Aktion an die Weissenburg.

Der Applaus im Wizemann galt deshalb vor allem den Aktiven und Vorständen – denen aus den Anfangsjahren ebenso wie denen, die heute Verantwortung übernehmen. Gerade angesichts wieder stärker auftretender queerfeindlicher und rassistischer Positionen bleibt ihre Arbeit wichtig.

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Aus der eigenen Geschichte wird Erinnerungskultur

Mit den Jahren wuchs auch der Wunsch, nicht nur die eigene Geschichte zu erzählen, sondern an diejenigen zu erinnern, deren Leben lange verschwiegen wurde.

Daraus entstand unter anderem das Projekt „Der-Liebe-wegen“. Es dokumentiert mehr als 250 Biografien homosexueller NS-Opfer aus der Region und wurde 2018 mit dem ersten Preis für Heimatforschung Baden-Württemberg ausgezeichnet.

Inzwischen hat diese Erinnerungsarbeit auch im Stuttgarter Stadtbild Spuren hinterlassen: im ehemaligen Gestapo-Gebäude Hotel Silber und an der Gedenkstele zum NS-Terror der früheren Kripoleitstelle im Hospitalviertel, die auch an Opfer aus sexuellen Minderheiten erinnert.

Ein weiteres Anliegen ist die Würdigung von Fritz Bauer in Stuttgart – auch mit Blick auf seinen Einsatz gegen das Unrecht des §175.

So schließt sich ein Kreis: von einer Zeit, in der homosexuelle Menschen verfolgt und aus dem öffentlichen Leben gedrängt wurden, zu einer Community, die heute selbst dafür sorgt, dass ihre Geschichte nicht wieder unsichtbar wird.

Und die Geschichte geht weiter

Der nächste Anlass steht bereits fest: Im Januar 2027 wird „Der-Liebe-wegen“ zehn Jahre alt. Gefeiert wird am 23. Januar 2027 in der Weissenburg, unter anderem mit den Chören Musica Lesbiana und Rosa Note.

Nach dem Jubiläumsabend im Wizemann geht es also weiter – mit neuen Ideen, neuen Generationen und einer Community, die auch nach 30 Jahren noch viel vorhat.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Der lange Weg zu einem eigenen Ort
  2. Ein Schild an der Tür – und ein neues Selbstbewusstsein
  3. Hinter 30 Jahren stehen Menschen
  4. Aus der eigenen Geschichte wird Erinnerungskultur
  5. Und die Geschichte geht weiter

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