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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosJubiläum mit Haltung bei der eva
Warum steht das L bei LGBTQ+ vorne? Weil Lesben in der Aids-Krise halfen, als andere wegschauten. Daran erinnert der Chor Musica Lesbiana. Beim 40-Jahr-Jubiläum der Aids-Beratung der eva mit Lilo Wanders geht es um Menschen, die Mut bewiesen, und darum, auch heute Hass, Ausgrenzung und Stigma die Stirn zu bieten.
Ein Mann, der in den dunkelsten Jahren der Aids-Krise Menschen zur Seite stand, als viele andere sich aus Angst und Vorurteilen abwandten, steht beim 40-Jahr-Jubiläum der Aids-Beratungsstelle der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) im Mittelpunkt: Hans-Gerd Brunnert. Der vor zwei Jahren an Krebs verstorbene Sozialarbeiter gründete die erste konfessionelle Aids-Beratungsstelle Deutschlands und leitete sie über viele Jahre. Auch sein Ehemann ist bei der Jubiläumsfeier im Kulturwerk Naost im Stuttgarter Osten dabei. Immer wenn Brunnerts Name genannt wird, gibt es starken Beifall. Der Pionier der Aids-Beratung und Aufklärung ist unvergessen.
Brunnert, der aus Beckum im Münsterland stammte und seit 1984 bei der eva arbeitete, gehörte zu den Pionieren der Aids-Beratung. In einer Zeit, in der eine HIV-Diagnose häufig einem Todesurteil gleichkam und Betroffene massive Ausgrenzung erlebten, setzte er auf praktische Hilfe, persönliche Zuwendung und Solidarität. Er war einer der ersten, der sich vor über vier Jahrzehnten innerhalb der Kirche als schwul geoutet hat.
Mit dem Café Tocchetto schuf er einen Treffpunkt, der für viele Menschen mit HIV zur wichtigen Anlaufstelle wurde. Hier ging es nicht nur um gesundheitliche Fragen, sondern auch um Schulden, finanzielle Not, Einsamkeit und alltägliche Probleme. Brunnerts Engagement steht beispielhaft für eine Beratungsarbeit, die Menschen nicht auf ihre Erkrankung reduziert.
Durch den Festakt führt Lilo Wanders, bekannt aus der legendären Fernsehsendung „Wa(h)re Liebe“. Hinter der schillernden Bühnenfigur steckt der Schauspieler und Entertainer Ernie Reinhardt, der sich seit Jahrzehnten für sexuelle Aufklärung und Akzeptanz einsetzt. In Stuttgart zeigt sich der 72-Jährige bestens vorbereitet, schlagfertig und ausgesprochen witzig. Mit Charme und Humor führt sie/er durch ein Programm, das auch ernste und bewegende Themen behandelt
Zu den Mitwirkenden gehören die Bundesbeauftragte für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt Sophie Koch, Stuttgarts Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann, eva-Vorständin Sabine Henniger und Laura Halding-Hoppenheit. Die Stuttgarter Stadträtin und langjährige LSBTTIQA*-Aktivistin setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte queerer Menschen ein und hat die gesellschaftlichen Kämpfe miterlebt, als man Aids in ihrem Kings Club mit „Ab in den Sarg“ buchstabierte.
30 Jahre Weissenburg: Stuttgart feiert im Wizemann queere Geschichte
Die Geschichte der Aids-Beratung ist eine eine Geschichte der Solidarität innerhalb der queeren Community. Die Erklärung dafür, warum heute das L bei LGBTQ+ an erster Stelle steht, führt zurück in die Aids-Krise der 1980er-Jahre. Darauf weist der Chor Musica Lesbina her, der an diesem Abend auftritt. Während schwule Männer an Aids starben und viele Menschen aus Angst vor Ansteckung auf Distanz gingen, engagierten sich lesbische Frauen. Sie pflegten Erkrankte, spendeten Blut, organisierten Unterstützung und kämpften gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung.
Dass sich später die Reihenfolge LGBTQ+ gegenüber GLBT durchsetzte, wird als Würdigung dieses Engagements verstanden, wenng leich die Geschichte der Abkürzung komplexer ist.
Medizinisch hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten enorm viel verändert. Während eine HIV-Diagnose in den 1980er-Jahren häufig einem Todesurteil gleichkam, können Menschen mit HIV heute dank wirksamer Medikamente in der Regel ein langes und weitgehend normales Leben führen. Wer erfolgreich behandelt wird und eine dauerhaft unterdrückte Viruslast hat, kann HIV beim Sex nicht übertragen.
Doch medizinischer Fortschritt beseitigt nicht automatisch gesellschaftliche Vorurteile. Noch immer erleben Menschen mit HIV Diskriminierung – im Berufsleben, im Gesundheitswesen, bei der Partnersuche oder im persönlichen Umfeld. Viele haben Angst, offen über ihre Diagnose zu sprechen. Und Aufklärung ist auch deshalb so wichtig, dass es gar nicht erst zu einer Ansteckung kommt – die Betroffenen sich also die jahrelang teuren Medikamente sparen können.
Hinzu kommen Fragen zur Prävention, zu HIV-Tests, zur medikamentösen Schutzmöglichkeit PrEP und zum Leben mit einer chronischen Infektion. Auch psychische Belastungen, soziale Isolation und finanzielle Schwierigkeiten können eine Rolle spielen. Gerade deshalb braucht es weiterhin niedrigschwellige, vertrauliche und kompetente Beratungsangebote.
Die Aids-Beratungsstelle der eva begleitet seit 40 Jahren Menschen in schwierigen Lebenssituationen, vermittelt Wissen und kämpft gegen Stigmatisierung. Künftig soll sie sie in HIV-Beratungsstelle umbenannt werden, da Aids mit Tod assoziiert ist. DenDas Jubiläum macht deutlich: HIV ist heute gut behandelbar. Die Vorurteile dagegen brauchen weiterhin Aufklärung.
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