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Kommentar zu Downhill im Hexenkessel

„Wie geil ist eure Stadt nur“ – Stuttgart, das war ganz großes Kino!


Uwe Bogen ·6. September 2026 ·6 Min. Lesezeit News

Roger Vieira aus Brasilien gewinnt die Cerro-Abajo-Serie, Alex Marin aus Spanien das Finale im Kessel. Der dritte Sieger aber heißt Stuttgart aus Deutschland. Im Ziel fällt ein Wort immer wieder: GEIL! Ein Kommentar über einen Tag, an dem die Sportwelt erlebt, warum Stuttgart das beste Publikum der Welt hat.

Roger Viera wird Gesamtsieger der Red-Bull-Serie vor Sebastian Holguin und Alex Marin. Foto: Klaus Schnaidt

„Geil“ ist an diesem Sonntag das beliebteste deutsche Wort im Zielbereich auf dem Wilhelmsplatz. Dort, wo Athleten, Teams und Medienvertreter beim Rennen weitgehend unter sich sind, fällt es immer wieder. Gemeint ist Stuttgart. „Wie geil ist eure Stadt nur!“ Auf Englisch hört sich die Begeisterung ähnlich an: „The best crowd ever.“ Das beste Publikum überhaupt.

Ja, liebe Athleten: Ihr habt recht. Stuttgart ist an diesem Sonntag ziemlich geil. Und vielleicht tut es dieser Stadt auch gut, das einmal von allen Seiten gesagt zu bekommen.

Stuttgart kann auch Ausnahmezustand

Wir Stuttgarter sind schließlich ziemlich gut darin, auf das zu schauen, was nicht funktioniert. Auf leere Kassen und Stellenabbau, auf die Krise der Autoindustrie, Staus und Baustellen. Und natürlich auf einen Bahnhof, dessen Fertigstellung längst zur unendlichen Geschichte geworden ist. Manchmal könnte man meinen, Stuttgart bestehe vor allem aus Problemen.

Und dann kommt so ein Wochenende und plötzlich ist vieles davon für ein paar Stunden vergessen. Zehntausende stehen entlang der Strecke vom Teehaus im Weißenburgpark bis zum Wilhelmsplatz. Sie schreien, jubeln, klatschen und läuten Kuhglocken. Sie staunen über Sprünge, Präzision, Körperbeherrschung und den Mut der Fahrer. Und sie machen aus einem Radrennen ein Fest. Die ganze Stadt scheint gute Laune zu haben. Laut Stadt haben 90.000 Menschen an beiden Tagen zugeschaut – mit 25.000 hatten die Veranstalter gerechnet.

Es wird sogar ein bisschen zu viel des Guten. Schon am Vormittag strömen die Menschen in die Stadt, am Nachmittag geht an manchen Stellen kaum noch etwas. Wer seinen Standort wechseln will, muss sich durch die Menge kämpfen, Zuschauerbereiche werden zeitweise geschlossen. Kurz nach 14.30 Uhr schließlich die Botschaft: Bitte nicht mehr anreisen. Es ist voll, zu voll.

Zeitweise wirkt es tatsächlich, als müsse Stuttgart wegen Überfüllung geschlossen werden. Man kann über volle Straßen und Gedränge schimpfen. An diesem Sonntag darf man es aber auch einfach als riesiges Kompliment verstehen: Diese Stadt will dabei sein, auch wenn man sich zeitweise durchdrücken muss, um voran zu kommen..

In der gesamten Strecke bilden sich Menschentrauben. Foto: Klaus Schnaidt
Durch den Torbogen geht's ins Ziel. Foto: Klaus Schnaidt
OB Frank Nopper ehrt den Sieger. Foto: Klaus Schnaidt

Aus dem Kessel wird ein Hexenkessel

Und dann ist da diese Topografie, eines der Alleinstellungsmerkmale Stuttgarts. Der Kessel, die Hänge und Höhenzüge prägen das Gesicht der Stadt und ermöglichen einzigartige Panoramablicke, wie man sie in kaum einer anderen Großstadt findet. Beim Cerro Abajo wird genau diese besondere Lage zur spektakulären Sportkulisse. Treppen, steile Straßen und Gefälle werden zur Rennstrecke, Plätze zu Zuschauertribünen. Aus dem Kessel wird ein Hexenkessel. Das werden wir nicht jeden Tag schaffen: In einer Minute und 45 Sekunden vom Teehaus zum Wilhelmsplatz zu rasen.

Dazu diese Kuhglocken. Man hört sie überall: an den Sprüngen, den Treppen, hinter den Absperrungen und später sogar noch in den überfüllten Bahnen auf dem Heimweg. Kuhglocken gehören eigentlich in die Berge, zu Abfahrten und Skirennen. Doch an diesem Sonntag passen sie plötzlich perfekt zu Stuttgart. Für ein paar Stunden wird aus der Kesselstadt eine Bergstadt. Und nicht nur der Klang erinnert an den alpinen Rennsport: Zwischenzeiten, perfekte Kamerabilder auf den Leinwänden und rasante Live-Kommentare erzeugen die Spannung einer Skiabfahrt – nur eben auf zwei Rädern und mitten in der Stadt.  

Respekt für Präzision und Körperbeherrschung

Das Publikum versteht dabei sehr genau, was es zu sehen bekommt. Es feiert nicht nur Geschwindigkeit und spektakuläre Sprünge, sondern zollt den Athleten Respekt für Körperbeherrschung, Präzision, Konzentration und artistisches Können. Wer direkt an der Strecke steht und sieht, mit welchem Tempo die Fahrer über Treppen, Rampen und engste Passagen jagen, begreift schnell: Ein paar Zentimeter können hier entscheiden.

Natürlich gibt es sportliche Sieger. Alex Marin gewinnt das Stuttgarter Rennen, Roger Vieira sichert sich den Gesamtsieg der Cerro-Abajo-Serie. Bei den Frauen gewinnt Paz Gallo. Johannes „Fischi“ Fischbach landet als bester Deutscher bei den Männern auf Rang sieben.

Auch Leo Neugebauer ist im Publikum

Für Stuttgart ist an diesem Tag aber vielleicht etwas anderes wichtiger als all diese Platzierungen: die Reaktion der Athleten. Diese Männer und Frauen reisen um die Welt, kennen spektakuläre Strecken und enthusiastische Zuschauer. Und dann stehen sie unten am Wilhelmsplatz und schwärmen von Stuttgart. „The best crowd ever.“ 

Auch die deutsche Athletin Nina Hoffmann – sie erreicht einen tollen Platz zwei – schwärmt von der unglaublichen Energie, die von den Zuschauenden entlang der Strecke ausgehe. Irgendwo stehe Leo Neugebauer, der Zehnkampf-Hero, im Publikum, sagt sie, er habe sich bei ihr übers Handy gemeldet. Bestimmt war auch er begeistert. Die Athleten liefern das Spektakel, aber Stuttgart liefert die Atmosphäre. „Wir lieben euch in Stuttgart“, ruft der Moderator, „das ist pure Liebe.“

AUF DIESEM VIDEO SEHT IHR FISCHIS FAHRT:

Zwischendurch macht der Torbogen im Ziel schlapp. Die Athleten helfen beim Aufrichten mit - und das Rennen muss unterbrochen werden. Foto: Klaus Schnaidt
Foto: Klaus Schnaidt
Große Freude im Ziel. Foto: Klaus Schnaidt

Oberbürgermeister Frank Nopper erklärt Stuttgart nach der Siegerehrung kurzerhand auch noch zur Hauptstadt des Downhills. Stuttgart zeigt an diesem Sonntag, was diese Stadt bei großen Sportereignissen kann. Sie kann Gastgeber, sie kann Begeisterung – und vor allem kann sie Publikum.

Ein Fest zur richtigen Zeit

Vielleicht kommt dieser Tag auch deshalb so gut an, weil Stuttgart gerade genügend Probleme hat. Die verschwinden durch ein Fahrradrennen natürlich nicht. Am Montag sind sie noch da. Aber eine Stadt darf sich auch einmal selbst feiern. Und sie darf sich daran erinnern, dass Lebensqualität nicht nur aus Haushaltszahlen, Infrastrukturprojekten und Wirtschaftsdaten besteht. Eine Stadt lebt auch von solchen Tagen – von vollen Straßen, gemeinsamer Begeisterung und dem Gefühl, dass gerade etwas Besonderes passiert.

UND HIER GEHT’S ZUR SIEGEREHRUNG:

Foto: Klaus Schnaidt
Unser Autor Uwe Bogen mit der deutschen Athletin Nina Hoffmann, die auf Platz zwei kommt. Foto: Klaus Schniadt

Dass ein solches Spektakel Stuttgart angesichts leerer Kassen nicht auch noch finanziell überfordert, ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt. Red Bull trägt als Veranstalter und Sponsor einen großen Teil des Aufwands und sorgt mit einem eingespielten Team für die Organisation, die auch angesichts dieses Massenansturm auf die Strecke überwiegend gut funktioniert.

Doch dann gibt es ein Problem: Der mit Luft aufgeblasene Torbogen im Ziel macht schlapp. Die Athleten helfen mit, ihn wieder aufzurichten. Dass bei diesem spektakulären Sport am Ende keine schweren Verletzungen die Schlagzeilen bestimmen, gehört zum Glück des Wochenendes. Im Training und in der Qualifikation kommt es zu vier Stürzen ohne schweren Folgen.

Für manche schmeckt Red Bull wie verflüssigte Gummibärchen

Man muss Red Bull deshalb nicht mögen. Man muss auch den Energy-Drink nicht mögen – für manche schmeckt er schließlich ungefähr so, als hätte jemand eine Tüte Gummibärchen verflüssigt. Aber man kann anerkennen, was an diesem Wochenende mitten in Stuttgart entsteht: ein internationales Sportfest, das Zehntausende begeistert und Bilder einer Stadt liefert, die sich einmal ganz anders präsentiert.

Laut, verrückt, international, begeisterungsfähig – und für ein paar Stunden erstaunlich unbeschwert.

Stuttgart kann feiern. Richtig feiern.

Roger Vieira gewinnt die Serie. Alex Marin gewinnt das Rennen. Doch wenn Weltklasse-Athleten im Ziel stehen, von diesem Publikum schwärmen und dabei immer wieder dieses eine deutsche Wort benutzen, darf sich Stuttgart ruhig selbst auf das Siegerpodest stellen.

„Stuttgart – wie geil ist eure Stadt nur!“

Wir haben es ja schon immer gewusst. 

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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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