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Kommentar zum Rechtsruck

Schockschwerenot – die Nacht, in der Antoine ein deutsches Wort gelernt hat


Uwe Bogen ·7. September 2026 ·4 Min. Lesezeit News

Der Erfolg der AfD macht Angst – bis hinein in Familien und Freundeskreise. Antoine, der französische Freund, schickt nach der Wahl eine WhatsApp mit dem deutschen Wort, das er gerade gelernt hat: „Schockschwerenot“. Bei allem Entsetzen müssen wir aber auch fragen, woher Frust und Rechtsruck kommen, kommentiert Uwe Bogen.

Mein französischer Freund Antoine hat mir kurz nach der Wahl in Sachsen-Anhalt eine WhatsApp geschickt: „Ich habe leider ein neues deutsches Wort gelernt: Schockschwerenot.“

Man benutze dieses Wort in Deutschland bei einem besonders großen Schock, habe er gerade gelesen. Antoine ist geschockt darüber, was in Deutschland passiert. Bei ihm in Frankreich sei der Rassemblement National – früher Front National – schon schlimm genug. Aber dass eines Tages auch in Deutschland eine rechtsextreme Partei eine Wahl gewinnen könnte, erschüttert ihn sehr. Ausgerechnet Deutschland, mit seiner Geschichte. Für Antoine stellt sich sofort die Frage: Hat dieses Land denn nichts aus seiner Vergangenheit gelernt?

Auch für uns ist dieser politische Rechtsruck ein Schock.

Und dahinter steckt Angst. Die Angst, dass sich unser Land grundlegend verändert. Dass der Ton aggressiver wird. Dass sich Menschen mit ausländischen Wurzeln, Geflüchtete oder queere Menschen nicht mehr sicher fühlen können. Und vor allem die Angst, dass dies kein einmaliger Ausschlag ist, sondern ein Trend, der weitergeht.

Die Toten Hosen  wünschen gute Besserung

Nach der Wahl haben die Toten Hosen am Montag gepostet: „Gute Besserung, Sachsen-Anhalt! Werde schnell wieder gesund.“ Die Wahrheit ist: Das gesamte Land ist krank, weil die Altparteien versagt haben.

Wenn sehr viele Menschen das Gefühl haben, dass die etablierten Parteien ihre Lebenswirklichkeit nicht mehr kennen, ihre Probleme nicht lösen und sie nicht mehr repräsentieren, dann sollten wir uns damit auseinandersetzen. Auch dann, wenn uns ihre Wahlentscheidung erschreckt.

Das entschuldigt keinen Rechtsextremismus. Aber wenn wir den Rechtsruck aufhalten wollen, müssen wir verstehen, warum er stattfindet.

Demonstrieren reicht offensichtlich nicht

Hunderttausende sind gegen rechts auf die Straße gegangen. Das war ein starkes Zeichen. Aber offensichtlich hat es nicht gereicht, um den politischen Trend zu drehen.

Vielleicht müssen wir deshalb neben dem wichtigen „Dagegen“ viel stärker über das „Warum“ sprechen.

Warum sind so viele Menschen frustriert? Warum haben manche den Eindruck, für Flüchtlinge oder Bürgergeldempfänger sei Geld da, während sie selbst immer mehr leisten und trotzdem zurückstecken müssen?

Demokratie ist kein Selbstläufer: Pop war immer politisch – jetzt erst recht!

Vor solchen Fragen dürfen wir uns nicht drücken. Denn natürlich gibt es Probleme bei Migration und Integration – alles andere wäre gelogen. Es gibt Menschen, die sich nicht integrieren wollen, es gibt Kriminalität und es gibt Missbrauch von Sozialleistungen. Das offen anzusprechen, macht niemanden zum Ausländerfeind. Im Gegenteil: Probleme zu verschweigen oder kleinzureden überlässt das Feld erst recht den Populisten. Aber die Antwort darauf kann nicht sein, Menschen pauschal nach ihrer Herkunft zu beurteilen.

Und wenn die AfD in immer mehr Bundesländern politische Macht gewinnt, droht die gesellschaftliche Spaltung noch tiefer zu werden.

Nicht jede dieser Wahrnehmungen entspricht den Fakten. Aber Gefühle verschwinden nicht dadurch, dass man den Menschen erklärt, ihre Gefühle seien falsch.

Und genau hier haben Populisten leichtes Spiel. Sie nehmen reale Sorgen, Enttäuschungen und Abstiegsängste – und liefern einfache Schuldige dazu: Ausländer, Flüchtlinge, queere Menschen, „die Eliten“, „die da oben“.

Wenn Politik Freundschaften erreicht

Der Rechtsruck wird auch unser privates Leben verändern. Was passiert, wenn Freunde oder Verwandte, die ihre AfD-Sympathie bisher eher verschwiegen haben, plötzlich offen dazu stehen oder sogar triumphieren? Zerbrechen daran Freundschaften? Oder beschließen wir, über Politik lieber gar nicht mehr zu reden?

Beides wäre bitter.

Reden, auch wenn es wehtut

Menschenfeindlichkeit muss klare Grenzen haben. Aber nicht jeder AfD-Wähler oder jeder AfD-Wählerin ist deshalb ein Mensch, mit dem kein Gespräch mehr möglich ist. Verstehen, woher Frust und Wut kommen, bedeutet nicht, rechtsextreme Positionen zu akzeptieren. Aber wir müssen klar machen: Wenn wahr wird, was große Teile der Rechtspopulisten planen, wird alles noch viel schlimmer für jeden einzelnen von uns. 

Vielleicht entscheidet sich deshalb ein Teil der Zukunft unserer Demokratie tatsächlich am Küchentisch, im Freundeskreis oder unter Kollegen.

Wir dürfen aus Angst vor Streit nicht aufhören, über Politik zu reden. Wir müssen widersprechen, zuhören und auch aushalten, dass wir uns manchmal nicht einigen.

Denn wenn wir nur noch mit Menschen reden, die ohnehin unserer Meinung sind, wird die Spaltung nur noch größer – und mit ihr die Schockschwerenot.

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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Die Toten Hosen  wünschen gute Besserung
  2. Demonstrieren reicht offensichtlich nicht
  3. Wenn Politik Freundschaften erreicht
  4. Reden, auch wenn es wehtut

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