Sexpositiv kehrt ins Proton zurück
Nach dem Hype um sexpositive Partys liegen in Berlin Nacktpartys im Trend. Veranstalter Elmar Jaeger will dieses neue Format nicht nach Stuttgart holen. Bei der nächsten Sanctuary-Nacht am 17. Oktober im Proton setzt er auf Verhüllung, Fantasie und magische Verwandlung. Sex ist dennoch möglich – und die Stadt verdient daran mit.
Der große Hype um sexpositive Partys scheint seinen Höhepunkt überschritten zu haben. Stuttgarts Veranstaltungskalender ist längst nicht mehr voll davon, und auch der Reiz des einst Anrüchigen scheint nachgelassen zu haben. Die Nachfrage nach Sanctuary (übersetzt: Heiligtum, ein Zufluchtsort) sei dennoch groß, sagt Veranstalter Elmar Jaeger im Gespräch mit EchtStuttgart. Am 17. Oktober kehrt die Kinky- und Fetisch-Clubnacht ins Proton an der Stuttgarter Königstraße zurück. Erwartet werden mehrere hundert Gäste zwischen Mitte 20 und Ende 50.
Wer die Clubtür hinter sich lässt, soll zugleich die Gegenwart abstreifen. Sanctuary versetzt seine Gäste gedanklich in die Zukunft, in eine düstere Welt nach dem Zusammenbruch der alten Ordnung. Zwischen elektronischer Musik, fantastischen Gestalten und Performances entsteht für eine Nacht ein fiktiver Zufluchtsort, an dem andere Regeln gelten und Grenzen ausgelotet werden können.
Anders als in einem Swingerclub sei Sanctuary dabei nicht hauptsächlich auf sexuelle Begegnungen ausgerichtet, betont Jaeger. Willkommen ist die menschliche Vielfallt, egal, mit welcher sexuellen Orientierung.
Streit um das Climax: Was in dieser Nacht passierte – und was daraus gemacht wurde
Dass es trotzdem zur Sache gehen kann, hat eine ziemlich nüchterne Konsequenz: Die Veranstalter zahlen Vergnügungssteuer an die Stadt, die immer gern mitkassiert, wenn sich Menschen in einem Club nicht nur beim Tanzen vergnügen, sondern in abgetrennten Bereichen Sex haben.
Dafür gibt es bei der kommenden Ausgabe zwei unterschiedliche Play Areas. „Spielen“ heißt hier: Gäste können einvernehmlich Zärtlichkeiten austauschen und Sex haben. Eine Zone bietet Paaren einen geschützteren Rahmen, die andere ist offener gestaltet. Dort sollen auch Performances stattfinden.
Trotz aller Freiheiten gelten klare Grenzen. So ist Solo-Masturbation in einer lediglich zuschauenden, nicht teilnehmenden Rolle auf der gesamten Veranstaltung ausdrücklich untersagt – die sogenannte „No Wanking“-Regel. Ein Awareness-Team ist während der Nacht vor Ort, achtet auf die Einhaltung der Regeln und ist für die Gäste ansprechbar.
Die räumliche Trennung ist bewusst gewählt: Wer intime Situationen nicht sehen möchte, soll ihnen beim Tanzen nicht unvermittelt begegnen. Wer eine Play Area betritt, entscheidet sich dagegen bewusst dafür.
Möglichst viel nackte Haut ist für Jaeger ohnehin kein Selbstzweck. Lack, Leder oder Body Harness gehören ebenso zum Dresscode wie Rüstungen, Krallen, Elfenohren oder ausgefallene Fantasy-Kostüme. Die Gäste sollen nicht einfach verkleidet erscheinen, sondern zu Figuren dieser fiktiven Zukunft werden. Für ein paar Stunden darf das Alltags-Ich draußen bleiben.
Den aktuellen Berliner Trend zu Nacktpartys will Jaeger deshalb nicht nach Stuttgart holen. Seit rund zehn Jahren engagiert er sich auch für Burlesque. Verhüllen, reizen, enthüllen: Dieses Spiel findet er spannender als vollständige Nacktheit. „Der Weg ist das Ziel“, sagt er.
Ausgerechnet die Bilderwelt solcher Partys wird im Netz zunehmend zum Problem. Nach Jaegers Erfahrung sind Veranstalter auf Instagram wegen zu freizügiger Fotos bereits gesperrt worden, teilweise seien ganze Accounts verschwunden. Einige setzen deshalb inzwischen auf KI-generierte Motive.
Jaeger lehnt das für Sanctuary ab. Schließlich kämen die Menschen gerade wegen des unmittelbaren Erlebnisses – nicht für digitale Ersatzbefriedigung.
Fotos gibt es trotzdem, allerdings nach festen Regeln. Gäste dürfen nicht selbst fotografieren. Ausgewählte Fotografen halten die Nacht fest. Bereits am Eingang bestimmen die Besucher per Farbcode, was mit ihren Aufnahmen geschehen darf: Grün steht für eine mögliche Veröffentlichung, Rot für Bilder, die ausschließlich in einer geschützten Galerie landen.
Vielleicht funktioniert Sanctuary gerade deshalb weiterhin: Die Party versucht nicht, sich mit immer mehr Freizügigkeit zu überbieten. Es geht um Inszenierung, Fantasie und das Spiel mit der eigenen Identität. Was daraus im Laufe der Nacht entsteht, entscheiden die Gäste selbst. Und eigentlich geht uns das auch gar nichts an.
Der leeren Stadtkasse freilich kann es recht sein, wenn im Club nicht nur getanzt wird. Wo Sex möglich ist, fällt Vergnügungssteuer an – und so hat am Ende auch die Stadt etwas von der Lust.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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