Uwe Bogen
Kommentar
Affäre um exklusive Tickets bei der EM 2024: Ein Spiel ohne gleiche Chancen
2. Juli 2026
Steuergeld machte es möglich, dass die Fußball-EM 2024 nach Stuttgart kam. Aber nur wenige aus dem Rathaus profitierten von Tickets zum Vorkaufsrecht, während die meisten leer ausgingen. Nun trifft der Korruptionsverdacht die Stadt. Man hätte die Karten verlosen können, findet Uwe Bogen.
Die Razzia bei in.Stuttgart vom Mittwoch kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Ausgerechnet jene städtische Gesellschaft, die bereits wegen der Korruptionsermittlungen gegen einen ehemaligen Mitarbeiter unter Druck steht, gerät nun erneut in den Fokus der Staatsanwaltschaft. Diesmal geht es um die Vergabe von Tickets für die Fußball-EM 2024. Ob am Ende strafrechtlich etwas hängen bleibt, müssen die Ermittlungen zeigen. Politisch aber ist der Schaden schon jetzt entstanden.
Man sollte die Dinge sauber voneinander trennen. Dass die UEFA den Austragungsstädten Ticketkontingente eingeräumt hat, ist zunächst nachvollziehbar. Die Städte investierten Millionenbeträge in die Europameisterschaft und trugen einen erheblichen Teil der organisatorischen Last. Dass Oberbürgermeister oder einzelne offizielle Repräsentanten Freikarten erhalten, gehört bei solchen Großveranstaltungen zur üblichen Protokollpraxis.
Doch genau dort hätte die Grenze gezogen werden müssen.
Warum ging die breite Bevölkerung leer aus?
Stuttgart erhielt insgesamt 2297 EM-Tickets, darunter 159 Freikarten, wie die Pressestelle bereits 2024 auf eine Anfrage des „Südkuriers“ erklärt hat (EchtStuttgart hat darüber berichtet). Während die Karten für einige wenige Repräsentanten noch begründbar erscheinen mögen, stellt sich bei einem derart großen Kontingent eine ganz andere Frage: Warum hatten ausgerechnet Beschäftigte, Politiker und Repräsentanten im Umfeld des Rathauses Zugang zu begehrten Eintrittskarten, während die breite Bevölkerung leer ausging?
Schließlich stammt das Geld, mit dem Stuttgart die EM mitfinanzierte, nicht aus den Taschen der Stadtverwaltung, sondern von den Steuerzahlern. Wenn die UEFA den Städten als Gegenleistung Karten überlässt, dann gehören diese moralisch nicht einer kleinen Gruppe innerhalb der Verwaltung – sondern der gesamten Stadtgesellschaft.
Drei Austragungsorte verzichteten völlig auf exklusive Karten
Andere Kommunen zeigen, dass es auch anders geht. Einige verlosten ihre Kontingente zumindest unter ihren Beschäftigten. Noch konsequenter handelten Hamburg, Frankfurt am Main und Leipzig: Sie verzichteten ganz auf die Ticketangebote. In Leipzig empfahl sogar der Antikorruptionsbeauftragte ausdrücklich die Ablehnung. Dort erkannte man früh, welches Konfliktpotenzial in solchen Privilegien steckt.
In Stuttgart fehlte diese Sensibilität offensichtlich.
Dabei geht es nicht einmal in erster Linie um Strafrecht. Ob tatsächlich eine unzulässige Vorteilsannahme oder gar Korruption vorliegt, müssen Staatsanwaltschaft und Gerichte klären. Ohne belastbare Beweise verbietet sich jede Vorverurteilung. Der Hinweis, die Tickets seien im Rahmen des Vorkaufsrechts zum regulären Preis verkauft worden, greift dabei zu kurz. Korruptionsexperten weisen darauf hin, dass nicht der Preis entscheidend ist, sondern der exklusive Zugang zu einem knappen Gut. Genau diesen Vorteil hatte die breite Öffentlichkeit nicht. Selbst wenn am Ende keine Straftat festgestellt wird, bleibt deshalb ein politischer Fehler bestehen.
Solche Vorgänge sind Wasser auf die Mühlen der AfD
Denn Vertrauen entsteht nicht nur dadurch, dass Regeln eingehalten werden. Vertrauen entsteht auch durch Fairness und Transparenz.
Gerade in Zeiten, in denen populistische Parteien jede Gelegenheit nutzen, um das Bild einer abgehobenen politischen Elite zu zeichnen, sind solche Vorgänge Wasser auf die Mühlen der AfD. Wenn Bürger monatelang vergeblich versuchen, EM-Tickets zu ergattern und später erfahren, dass im Rathaus hunderte Karten verteilt wurden, bestätigt das bei vielen genau den Eindruck, dass für „die da oben“ andere Regeln gelten.
Umso unverständlicher ist, dass die Stadt bis heute nicht offenlegt, wer die 159 Freikarten erhalten hat. Transparenz hätte von Anfang an geholfen, Misstrauen gar nicht erst entstehen zu lassen.
Der eigentliche Fehler war deshalb nicht, dass Stuttgart Tickets von der UEFA angenommen hat. Der Fehler war ihre Verteilung. Die Stadt hätte die Karten – abgesehen von einem kleinen, klar definierten Protokollkontingent – öffentlich unter allen Stuttgarterinnen und Stuttgartern verlosen müssen. Dann hätten diejenigen, die das Großereignis schließlich mit ihren Steuergeldern ermöglicht haben, wenigstens die gleiche Chance auf ein Ticket gehabt wie jeder Mitarbeiter im Rathaus.
Diese Chance wurde vertan. Nun muss die Justiz klären, ob daraus auch juristische Konsequenzen folgen. Unabhängig davon sollte Stuttgart daraus eine Lehre ziehen: Öffentliche Vorteile gehören transparent verteilt – oder besser gar nicht erst hinter verschlossenen Türen vergeben.
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