Patrick Mikolaj
Kommentar
Die überraschend kleine IDAHOBIT*-Demo: Wenn nicht jetzt protestieren – wann dann?
18. Mai 2026
Nur etwa 300 Menschen sind zur IDAHOBIT*-Demo auf den Schlossplatz gekommen. Angesichts von Rechtsruck und wachsender Queerfeindlichkeit stellt die geringe Beteiligung im Vergleich zum Massenandrang beim CSD unbequeme Fragen an die Community selbst, kommentieren Patrick Mikolaj und Uwe Bogen vom EchtStuttgart-Team. Die Redebeiträge der Kundgebung jedenfalls waren sehr gut.
Ein breites Bündnis verschiedener Initiativen, darunter auch die Macher des Christopher Street Day, hatte dazu aufgerufen, beim IDAHOBIT* 2026 – dem internationalen Protesttag gegen Gewalt und Queerfeindlichkeit – ein starkes Zeichen zu setzen. Gegen Hass. Gegen Hetze. Gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck.
Doch dieses starke Zeichen fiel in Stuttgart erstaunlich klein aus.
Auch EchtStuttgart war vor Ort. Unser Online-Magazin versteht sich als Plattform für Vielfalt, Offenheit und ein buntes Stuttgart. Gerade deshalb hat uns die geringe Beteiligung überrascht. Vielleicht 300 Menschen kamen am Sonntag auf den Schlossplatz. Nicht mehr.
Das ist sehr schade und hat etliche unter den Teilnehmenden enttäuscht.
Umso auffälliger ist die Kontrast zum CSD im Sommer
Denn die Zeiten werden für queere Menschen leider nicht besser. Die AfD erlebt in den Umfragen einen Höhenflug und ist auf Bundesebene momentan die stärkste Partei. Die Situation ist angespannt. Queerfeindliche Aussagen werden immer lauter. Hasskommentare im Netz nehmen zu. Angriffe auf LGBTQIA*-Menschen ebenfalls. Wenn nicht jetzt protestieren – wann dann?
Umso auffälliger wirkt der Kontrast zum CSD im Sommer. Dann ziehen Hunderttausende selbstbewusst und gut gelaunt durch die Innenstadt. Es wird gefeiert, getanzt, demonstriert. Regenbogen überall. Stuttgart überzeugt dann als tolerante und offene Hauptstadt.
Aber beim politischen Protest im Mai bleiben viele offenbar lieber zu Hause.
Ein Demonstrant brachte die Enttäuschung über die eigene Community auf den Punkt: „Das ist schon erbärmlich, dass so wenige da sind.“ Viele würden nur kommen, „wenn Party ist, wenn es Sekt und Häppchen gibt – wie beim CSD“.
Das mag hart formuliert sein. Ganz von der Hand weisen lässt sich die Kritik aber nicht.
Natürlich stimmt auch das Gegenargument: Inhalte sind wichtiger als Zahlen. Die Redebeiträge auf der Kundgebung waren engagiert, politisch und klar. Doch Protest funktioniert nun einmal auch über Sichtbarkeit. Große Demonstrationen erzeugen Druck, Aufmerksamkeit und Bilder, die Politik und Medien nicht ignorieren können. Auch wenn es vor einem Jahr bei der IDAHOBIT* noch weniger Menschen in Stuttgart waren, kann das doch kein Maßstab sein. Aus dem CSD-Vorstandsteam heißt es, endlich habe es „wieder so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl“ gegeben bei der Demo. Kann man wirklich mit 300 Teilnehmenden zufrieden sein angesichts von 28 Prozent AfD in den Umfragen? Wir meinen: Nein!
Gerade deshalb wurde eine Frage am Sonntag auf dem Schlossplatz gestellt: Reicht es aus, nur beim Feiern sichtbar zu sein?
Hinzu kommt ein weiterer Punkt, über den in Stuttgart seit Wochen diskutiert wird: die politische Ausrichtung der Demo. Immer wieder war zu hören, die Veranstaltung sei „zu links“ (wir haben darüber berichtet). Das CSD-Vorstandsteam widerlegte auf Anfrage von EchtStuttgart diese Behauptung für uns überzeugend, in dem es auf das breite Bündnis queerer Vereine und Organisationen hinwies und auf die Bedeutung, gerade jetzt ohne internen Streit zusammenzustehen.
Klare Worte des neuen Sozialministers sorgen für Beifall
Tatsächlich stand mit Oliver Hildenbrand (Grüne) sogar ein Mitglied der neuen Landesregierung am Mikrofon. Allein das zeigt: Die Bewegung ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – und eben nicht bloß ein radikaler Rand.
Der neue Sozialminister sagte:
„Es ist wichtig, dass wir ein Zeichen gegen Hass, Hetze und Gewalt setzen. Für Vielfalt und Freiheit. Unsere Freiheit lassen wir uns nicht nehmen.“
Für diese Worte gab es zu Recht großen Applaus. Und trotzdem blieb das Gefühl, dass innerhalb der Community derzeit etwas ins Rutschen geraten ist.
Besonders auffällig war nämlich auch, wer fehlte: Laura Halding-Hoppenheit, Stuttgarts wohl bekannteste queere Aktivistin und Club-Legende, war nicht gekommen. Gegenüber EchtStuttgart sagte sie, „dass ein Riss durch die Community in Stuttgart geht“.
Ein schwerwiegender Satz.
Als Grund nannte sie, dass man bei dieser Demonstration einst schwulen Polizisten keinen Auftritt auf der Bühne gewähren wollte, dass die Community also selbst ausgrenze. Auf dem Schlossplatz war am Sonntag indes von „gekränkten Egos“ die Rede, die man überwinden müsse. Gerade jetzt, so hörte man immer wieder, brauche es Zusammenhalt statt Abgrenzung.
Diskussionen über politische Ausrichtung, Aktivismus, Sprache oder Bündnisse werden zunehmend härter geführt – auch innerhalb der Community selbst. Andere wollen lieber feiern, als sich an diesen Diskussionen zu beteiligen. Die geringe Teilnehmerzahl könnte deshalb nicht nur Ausdruck allgemeiner Demonstrationsmüdigkeit sein.
Trotzdem hat sich am Sonntag gezeigt: Gerade in einer Zeit, in der queerfeindliche Positionen lauter werden und die AfD immer stärker wird, ist ein sichtbares Zeichen für den Erhalt der Menschenrechte umso wichtiger. Vielfalt lebt nicht nur von Feiern, sondern vor allem von Solidarität und Sichtbarkeit. Und Solidarität zeigt sich besonders dann, wenn es unbequem wird.
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