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17 Tage lang wird Stuttgart zum Dorf – zum Weindorf mit allerlei philosophischen Weinsprüchen. Einer davon behauptet sogar: Menschen, die Wein trinken, seien schöner. Ist da was dran? Und worauf können wir uns sonst noch freuen? Eine Glosse zum Weindorf-Start am Donnerstag.
Wer behauptet, Stuttgart sei ein Dorf, hat für 17 Tage recht. Denn so lange wird die City zwischen Marktplatz und Planie zum Weindorf. Neuerdings ist der Slogan mit Wine & Dine englisch, aber französischer Champagner bleibt verpönt.
Am Donnerstag wird das Stuttgarter Weindorf im Innenhof des Alten Schlosses eröffnet. OB Frank Nopper und Innenminister Manuel Hagel werden beim Einmarsch der Wirte und dem Auftritt der Kesselkehlchen (EchtStuttgart-Leserinnen und Leser wissen Bescheid) das Wort ergreifen. Die Redenschreiber der Herren Politiker suchen seit Tagen eifrig im Netz nach den besten Weinsprüchen. Mit dieser Glosse wollen wir ihnen ein wenig helfen und einige Beispiele nennen.
Die Lauben sind weitgehend aufgebaut, die ersten Tische stehen bereit. Und in der der Stadtlaube der Familien Grupp, Weller und Diehl auf dem Marktplatz habe ich ein Schild mit folgender Aufschrift entdeckt: „Menschen, die Wein trinken, sehen schöner aus.“
Habe wenig später gleich mal in den Spiegel geschaut und befürchte: In letzter Zeit gab’s bei mir zu viel Wasser und zu wenig Wein.
Der Spruch von den schönen Weintrinkern stammt von Hugh Johnson, dem britischen Weinautor. Gemeint ist das natürlich nicht im Sinne eines alkoholischen Schönheitsfilters. Johnsons Gedanke ist viel charmanter: Wer etwas getrunken hat, entspannt sich, wird lockerer, weniger verkrampft – und sieht deshalb einfach besser aus.
Der Rostbraten für 85 Euro kehrt auf das Weindorf zurück – in einer viel größeren Laube
Wobei man kein Weindorf braucht, um festhalten zu können: Ein bisschen Alkohol kann die Wahrnehmung verändern. Menschen, die man nüchtern bestenfalls für mittelmäßig attraktiv hält, gewinnen nach dem zweiten Glas Grauburgunder plötzlich erstaunlich an Ausstrahlung. Das ist dann vielleicht weniger Hugh Johnson als die Macht des Alkohols.
Überhaupt ist Wein ein erstaunlich produktiver Lieferant für Lebensweisheiten. „In vino veritas“ – im Wein liegt die Wahrheit. Wobei man sich auf dem Weindorf fragen darf, ob die Wahrheit nach dem dritten Glas tatsächlich noch zuverlässig zu erkennen ist. Es heißt ja, dass junge Leute immer weniger Alkohol trinken. Welche Wirkung erzielt bei ihnen der alkoholfreie Sekt?
„Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein“ gehört zum Standardrepertoire. Ebenso: „Ein Tag ohne Wein ist wie ein Tag ohne Sonne.“ Oder: „Der beste Wein ist der, den wir mit Freunden trinken.“
Und wer es etwas origineller mag: „Wein ist die Antwort. Die Frage ist egal.“.
Zum 50. Geburtstag gönnt sich das Weindorf wieder 17 Tage. Wie schon im vergangenen Jahr. Früher wurde mittwochs eröffnet, inzwischen ist der Donnerstag der Starttag. Das hat einen Vorteil: Bei 17 Tagen gibt es drei Samstage – und die laufen erfahrungsgemäß am besten. Der letzte Tag ist der Samstag, 5. September.
Das Stuttgarter Weindorf bekommt zum 50. Geburtstag einen englischen Slogan
Das Weindorf ist Treffpunkt, Gastlichkeit, Lifestyle und Wiedersehen alter Freunde. Es ist eine Liebeserklärung an Stuttgart – und eine, bei der Zurückhaltung eher nicht vorgesehen ist. Wer hier nur schnell ein Glas trinken möchte, sollte vorsichtig sein: Irgendjemand kommt immer vorbei, den man seit Monaten nicht gesehen hat und eigentlich auch gar nicht sehen will. Aber dann wird’s doch lustig.
Aus dem einen Glas werden zwei, aus zwei Stunden werden vier, und plötzlich ist der Abend vorbei.
Natürlich wird auch in diesem Jahr wieder über die Preise geredet werden. Manche finden, das Weindorf könne sich nicht mehr jeder leisten. Das gehört inzwischen fast genauso zum Fest wie Riesling, Maultaschen und Zwiebelrostbraten. Billig war das Weindorf nie, und ein Abend dort kann durchaus ins Geld gehen. Aber man muss ja nicht gleich die halbe Karte durchprobieren. Manchmal reicht ein schöner Platz in der engen Laube.
Und genau dort könnte es in diesem Jahr besonders gemütlich werden.
Wenn der Spätsommer nach all der qualvollen Sommerhitze etwas kühler ausfällt, rücken die Menschen in den Lauben eben ein bisschen näher zusammen. Es wird enger – aber eben auch kuscheliger.
Das ist vielleicht die schönste Seite des Weindorfs: Man sitzt nicht allein. Man sitzt zusammen. Man redet länger, als man eigentlich wollte. Man trifft alte Bekannte und findet neue. Und irgendwann ist es völlig egal, ob draußen der Mond zuschaut oder ein kühler Wind durch die Innenstadt zieht.
17 Tage lang darf Stuttgart also wieder Dorf sein.
Mit Lauben statt Ladenpassagen, mit einem Lebensgefühl, das sagt: Setz dich doch noch ein bisschen zu uns.
Und wenn die halbe Stadt nun in den nächsten 17 Tagen Wein trinkt, bekommen der OB und der Innenminister optische Konkurrenz: Wenn wir Hugh Johnson glauben, wird es in Stuttgart noch mehr Menschen geben, die völlig unerwartet schön aussehen – womöglich sogar schöner als die Herren Nopper und Hagel. Und die Hässlichen trinken nur Wasser? Wir schauen genau hin! Wir wollen es wissen!
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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