Uwe Bogen

Tierschützer fordern Aufklärung

Stadt rechtfertigt Tötung von Nilgänsen – Peta spricht von „schalem Beigeschmack“

29. Mai 2026

Die Stadt verteidigt die Tötung von Nilgänsen durch den Tiernotdienst. Das Elterntier sei schwer verletzt gewesen, die Küken hätten allein nicht überlebt. Peta verlangt gegenüber EchtStuttgart weitere Aufklärung aus dem Rathaus und spricht von einem „schalen Beigeschmack“.  

Die Nilgans ist mit ihren Kükenm 19. Mai im Leonhardsviertel umhergeirrt. Foto: Ruggiero

Die Tötung mehrerer Nilgänse durch den Tiernotdienst der Stadt Stuttgart sorgt weiter für Diskussionen. Nachdem Augenzeugen unserem Magazin EchtStuttgart berichtet haben, Einsatzkräfte hätten erklärt, eingefangene Nilgänse dürften grundsätzlich nicht mehr freigelassen werden und würden deshalb getötet, weist die Stadt diese Darstellung nun zurück – und schildert einen anderen Ablauf des Einsatzes, der unter anderem von der Tierhilfe Süden kritiisert wurde (wir haben darüber berichtet).

Wie Rathaus-Sprecher Harald Knitter auf unsere bereits am vergangenen Freitag  gestellte Anfrage nun mitteilt, ereignete sich der Vorfall bereits am Dienstag der vergangenen Woche im Bereich der Katharinenstraße. Ein Bürger habe die Funkleitzentrale des Städtischen Vollzugsdienstes alarmiert, weil sich Nilgänse mit Küken im Straßenraum befanden.

Stadt: Gefahren für den Straßenverkehr

Laut Stadtverwaltung sei die Situation vor Ort eskaliert, weil mehrere Privatpersonen eigenmächtig in den fließenden Verkehr eingegriffen hätten, um die Tiere zu retten. Menschen hätten versucht, Fahrbahnen abzusperren und die Gänse umzusetzen. Dadurch seien erhebliche Gefahren für Verkehrsteilnehmer und die Helfer selbst entstanden.

Die Stadt betont, dass Mitarbeitende des Städtischen Vollzugsdienstes auch Aufgaben des Tiernotdienstes übernehmen. Dabei handle es sich nicht um Polizeibeamte, sondern um Angestellte der Stadtverwaltung. Da sie aber auch Uniformen tragen, können sie von der Bevölkerung nicht immer unterschieden werden. Das Polizeipräsidium hatte bereits gegenüber EchtStuttgat erklärt, seine Beamten seien an dem Einsatz nicht beteiligt gewesen. 

Stadt: Tier musste „von seinem Leid erlöst werden“

Nach Darstellung  von Sprecher Harald Knitter flog eines der beiden Elterntiere während des Einsatzes davon. Das zweite Tier habe eingefangen werden können, sei jedoch „so erheblich verletzt“ gewesen, dass es aus Tierschutzgründen habe eingeschläfert werden müssen. Die verbliebenen Jungtiere seien ohne ihre Eltern in diesem Alter nicht überlebensfähig gewesen und deshalb ebenfalls euthanasiert worden.

Die Stadt widerspricht ausdrücklich der Darstellung, wonach die Tiere allein wegen ihres Status als invasive Art getötet worden seien. Die anonym zitierte Aussage eines Einsatzmitarbeiters könne „wegen der anderen Sachlage“ nicht im Zusammenhang mit diesem Einsatz gefallen sein.

Gleichzeitig verweist die Stadt jedoch auf die geltende Rechtslage: Die Nilgans gilt  „als invasive gebietsfremde Art“. Grundlage sei  die EU-Verordnung 1143/2014, die Haltung, Freisetzung und Verbreitung solcher Arten einschränkt. Ergänzend greife in Baden-Württemberg das Jagd- und Wildtiermanagementgesetz. Danach dürften invasive Wildtiere nicht „gehegt“ werden, heißt es in der Erklärung der Stadt. Eingefangene Tiere dürften deshalb grundsätzlich nicht wieder freigesetzt werden. Das „tierschutzgerechte Töten“ sei daher „eine reale Option“.

Der Tübinger OB Palmer (zu erkennen am Schatten) hat vor einiger Zeit diese "Kotspur" am Eckensee in Stuttgart fotografiert.

War die Nilgans tatsächlich verletzt, wie von der Stadt behauptet? 

Kritik kommt dennoch von der Tierrechtsorganisation Peta. Peter Höffken, Fachreferent Wildtiere und Jagd bei Peta, erklärt gegenüber EchtStuttgart, die Darstellung der Stadt hinterlasse „einen schalen Beigeschmack“. Hintergrund sei, dass die Stadt Stuttgart bereits im April angekündigt hatte, die Nilgans-Population zu reduzieren. Auch Tötungen gehörten zum Maßnahmenkatalog.

War die Nilgans tatsächlich verletzt, wie von der Stadt behauptet? „Sowohl das Foto als auch der Bericht der Tierschützerin, die den Tiernotdienst um Hilfe gerufen hatte, geben keinen Hinweis darauf“, sagt Höffken mit Blick auf die von der Stadt geschilderte erhebliche Verletzung des Tieres. Denkbar sei, dass die Nilgans beim Einfangen verletzt worden sei. „Hier muss die Stadt sich erklären.“, fordert der Peta-Jagdexperte im Gespräch mit unserem Magazin..

Peta: „Äußerungen von OB Nopper schüren Vorurteile“

Besonders kritisch sieht Peta zudem Äußerungen von Oberbürgermeister Frank Nopper, der zuletzt von einer „Nilgans-Invasion“ und „großen Schäden“ gesprochen hatte. Solche Formulierungen würden Vorurteile schüren und einen „quälerischen Umgang“ mit den Tieren fördern.

Nach Ansicht der Tierschützer gehe es letztlich vor allem um die Hinterlassenschaften der Gänse auf Grünflächen (der Tübinger OB Boris Palmer hatte ein Foto einer Kotspur am Eckensee gepostet). Der Dreck rechtfertige jedoch keine Tötungen. Peta argumentiert, dass Rasenflächen mit speziellen Reinigungsmaschinen gesäubert werden könnten. „Der Dreck, den die Gänse hinterlassen, ist nur ein winziger Bruchteil des Mülls, den Menschen in Stuttgart in der Öffentlichkeit hinterlassen“, sagt Höffken.

Die Debatte zeigt, wie emotional das Thema inzwischen geführt wird. Während die Stadt auf Sicherheitsfragen, Tierschutzrecht und europäische Vorgaben verweist, kritisieren Tierschützer den Umgang mit den Tieren und die Wortwahl der Stadtspitze.  Peta sieht nun die Stadt gefordert, Beweise zu liefern, dass die eingefangene Nilgans tatsächlich verletzt war.

Gefahr für die heimischen Enten

Experten sind sich darüber einig: Nilgänse stellen eine Gefahr für heimische Enten dar. Auch der Naturschutzbund (Nabu) fordert,  Maßnahmen zu ergreifen, um die  Population der Nilgänse zu begrenzen – dafür gebe es aber viele andere Mittel als die Tötung. Ganz wichtig sei es, Nilgänse nicht zu füttern. Hohe Gräser würden die Tiere vertreiben.  Man müsse außerdem, wie etwa bei den Tauben, die Eier der Nilgänse austauschen. 

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