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Nach Volksfestumzug in Stuttgart

Tierschützer zeigen den Volksfestverein wegen mutmaßlicher Verstöße an – aber nicht den OB


Uwe Bogen 4 Min. Lesezeit News

Nach dem Cannstatter Volksfestumzug haben Tierschützer den Volksfestverein wegen mutmaßlicher Tierschutzverstöße angezeigt. Vereinschef Wulf Wager weist die Vorwürfe zurück und begrüßt eine Prüfung durch das Veterinäramt. Gegen OB Frank Nopper gehen die Aktivisten hingegen nicht juristisch vor.

Gehören Schweine auf den Volksfestumzug? Tierschützer haben die Diskussion darüber eröffnet. Foto: Kollektiv Tierbefreiung

Der Cannstatter Volksfestumzug vom vergangenen Sonntag sorgt weiter für Diskussionen. Nachdem der Protest von Tierschutzaktivisten und das Eingreifen von Oberbürgermeister Frank Nopper bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt hatten, richtet sich der Blick nun auf den Umgang mit den Tieren selbst.

Das Kollektiv Tierbefreiung Stuttgart hat nach eigenen Angaben am Donnerstag beim Veterinäramt Stuttgart Anzeige gegen den Cannstatter Volksfestverein e.V. erstattet. Als Grund nennt die Gruppe „massive Tierschutzverstöße beim Cannstatter Volksfestumzug“.

Der Cannstatter Volksfestverein weist die Vorwürfe angeblicher massiver Tierschutzverstöße beim Volksfestumzug auf Anfrage von EchtStuttgart zurück. „Die Tiere werden von erfahrenen Haltern betreut und sorgfältig auf ihre Teilnahme vorbereitet“, sagt Vorsitzender Wulf Wager. Ein Tierarzt sei vor, während und nach dem Umzug vor Ort.

Volksfestverein begrüßt Prüfung durch das Veterinäramt

 „Wir nehmen das Wohl der Tiere sehr ernst“, erklärt Wager, „gerade deshalb verwahren wir uns dagegen, aus einzelnen Bildern ohne fachliche Einordnung pauschal Tierleid abzuleiten.“  Der Verein begrüßt eine sachliche Prüfung durch das Veterinäramt und werde dabei umfassend mit den Behörden zusammenarbeiten.

Die Teilnahme von Tieren sei  zugleich Teil der mehr als 200-jährigen Geschichte des Cannstatter Volksfestes und seiner landwirtschaftlichen Wurzeln. „Unser Festzug ist keine Tierschau um der Tierschau willen“, betont Wager. „Er erzählt die Geschichte unseres Landes und seiner Landwirtschaft.“

„Tierwohl und Tradition gehören für uns zusammen“, so Wulf Wager. „Wir wollen unsere Geschichte lebendig vermitteln – und zugleich verantwortungsvoll mit den Tieren umgehen.“

Schweine mit Holzbesen angetrieben

Besonders schwere Vorwürfe erhebt das Kollektiv wegen eines sogenannten Schweinetriebs. Nach Angaben der Aktivisten wurden rund 20 Schweine durch die Straßen getrieben und dabei mit Holzbesen angetrieben. Das Kollektiv wirft Beteiligten vor, einzelne Tiere seien dabei auch im Bereich des Kopfes getroffen worden.

Video zeigt: OB Frank Nopper entreißt Tierschützern ein Protest-Transparent

Bereits unmittelbar nach dem Umzug hatte die Gruppe kritisiert, die Schweine würden zum Weiterlaufen gedrängt. Ob dabei tatsächlich gegen tierschutzrechtliche Vorschriften verstoßen wurde, muss nun gegebenenfalls die zuständige Behörde beurteilen.

Auch die Kritik am Einsatz der Schweine teilt Wager nicht. Bei ihnen handele es sich nicht um Wildtiere, deren öffentliche Zurschaustellung nach den Vorgaben des Stuttgarter Gemeinderats unzulässig ist, sondern um Nutztiere. Die Schweine seien es gewohnt, sich im Freien zu bewegen, und von Natur aus neugierige Tiere. Sie seien auch nicht geschlagen worden, man habe sie getrieben, so Wager. 

Die Aktivisten sehen außerdem ein Problem beim Seuchenschutz. Auf ihren Videoaufnahmen sei zu sehen, dass Besucher und auch Kinder Kontakt zu den Schweinen hatten.

Dabei verweist das Kollektiv auf die Afrikanische Schweinepest (ASP). Tatsächlich kann das Virus nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts nicht nur durch direkten Tierkontakt, sondern auch indirekt verbreitet werden – etwa über kontaminierte Gegenstände sowie über Speiseabfälle und Schweinefleischerzeugnisse. Das Virus gilt als ausgesprochen widerstandsfähig. Das FLI warnt insbesondere vor der unsachgemäßen Entsorgung von Speiseabfällen als möglicher Infektionsquelle.

Ob beim Cannstatter Volksfestumzug konkret eine ASP-Gefahr bestand, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Das Kollektiv kritisiert grundsätzlich, dass Schweine aus einem landwirtschaftlichen Bestand in einer solchen öffentlichen Umgebung zusätzlichen Kontakten ausgesetzt würden.

HIER GEHT’S ZU DEM VIDEO DER TIERSCHUTZAKTIVISTEN:

Kritik auch am Umgang mit Pferden

Die Anzeige beziehungsweise Beschwerde beim Veterinäramt richtet sich nach Darstellung der Tierschützer nicht allein gegen den Umgang mit den Schweinen. Das Kollektiv kritisiert auch den Einsatz von Pferden, Eseln, Kühen und Ziegen inmitten des dicht besuchten und lauten Umzugs.

Auf Videoaufnahmen seien nervöse Tiere zu erkennen. Außerdem kritisiert die Gruppe den Umgang mit den Zügeln beziehungsweise Gebissen der Tiere.

Besonders empört sind die Aktivisten über ein Pferd, dessen Reiter zwei Trommeln mitführte und auf dem Pferderücken trommelte.

„Pferde sind Fluchttiere. Ihnen laute Trommeln auf dem Körper, in der Nähe ihrer Ohren zu befestigen, ist grausam“, sagt Emilia Schüler, Pressesprecherin des Kollektivs Tierbefreiung Stuttgart.

Dass diese Praxis auch andernorts kritisch gesehen wird, zeigt ein Blick nach Nordrhein-Westfalen: Nach einem Kutschenunfall beim Kölner Rosenmontagszug verschärfte das dortige Festkomitee bereits 2019 seine Regeln. Sogenannte „Pauken-Pferde“, bei denen auf dem Rücken des Pferdes getrommelt wird, wurden für den Rosenmontagszug verboten.

Keine Strafanzeige gegen Nopper

Bemerkenswert ist, gegen wen die Tierschützer nun doch keine Anzeige gestellt haben: Oberbürgermeister Frank Nopper. Darüber hatten die Aktivisten seit Sonntag nachgedacht, weil er ihnen das Banner entrissen und dabei einen Aktivisten leicht verletzt habe.

EchtStuttgart hatte über den Zwischenfall beim Volksfestumzug als erstes Medium bereits am Sonntag berichtet – alle anderen griffen den Fall erst am Montag auf. 

Nopper verteidigte sein Eingreifen: Nach Darstellung der Stadt habe die Aktion die Gefahr mit sich gebracht, dass Pferde scheuen und Menschen verletzt werden könnten.

„Noch mehr als die aggressive Reaktion des Bürgermeisters auf friedlichen Protest hat uns das unfassbar deutliche Tierleid schockiert“, sagt Emilia Schüler. „Wir fordern Konsequenzen für künftige Volksfestumzüge und die verantwortlichen Personen.“

Forderung nach einem generellen Tierschauverbot

Für das Kollektiv ist die Anzeige Teil einer größeren Kampagne. Die Aktivisten fordern von der Stadt Stuttgart ein generelles Verbot von Tierschauen auf städtischen Flächen beziehungsweise bei entsprechenden Veranstaltungen.

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Ein kommunales Verbot für Zirkusse mit bestimmten Wildtieren gibt es bereits. Der Gemeinderat hatte beschlossen, die zuvor bestehende Ausnahme für den Cannstatter Wasen zum 1. April 2019 auslaufen zu lassen. Damit wurde das bereits auf anderen städtischen Flächen geltende Stuttgarter Modell auf den Wasen ausgeweitet.

Das Kollektiv will nun einen Schritt weitergehen und auch den Einsatz domestizierter Tiere zu Unterhaltungs- und Schauzwecken grundsätzlich zum Thema machen.

Rückenwind sehen die Aktivisten durch die Entwicklung beim Weltweihnachtscircus. Dessen Gründer Henk van der Meijden kündigte Anfang 2026 an, künftig vollständig auf Tiere im Programm zu verzichten. Damit endete auch die lange Tradition der Pferdedarbietungen beim Stuttgarter Weihnachtscircus.

 

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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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  1. Volksfestverein begrüßt Prüfung durch das Veterinäramt
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  4. Kritik auch am Umgang mit Pferden
  5. Keine Strafanzeige gegen Nopper
  6. Forderung nach einem generellen Tierschauverbot

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