Die Uwe-Bogen-Kolumne
Riesengroß, mondän und auffallend trist: Ein Krüger-Dirndl-Plakat an der B10 sorgt für Gesprächsstoff. Alle reden darüber – Werbezweck erfüllt. Doch als Botschafter für ein fröhlichs, lebenslustiges Volksfest überzeugt das Motiv kaum, findet Uwe Bogen
Man muss dieses Plakat nicht mögen. Aber eines muss man ihm lassen: Man übersieht es nicht.
An der B10 wirbt Krüger Dirndl derzeit haushoch im XXL-Format. Die Farben sind stark, die Inszenierung mondän, fast wie aus einem internationalen Modemagazin. Nur die Gesichter der beiden Models wollen so gar nicht zu dem passen, was wir hierzulande mit Tracht und Volksfest verbinden.
Die Kommunikationstrainerin und Sprecherzieherin Ariane Willikonsky hat das Motiv auf Facebook kritisiert – und bekommt dafür viel Zuspruch. Sie empfindet die Stimmung als bedrückend und fragt sich, was sich Krüger oder der Fotograf bei dieser Inszenierung gedacht haben.
Besonders ins Auge fällt das weibliche Model. Sie trägt ein figurbetontes Kleid in einem tiefen Dunkelrot beziehungsweise Bordeaux. Eine eigentlich warme, sinnliche Farbe – doch ihr ernster, beinahe trauriger Blick setzt dazu einen auffälligen Kontrast.
Statt Lebensfreude und Vorfreude aufs Volksfest vermittelt das Motiv Kühle und Distanz.
Hinzu kommt die körperliche Inszenierung: Das Model wirkt auf dem XXL-Plakat extrem schlank, auf manche Betrachter sogar abgemagert. Auch das erinnert an ein Schönheitsideal aus Teilen der internationalen High-Fashion-Welt. Als sinnlich oder sexy dürfte eine derart extreme Ästhetik allerdings nur eine vergleichsweise kleine Zielgruppe empfinden.
Tatsächlich kennt man diese Art der Inszenierung längst aus der Modewelt: kühl, distanziert, bloß nicht lächeln. Was bei Vogue, Luxusmarken und auf dem Laufsteg als mondän gilt, landet nun offenbar auch beim Dirndl.
Cannstatter Wasen
Das kann durchaus Absicht sein. Tracht soll schließlich längst nicht mehr nur nach Tradition und Festzelt aussehen, sondern modisch, hochwertig und international.
Nur stellt sich bei diesem Motiv ein grundsätzlicher Widerspruch ein: Passt diese demonstrative Tristesse ausgerechnet zum Wasen?
Krüger kommt aus Wernau, also vom Land. Und Tracht ist hier eben nicht nur Fashion. Sie steht auch für Volksfest, Freunde, Musik, Feiern, Flirten und Ausgelassenheit – kurz: für ziemlich viel Lebensfreude.
Davon erzählt dieses Riesenplakat erstaunlich wenig.
Statt Vorfreude aufs Fest vermittelt es vor allem modische Distanz. Ob die Models tatsächlich so dreinschauen oder das Motiv in der Nachbearbeitung – womöglich auch mit KI – zusätzlich auf diesen Look getrimmt wurde, lässt sich anhand des Plakats natürlich nicht beurteilen.
Eines allerdings hat die Kampagne zweifellos geschafft: Die Leute schauen hin. Sie diskutieren. Sie sprechen über Krüger.
Insofern ist ein wesentlicher Werbezweck erfüllt. Ein Motiv, an dem Tausende vorbeifahren, das auffällt und anschließend sogar in den sozialen Medien diskutiert wird, hat Aufmerksamkeit erzeugt.
Doch Aufmerksamkeit allein macht noch keine gute Werbung.
Werbung kann auch nach hinten losgehen, wenn zwar alle über die Kampagne sprechen, das Bild aber Gefühle auslöst, die kaum zu dem passen, wofür das beworbene Produkt eigentlich stehen soll.
Wasen-Warm-up bei Angermaier: Länger, edler – und bloß keine Turnschuh
Gerade beim Dirndl verkauft man schließlich nicht nur Stoff, Schnitt und Farbe. Man verkauft auch ein Lebensgefühl. Und zumindest hier in Stuttgart gehört dazu unweigerlich die Vorstellung von Wasen, Feiern und Geselligkeit.
Als Botschafter für ein fröhliches, ausgelassenes und lebenslustiges Volksfest überzeugen uns diese beiden Models deshalb nicht.
Vielleicht müsste man die beiden einfach einmal selbst auf den Wasen schicken – mitten hinein ins Festzelt, zwischen Musik, Freunden und ausgelassener Stimmung.
Wer weiß: Womöglich schauen sie danach ganz anders drein.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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