Uwe Bogen
Meinung
Happy Pride, Stuttgart!
25. Juli 2026
Stuttgart streitet über Bahnhöfe, Baustellen und Bäume. Beim CSD prägen fröhliche Gesichter das Stadtbild. Zehntausende zeigen: Vielfalt ist echt Stuttgart – eine Botschaft, die angesichts erstarkender rechtsextremer Kräfte wichtiger ist denn je.
Was Stuttgart alles kann! Jahrzehntelang über den Bahnhof streiten. Sich wegen der ständig neuen Verzögerungen und höheren Kosten bei Stuttgart 21 in Rage reden. Über Radwege, Verkehr, Parkplätze, Wohnraum und Stadtentwicklung leidenschaftlich diskutieren. Darüber, ob das Wittwer-Gebäude am Schlossplatz abgerissen werden soll und gleich die Schleyerhalle mit dazu. Wir ärgern uns über zu wenig Bäume in der Innenstadt und fragen uns, ob man in der Autostadt überhaupt noch Auto fahren kann, wenn überall Umleitungsschilder, Baustellen und Warnbaken stehen.
Unsere Stadt hat viele Meinungen – manchmal so viele, dass man den Eindruck bekommen könnte, Stuttgart sei sich bei fast nichts einig. Der Kessel diskutiert, ringt und streitet. Das kann anstrengend sein, gehört aber auch zu einer lebendigen Stadt.
Und dann kommt der Samstag.
Dann wird die Stadt bunt. Sehr bunt. Zehntausende Menschen werden beim Christopher Street Day durch Stuttgart ziehen, feiern, tanzen, lachen und zeigen: Diese Stadt hat viele Gesichter – und genau das ist ihre Stärke. Happy Pride!
Vielfalt macht Stuttgart attraktiver
Vielleicht ist der CSD gerade deshalb so wichtig für Stuttgart. Weil er zeigt, dass es trotz aller Diskussionen und Gegensätze einen Punkt gibt, bei dem viele Menschen zusammenfinden: Jeder Mensch soll sein dürfen, wie er ist. Liebe ist bei allen Geschlechterkombinationen willkommen. Happy Pride!
Eine Stadt lebt nicht nur von ihren Gebäuden, Straßen und Plätzen, am wenigsten von ihren Vorurteilen. Sie lebt von den Menschen. Von den unterschiedlichen Geschichten, Ideen und Lebensentwürfen. Von denen, die schon immer hier waren, und denen, die neu dazukommen. Vielfalt macht Stuttgart nicht weniger Stuttgart – sie macht Stuttgart lebenswerter. Happy Pride!
Ein Logo verändert noch keine Unternehmenskultur
Natürlich gehört zur Pride auch die Diskussion um das sogenannte Pinkwashing. Wenn im Juli plötzlich überall Regenbogenfarben auftauchen, fragen manche zurecht, wie ernst es Unternehmen oder auch Parteien mit ihrem Engagement tatsächlich meinen. Ein buntes Logo allein verändert noch keine Unternehmenskultur. Haltung zeigt sich nicht nur auf einem Banner, sondern im Alltag.
Aber man darf auch die andere Seite sehen: Würden all diese Firmen, Institutionen und Gruppen nicht mitlaufen, wäre der CSD nicht das, was er heute ist. Die Größe, die Sichtbarkeit und die Kraft dieser Demonstration entstehen auch dadurch, dass ganz unterschiedliche Menschen und Organisationen gemeinsam auf der Straße stehen. Und genau dieses Bild wirkt: eine Stadt, in der viele verschiedene Stimmen gemeinsam laut werden.
Wir streiten, sind uns aber in einem Punkt einig
Vielleicht ist das die schönste Botschaft des CSD: Stuttgart muss nicht in allem einer Meinung sein. Das wäre vermutlich auch ziemlich untypisch für uns. Aber Stuttgart ist sich in einem Punkt weitgehend einig (ausgenommen die AfD): Wir lassen nicht zu, dass die in vielen Jahren erkämpften Rechte der queeren Community eingeschränkt werden. Wir nehmen die Gefahr von rechts ernst und zeigen: Wir sind mehr!
Am Samstag wird gefeiert – mit Glitzer, Musik, Regenbogenfarben und ganz viel Lebensfreude. Und vielleicht nimmt die Stadt danach ein kleines Stück dieser Stimmung mit in den Alltag: etwas mehr Offenheit, etwas mehr Neugier und die Erkenntnis, dass Vielfalt kein Trend ist, sondern längst Teil von Stuttgart.
Also: Happy Pride, Stuttgart. Macht euch bunt – und macht es das ganze Jahr so!
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