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Nachruf

Stuttgart verliert einen seiner Macher: Zum Tod von Heiko Grelle


Uwe Bogen ·24. August 2026 ·6 Min. Lesezeit News

Clubmacher, Gastronom, Surfer, Stelp-Beirat, Unternehmer – vor allem aber Freund und Familienmensch: Heiko Grelle hat Stuttgart über Jahrzehnte geprägt. Nun ist er im Alter von 62 Jahren gestorben. Die Stadt verliert einen ihrer großen Ideengeber. Die Gastroszene ist geschockt.

Heiko Grelle ist im Alter von 62 Jahren gestorben. Foto: privat

Es gibt Menschen, die eine Stadt prägen, ohne sich selbst ständig in den Mittelpunkt zu stellen. Heiko Grelle war so einer. Sein Name stand für die Schräglage, für Gastronomie, erst bei den Stuttgarter Kickers, dann beim VfB, für soziales Engagement im Beirat von Stelp und für Future 4 Kids. Wer ihn kannte, erzählt vor allem von einem Menschen, der Menschen mochte – und der sie zusammenbringen konnte.

Heiko Grelle ist im Alter von 62 Jahren gestorben. Die Gastro-Szene der Stadt ist geschockt. „Heiko war ein großer Supporter bei Stelp, der coolste junggebliebene Unternehmer, den ich kannte“, sagt Timo Hildebrand, der frühere VfB-Torwart und Chef des veganen Restaurants vhy!, dessen Gesellschafter Grelle war. „Er hatte immer ein offenes Ohr, hilfsbereit, ein toller Vater.“ Vor fünf Jahren hatten die beiden das vhy! eröffnet. In dieser Zeit sei aus einer Geschäftspartnerschaft Freundschaft entstanden.“ 

„Ein kreativer Kopf, der Gastronomie zeitgemäß ausgerichtet hat“

Jochen Alber, der Geschäftsführer des Dehoga, sagt: “ Ich habe ihn als kreativen Kopf erlebt, dem es darum ging, Gastronomie zeitgemäß und nach den Interessen der Gäste ausgerichtet zu gestalten.“ Während der Pandemie habe es mit ihm einen „sehr engen Austausch“ gegeben, als es darum gegangen sei, wie man unter erschwerten Bedingungen möglichst sicher feiern könne. „Wir haben uns intensiv über Modellversuche ausgetauscht, mit denen man die Politik überzeugen wollte, den Clubbetrieb unter Coronabedingungen zuzulassen.“

 Hinter dem umtriebigen Unternehmer und Gastronomen stand ein Familienmensch, ein Freund und ein Mann, der in der Stuttgarter Szene über viele Jahre nicht nur gut vernetzt, sondern vor allem beliebt war. Vor wenigen Wochen war Grelle Gast im Stuttgarter Gastro-Podcast. Ob man ihn ein Urgestein nennen könne, wurde er gefragt. Sein Antwort: „Ja, ein sexy Urgestein.“

Vom Windsurfer zum Stuttgarter Gastronomen

Seine Geschichte begann nicht hinter einer Bar. Der gebürtige Herrenberger studierte BWL in Tübingen und war erfolgreicher Windsurfer. Aus dem Sport führte ihn sein Weg in die Boardsport-, Mode- und Streetwear-Welt. Grelle vertrieb internationale Marken und bewegte sich schon damals in einer Welt, in der Sport, Musik, Mode und Lebensgefühl zusammengehörten.

Diese Mischung sollte später auch seine gastronomischen Projekte bestimmen.

2006, im Jahr des Sommermärchens,  eröffnete er mit seinen Mitstreitern die Schräglage gegenüber von Breuninger in einem Gebäude, das abgerissen werden sollte. Sie entstand nicht aufgrund einer ausgeklügelten Marktanalyse. Grelle beschrieb sie später als „Herzensding“. Man wollte einen Laden schaffen, in den man selbst gerne ging – mit den eigenen Freunden und mit der Musik, die man selbst hören wollte.

Aus dieser Idee wurde eine Institution.

Die Schräglage wurde ein Stück Stuttgart

Wer in Stuttgart Hip-Hop liebte und feiern ging, kam an der Schräglage kaum vorbei. Über zwei Jahrzehnte gehörte der Club, auch noch dem Umzug in die Hirschstraße, zum Nachtleben der Stadt. Junge wie Ältere haben dort Nächte verbracht, getanzt, geflirtet, Freunde gefunden und Erinnerungen gesammelt.

Dabei blieb es längst nicht bei einem Club.

Grelle und sein Team bauten die Schräglage zu einem Unternehmen aus, dessen Spuren an vielen Stellen der Stadt und der Region zu finden waren: Gastronomie und Catering bei den Stuttgarter Kickers, die Gastronomie der Spielbank Stuttgart mit  New Grace, das Clubrestaurant des VfB Stuttgart und zahlreiche Events.

Auch an Projekten wie Süßholz und vhy! war Grelle als Gesellschafter beteiligt. Mit Fridas Pier entstand ein weiterer besonderer Ort des Stuttgarter Nachtlebens. Er bezeichnete sich als „Gastrounternehmer“, der durch Zufall in das Gastgewerbe hineingerutscht war, weil eines das andere ergab.

Erst vor wenigen Wochen war Heiko Grelle Gast beim Stuttgarter Gastro-Podcast.

Geschäftspartner wurden Freunde

Vielleicht lag eine von Grelles besonderen Fähigkeiten darin, Menschen für eine Idee zu begeistern.

In einer Branche, in der Konkurrenz zum Geschäft gehört, entstanden unter seiner Beteiligung immer wieder Kooperationen. Menschen, die eigentlich Wettbewerber waren, machten plötzlich gemeinsame Sache.

Bei Grelle lagen Geschäft, Freundschaft und gemeinsames Machen oft nah beieinander.

Das passte zu seinem Verständnis von Gastronomie. Ein guter Ort war für ihn offenbar nicht allein einer, an dem gutes Essen serviert oder gute Musik gespielt wurde. Entscheidend waren die Menschen darin.

Er mochte Gemeinschaft.

Das zeigte sich auch im Sport. Grelle schwärmte von Orten, an denen Anfänger und Profis selbstverständlich miteinander Sport machten, Familien zusammenkamen und man anschließend noch zusammensaß. Selbst ehemaliger Leistungssportler, blieb er zeitlebens sportbegeistert: Windsurfen, Fußball und später Golf gehörten zu seinem Leben.

„Was ist ein Anzug?“

Und bei allem unternehmerischen Erfolg scheint sich Grelle eine gewisse Lässigkeit bewahrt zu haben.

Ein alter Fragebogen der Stuttgarter Kickers enthält eine wunderbar passende kleine Antwort.

Gefragt: „Anzug oder Jeans und T-Shirt?“

Heiko Grelle: „Was ist ein Anzug?“

Auch bei der Wahl zwischen Restaurant und Club konnte er sich nicht endgültig entscheiden. Restaurant, weil er gutes Essen und gute Gespräche liebte. Danach aber Club – denn irgendwann, so seine Haltung, müsse man schließlich aufhören zu reden und feiern.

Es sind solche kleinen Sätze, in denen plötzlich ein Mensch sichtbar wird.

Gerade erst hatte er die Schräglage geschlossen

Dass Heiko Grelle nun gestorben ist, wirkt auch deshalb so unwirklich, weil gerade erst ein anderes großes Kapitel seines Lebens zu Ende gegangen war.

Ende Juni schloss die Schräglage nach 20 Jahren.

Er sah, dass sich Stuttgart und das Nachtleben verändert hatten. Das Ausgehen seiner Generation, dieses spontane, wilde und, wie er selbst es nannte, „verruchte, dirty Ausgehen“, gebe es so nicht mehr.

Nach 20 Jahren war für ihn die Zeit gekommen, die Tür der Schräglage zu schließen.

Dass Stuttgart nun, nur kurze Zeit später, von Heiko Grelle selbst Abschied nehmen muss, gibt diesem letzten Kapitel eine traurige Bedeutung, die damals niemand erahnen konnte.

Hinter dem Macher stand der liebevolle Familienmensch

Wer einen Menschen wie Heiko Grelle nur anhand seiner beruflichen Stationen beschreibt, wird ihm nicht gerecht.

Denn das Entscheidende lässt sich nicht in einer Liste von Clubs, Restaurants und Beteiligungen erzählen.

Da war der Freund. Der Weggefährte. Der Sportler. Der Mann, mit dem man essen, feiern und offenbar ziemlich gut diskutieren konnte.

Und da war der Familienvater.

Bei aller Öffentlichkeit, die  Gastronomie zwangsläufig mit sich bringt, war seine Familie der private Teil eines Lebens, der nicht auf eine Bühne gehört. Gerade jetzt gehört dieser Familie deshalb vor allem eines: Respekt und Mitgefühl. Und vor allem Ruhe ohne Spekulaitionen.

Was von Heiko Grelle bleibt

Heiko Grelle hat etwas geschaffen, was in den Köpfen intensiv zurückbleibt. Abende. Nächte. Begegnungen. Freundschaften. Erinnerungen.

Tausende Menschen haben in seinen Clubs getanzt, in seinen Restaurants gegessen, auf seinen Veranstaltungen gefeiert oder im Stadion ein Bier getrunken. Manche wussten vermutlich nicht einmal, wer der Mann hinter diesen Orten war.

Aber genau darin liegt vielleicht das schönste Vermächtnis eines Gastgebers: Menschen hatten eine gute Zeit, weil jemand einen Ort dafür geschaffen hatte.

Heiko Grelle war Clubmacher und Gastronom, Sportler und sozial engagierter Unternehmer mit einem großen Herzen.

Vor allem aber war er einer dieser Menschen, die Stuttgart lebendiger gemacht haben.

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Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. „Ein kreativer Kopf, der Gastronomie zeitgemäß ausgerichtet hat“
  2. Vom Windsurfer zum Stuttgarter Gastronomen
  3. Die Schräglage wurde ein Stück Stuttgart
  4. Geschäftspartner wurden Freunde
  5. „Was ist ein Anzug?“
  6. Gerade erst hatte er die Schräglage geschlossen
  7. Hinter dem Macher stand der liebevolle Familienmensch
  8. Was von Heiko Grelle bleibt

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