Weinberg-Ritt mit Tempo 60:
Mit Tempo 60 durch die Weinberge: Downhill-Star Johannes Fischbach sorgt vor dem Stuttgart-Finale der Mountainbike-Weltelite für Wirbel. Winzer Thomas Diehl nennt die Aktion „völlig unverantwortlich“. Ist das schlechte Werbung für den Sport? Red Bull äußert sich nun auf Anfrage von EchtStuttgart dazu.
Johannes „Fischi“ Fischbach soll am 6. September einer der großen Local Heroes beim Red Bull Cerro Abajo im Finale in Stuttgart werden. Doch kurz vor dem spektakulären Downhill-Rennen vom Teehaus bis zum Wilhelmsplatz sorgt ausgerechnet der deutsche Mountainbike-Star für heftige Diskussionen. Ist er mit seiner Schussfahrt durch die Weinberge, im Video festgehalten und gepostet, ein gutes Vorbild für junge Fahrer? Sein Text zu seinem Post: „Bei fast 60 km/h habe ich nicht erkennen können, ob es Rot- oder Weißwein war.“
Gegenüber EchtStuttgart hat sich Red Bull am Mittwochabend zu der hitzigen Diskussion auf Social Media erklärt. Der Videodreh sei eine Privataktion von Fischbach gewesen:.“Wir stehen mit ihm als Starter bei Red Bull Cerro Abajo natürlich im Austausch, aber er ist kein Red Bull Athlet – er hätte ansonsten einen Red Bull Helm getragen.“ Johannes Fischbach sei ein erfolgreicher MTB-Downhill Athlet aus Deutschland, erfolgreich insbesondere bei der globalen Serie Red Bull Cerro Abajo. Deshalb sagen die Veranstalter, sie seien froh, dass er in Stuttgart am Start ist.
Kritik an Fischbachs riskantem Weinberg-Ritt übt Red Bull öffentlich nicht, zollt aber auch kein Lob dafür. Gleichzeitig wird darauf verwiesen, dass der kritisierte Fahrer in der Instagram-Story klargestellt habe, dass er vor dem Start die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen vorgenommen habe – aber leider werde die Story nach 24 Stunden gelöscht.
Der Grund für die Aufregung ist ein Video, das Fischbach bei einer rasanten Fahrt durch einen Weinberg der Region zeigt. Mit hohem Tempo geht es über schmale Wege bergab. Spektakuläre Bilder – aber auch Bilder, die eine Frage aufwerfen: Ist das gute Werbung für den Mountainbike-Sport und das bevorstehende Rennen in Stuttgart? Bisher war die Vorfreude auf diesen spektakulären Wettbewerb sehr groß, der auf einen abgesperrten Kurs in den Kessel zeigen soll, was die Besten der Welt mit atemberaubender Technik drauf haben.
Deutliche Kritik am Alleingang ausgerechnet des Zugpferds des Rennens kommt aus der Weinbranche. „Was Johannes Fischbach gemacht hat, ist völlig unverantwortlich“, sagt Thomas Diehl, Chef des Weinguts Diehl. Gerade jetzt beginne die Weinlese. Winzer seien mit Maschinen und Traktoren in den Weinbergen unterwegs.
„Da kann jederzeit unten ein Traktor kommen“, warnt Diehl.
Für ihn und viele Kritiker liegt genau darin das Problem: Weinberge sind keine abgesperrten Rennstrecken. Es sind private Grundstücke. Dort arbeiten Menschen, landwirtschaftliche Fahrzeuge sind unterwegs, ebenso Spaziergänger und andere Radfahrer.
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Auch im Netz gehen die Meinungen weit auseinander. Während Fans Fischbach für seine Fahrtechnik und seinen Mut feiern, werfen ihm andere Verantwortungslosigkeit vor.
Besonders häufig geht es um seine Vorbildfunktion. Durch das bevorstehende Rennen stehe Fischbach schließlich auch bei jungen Mountainbike-Fans im Fokus.
„Auch von Menschen deines Kalibers kann man Weitblick erwarten, auch wenn der Helm deinen Blick einschränkt“, heißt es in einem Kommentar.
Andere fragen, was passiert wäre, wenn plötzlich ein Traktor, ein Auto oder eine Familie auf dem Weg aufgetaucht wäre.
Allerdings gibt es auch Unterstützung. Einige Fans gehen davon aus, dass Fischbach die Strecke vorher kontrolliert und die Fahrt abgesprochen hatte. Ein Winzer aus Franken schrieb sogar, er hätte kein Problem damit, wenn der Mountainbike-Star durch seine Weinberge „ballert“.
In seiner Story mag Fischbach erklärt haben, keiner solle so eine Fahrt nachmachen und er habe vorher die Strecke kotrolliert, doch diese Erklärung fehlt beim direkt geteilten Video. Wer nur den Clip sieht, erfährt deshalb nicht, unter welchen Bedingungen die Fahrt stattgefunden hat.
EchtStuttgart hat auch Fischbach angeschrieben und ihn gebeten, sich zu der Kritik zu äußern – bisher hat er unsere Anfrage nicht beantwortet.
Besonders brisant ist die Diskussion wegen des Timings. Fischbach gehört zu den prominentesten Gesichtern des Red Bull Cerro Abajo in Stuttgart.
Am 6. September und auch schon am 5. September beim Training rasen 35 internationale Topfahrer auf einer eigens gesicherten Strecke 1,2 Kilometer vom Teehaus im Weißenburgpark bis zum Wilhelmsplatz. Start-Drop, Brückensprung, Road Gaps, Rampen und Stäffele sollen für spektakuläre Bilder sorgen.
Der entscheidende Unterschied zur Fahrt durch die Weinberge: Beim Cerro Abajo handelt es sich um einen organisierten und gesicherten Wettkampf.
Für Fischbach wird Stuttgart zum Heimspiel. Gemeinsam mit Downhill-Star Tomáš Slavík, Sportbürgermeister Clemens Maier und Fahrradbotschafter Jonas Marwein hatte er den Kurs bereits unter die Lupe genommen. Eine Zacke wurde in den Farben des Rennens bemalt.
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Gerade deshalb bekommt seine Weinberg-Fahrt jetzt so viel Aufmerksamkeit. Wer als Profi im Rampenlicht steht, wird für seinen Mut und sein Können gefeiert – muss sich aber auch Fragen nach seiner Vorbildfunktion gefallen lassen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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