Neuer House-Club in Stuttgart
Mit unserer Kolumne über das neue Logo des früheren Perkins Park hat EchtStuttgart eine hitzige Debatte ausgelöst. Viele erkennen darin nicht einmal die Buchstaben. Wir haben mit Florian Boyd von der Agentur Hochburg über die heftige Kritik gesprochen – und darüber, was hinter dem ungewöhnlichen Entwurf steckt.
Kurt Weidemann, die große deutsche Gestalter-Legende, die viele Jahre in Stuttgart lebte, hatte eine ziemlich einfache Vorstellung davon, was ein gutes Logo ausmacht: Es müsse so beschaffen sein, dass man es mit dem Fuß in den Sand zeichnen könne.
Nun ja.
Beim neuen Logo des ehemaligen Perkins Park könnte das selbst barfuß und mit sehr viel Zeit am Strand schwierig werden.
Doch vielleicht liegt genau darin der Konflikt, der sich gerade rund um das neue Erscheinungsbild des traditionsreichen Stuttgarter Clubs entzündet. Die Zeiten haben sich geändert. Und mit ihnen offenbar die Regeln des Designs.
Eine neue Generation von Gestaltern ist am Werk. Eine, die ein Logo nicht unbedingt als Absender versteht, den jeder innerhalb einer Sekunde lesen können muss. Sondern als Zeichen, das irritieren darf. Das sich seine Bedeutung womöglich erst verdienen muss.
Unsere Kolumne über das neue PARK-Logo hat wohl einen Nerv getroffen. Die Reaktionen sind zahlreich – und teilweise vernichtend.
Neues Logo von The Park: Zack, zack – und weg ist der Perkins
„AEK?“, fragte ein Leser beim ersten Blick auf das Zeichen. Ein anderer erkannte darin eher „DARK“. oder „PANK“. „Nicht einprägsam, schlecht lesbar“, lautete ein Urteil. Ein Leser fühlt sich an „eines der schlechteren Logos von 1990er-Techno-Flyern“ erinnert. Ein anderer formulierte seine Kritik noch drastischer: „Grafiker der Hölle!“
Und dann war da noch jene Vermutung, der eigentliche Grafiker müsse wohl gerade im Urlaub sein und werde nach seiner Rückkehr überrascht feststellen, was die Aushilfskraft in seiner Abwesenheit kreiert habe.
Man kann sagen: Das Logo kommt nicht bei jedem gut an.
Man kann aber auch sagen: Es kommt an – weil alle reden darüber, auch wenn sie’s nicht lesen können.
Nein, der Grafiker ist nicht im Urlaub. Wir haben mit Florian Boyd gesprochen, dem Miteigentümer der renommierten und hochgelobten Stuttgarter Agentur Hochburg Design, die das neue Zeichen entwickelt hat.
Boyd erklärt, das Logo sei keineswegs als isolierte grafische Spielerei entstanden. Vielmehr habe es sich sehr konsequent aus den ersten Strategie- und Briefinggesprächen mit Betreiber Dennis Gugac entwickelt. Gemeinsam habe man darüber gesprochen, wohin sich der Club bewegen solle. Man habe sich internationale Clubs und Marken in diesem Umfeld angesehen und sich vor allem mit einer Frage beschäftigt: Wie deutlich soll der Neustart auch visuell zu spüren sein?
Die Antwort der Gestalter fällt also eindeutig aus.
„Für uns war deshalb relativ schnell klar, dass wir keine klassische, maximal lesbare Wortmarke entwickeln wollen“, sagt Boyd gegenüber EchtStuttgart..
Das ist ein interessanter Satz. Denn er trifft ziemlich genau den Punkt, an dem sich die Geister scheiden.
Zäsur im Stuttgarter Nachtleben: Ade, Perkins Park – Welcome, The Park!
Für die Kritiker ist die schlechte Lesbarkeit der Beweis dafür, dass das Logo nicht funktioniert. Für seine Gestalter ist maximale Lesbarkeit gar nicht das Ziel.
„Bei einer Clubmarke ist Lesbarkeit eine Funktion unter mehreren“, sagt Boyd. Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit seien mindestens genauso wichtig. Entscheidend sei außerdem die Fähigkeit eines Zeichens, sich im Laufe der Zeit „mit dem Club aufzuladen“.
Mit anderen Worten: Man soll das Zeichen irgendwann sehen und nicht mehr überlegen müssen, ob dort PARK, DARK oder AEK steht. Man soll einfach wissen: Das ist der PARK.
So wie bei vielen Marken irgendwann das Symbol allein genügt.
Und was ist mit dem Moment, den derzeit offensichtlich sehr viele Menschen erleben? Man schaut auf das Logo. Schaut noch einmal. Dreht es im Geiste vielleicht ein wenig hin und her – und fragt sich: Was steht da eigentlich?
Auch das, sagt Boyd, sei nicht unbedingt ein Unfall.
„Dass man beim ersten Blick kurz hängen bleibt, ist also durchaus Teil der Idee.“
Ob daraus langfristig tatsächlich ein starkes Markenzeichen entsteht, will allerdings auch der Gestalter selbst nicht vorwegnehmen.
Das ist zumindest erfrischend weit entfernt von jener Designprosa, in der jedes Dreieck für Dynamik, jede Rundung für Gemeinschaft und jeder Zwischenraum für die Zukunft der Menschheit steht.
Boyd sagt im Grunde: Wir haben uns etwas dabei gedacht. Aber ob es funktioniert, entscheidet nicht die Präsentation der Agentur, sondern die Zeit.
Ob ihn die heftige Kritik an seiner Arbeit nicht juckt. Seine Antwort: „Klar juckt einen Kritik, alles andere wäre gelogen.“ Aber genau darin liege auch ein Teil des Berufsverständnisses seiner Generation: „Wir sind Gestalter. Wir probieren aus und wir challengen den Status quo.“
Dass dabei nicht jede Entscheidung jedem gefalle, gehöre dazu.
Und dann sagt Boyd einen Satz, der die ganze Debatte vielleicht besser zusammenfasst als jede Verteidigungsrede:
„Ob wir alles richtig gemacht haben … das wird sich zeigen.“
Auch Betreiber Dennis Gugac verteidigt den neuen Auftritt nicht als bloße Geschmacksfrage. Für ihn hängt das Logo unmittelbar mit der Neuausrichtung des Clubs zusammen.
Das neue Konzept richte sich gezielt an eine junge Zielgruppe, die sich für internationale Top-Acts aus der House-Szene interessiere, sagt Gugac gegenüber EchtStuttgart. Genau diese Menschen wolle man künftig stärker erreichen. Ein ungewöhnliches, eigenständiges Logo passe deshalb besser zum neuen PARK als ein konventioneller Schriftzug.
Und damit wird die Debatte größer als die Frage, ob vier Buchstaben hübsch aussehen.
Denn natürlich steckt hinter dem Logo auch die eigentliche Frage, die viele alte Perkins-Park-Gänger umtreibt: Was wird aus ihrem Club?
Ein Leser bringt sein Unbehagen so auf den Punkt: Erst komme der „riskante und nicht unbedingt nötige Strategiewechsel“ und jetzt auch noch das „verkopfte Logo“. Seine Ankündigung lautet „Ich beobachte Euch!“
Vielleicht ist die ehrlichste Kritik aber diese:
„Ich kann nur sagen: Ich bin zu alt für so einen Scheiß. So was gewollt Originelles schreckt mich ab. Design muss für mich klar und sofort verständlich sein.“
Wenn ein Club bewusst eine neue, jüngere, international orientierte House-Zielgruppe ansprechen möchte, muss sein Erscheinungsbild womöglich gerade nicht jedem gefallen, der mit einer anderen Vorstellung von Clubkultur und Gestaltung groß geworden ist.
Das macht das Logo nicht automatisch gut.
Aber es macht die Sache interessanter.
Kurt Weidemann hätte mit seinem Fuß im Sand vermutlich trotzdem seine Schwierigkeiten damit gehabt. Seine berühmte Forderung nach Einfachheit stammt aus einer Designwelt, in der ein Zeichen vor allem schnell erfassbar, reproduzierbar und unverwechselbar sein sollte.
Die neue Generation fügt offenbar noch etwas hinzu: Ein Zeichen darf ein Rätsel sein. Zumindest am Anfang.
Ob aus diesem Rätsel einmal eine Ikone wird oder doch nur ein Logo, bei dem Stuttgart noch in drei Jahren „AEK?“ fragt, wissen auch seine Erfinder nicht.
Aber ein wesentliches Ziel jeder Kampagne ist bereits erreicht.
Man spricht darüber. Man schimpft. Und man weiß nun, wofür es steht.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
Alle Artikel von Uwe Bogen →
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.