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Neustart für das Kulturschiff: Ein Stuttgarter Traum könnte auf dem Neckar wahr werden


Uwe Bogen ·9. September 2026 ·6 Min. Lesezeit News

Seit 2012 kämpft Rainer Guist für seinen Traum vom Kulturschiff auf dem Neckar. Rückschläge und Corona warfen das innovative Projekt immer wieder zurück – doch der Fluss-Fan blieb hartnäckig dran. Jetzt gibt es neue Hoffnung: Das außergewöhnliche Vorhaben nimmt wieder Kurs auf den Cannstatter Wasen.

Michael Gottschalk vom Climax Institues (kleines Foto links) und Rainer Guist, der frühere Vorsitzende des Clubs Kollektivs Stuttgart, wollen ihren Traum vom Kulturschiff am Neckar endlich realisieren. Fotos: Guist/Bogen

Wer Rainer Guist über das Kulturschiff sprechen hört, merkt schnell: Hier geht es um weit mehr als ein Geschäftsmodell. Seine Augen leuchten, wenn er von Musik und Gastronomie, von Kultur und langen Nächten am Wasser erzählt. Von einem Ort, an dem Menschen essen, feiern, Konzerte erleben oder einfach die besondere Verbindung aus Luft, Wasser und Natur genießen können – eine Atmosphäre, die der Seele guttut.

Seit 2012 treibt ihn diese Idee an. Mehr als ein Jahrzehnt voller Gespräche, Planungen, Genehmigungsverfahren und Rückschläge liegt inzwischen hinter ihm. Andere hätten das Projekt womöglich längst aufgegeben.

Guist nicht. Das Kulturschiff ist sein Lebensprojekt, sein Herzensprojekt. Und der neue Anlauf ist weiter gediehen, als man nach der langen Vorgeschichte vermuten könnte: Die Genehmigungen liegen vor, die Anlegestelle ist gesichert und der Umbau des ehemaligen Frachtschiffs geht in die entscheidende Phase.

Stuttgart und sein Fluss – da geht doch mehr

Die Ausgangsfrage hinter dem Projekt ist auch nach all den Jahren erstaunlich aktuell: Warum macht Stuttgart so wenig aus seinem Neckar?

Andere Städte haben ihre Flüsse längst als Teil des urbanen Lebens entdeckt. In Stuttgart dagegen ist der Neckar für viele Menschen noch immer eher Verkehrsweg und Industriegebiet als ein Ort zum Verweilen.

Rainer Guist will das ändern – zumindest an einem kleinen, aber markanten Stück des Flusses. Gemeinsam mit seinem Kooperationspartner Michael Gottschalk vom Climax Institutes möchte er an der Anlegestelle beim Cannstatter Wasen einen Ort schaffen, den es in dieser Form in Stuttgart bisher nicht gibt. Mit Fridas Pier, Theaterschiff und Neckar-Käpt’n gibt es bereits  Angebote auf dem Fluss. Doch Guist und Gottschalk wollen noch einen Schritt weitergehen und mehrere Welten an einem Ort zusammenbringen.

Das Kulturschiff soll Tagesgastronomie, Konzertlocation und Club miteinander verbinden. Die Übergänge sollen fließend sein: tagsüber entspannt am Neckar sitzen, essen und trinken, am Abend ein Konzert erleben und später vielleicht in die Nacht hineintanzen. Auch Veranstaltungen und Firmenfeiern sind geplant.

Die Idee entstand aus der Clubszene

Guists Geschichte ist eng mit dem Stuttgarter Nachtleben verbunden. Der Cannstatter  war DJ und Veranstalter und lange Vorsitzender des Club Kollektivs Stuttgart. Er kennt damit auch eine der schwierigsten Seiten der Kultur- und Clubszene: Wer einen eigenen Ort aufbauen will, ist abhängig von Immobilienbesitzern und steigenden Mieten.

Davon wollte er sich unabhängig machen.

Warum also nicht aufs Wasser gehen?

Im Inneren ist der Umbau fast abgeschlossen. Foto: Guist
Das Schiff bietet genügend Platz für mehrere Nutzungsmöglichkeiten. Foto: Guist

Im Oktober 2012 entstand unter drei Nachwuchs-DJs die Idee, einen eigenen Ort für Gastronomie, Musik und Veranstaltungen zu schaffen. Die personelle Konstellation änderte sich über die Jahre. Die Grundidee blieb.

Was folgte, waren unzählige Gespräche mit Behörden und Politik. Denn ein Veranstaltungsschiff lässt sich nicht einfach irgendwo am Neckarufer festmachen und eröffnen. Die genehmigungsrechtlichen Fragen waren komplex. Trotzdem erlebte Rainer Guist nach eigener Darstellung viel Zustimmung. Beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, im Bezirksbeirat Bad Cannstatt und bei der Stadt wurden über die Jahre Gespräche geführt. 2017 nahm das Projekt konkretere Formen an.

Irgendwann schien der Traum tatsächlich zum Greifen nah.

Dann kam Corona

2020 waren Rainer Guist und seine Mitstreiter fast am Ziel.

Dann kam die Pandemie.

Ausgerechnet ein Projekt, das von Gastronomie, Veranstaltungen, Begegnungen, Konzerten und Nachtleben lebt, wurde von einer Krise getroffen, die all das über lange Zeit unmöglich machte.

Das Kulturschiff kam nicht. Guist hielt trotzdem an seiner Idee fest.

Heute ist ein entscheidender Teil des Projekts bereits vorhanden: das Schiff selbst. Es handelt sich um ein ehemaliges Frachtschiff aus dem Jahr 1955, bei dessen Bau besonderes Eisenholz verwendet wurde. Das Schiff liegt derzeit am Main und ist nach Angaben der Betreiber bereits zu rund 80 Prozent umgebaut.

Auch die vorgesehene Anlegestelle am Neckar beim Cannstatter Wasen ist für das Vorhaben gesichert.

Jetzt fehlen rund 1,1 Millionen Euro

Doch die letzten Meter sind teuer. Letztendlich  fehlten rund 1,1 Millionen Euro.

Um das Projekt auf eine solide finanzielle Grundlage zu stellen und ihm eine langfristige Perspektive zu geben, hat sich Rainer Guist bewusst für den Weg einer gerichtlichen Sanierung über ein geordnetes Insolvenzverfahren entschieden. Zusammen mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter, Dr. Norman Häring, Tiefenbacher Rechtsanwälte wollen nun Geschäftsführer und Gesellschafter mit dem Kulturschiff weiterhin einen außergewöhnlichen Veranstaltungs- und Kulturort  schaffen, von dem  Stuttgart profitieren soll. Gerade die Mischung macht für sie den Reiz aus: Ein Kaffee am Nachmittag und elektronische Musik in der Nacht müssen sich nicht ausschließen. Ein Firmenfest und ein Konzert können auf demselben Schiff stattfinden.

Steht die Finanzierung, könnte es schnell gehen. Nach Einschätzung der Initiatoren wäre eine Eröffnung etwa sechs Monate später möglich.

Michael Gottschalk vom Climax Institutes (links) und Rainer Guist vor der Neckar-Anlegestelle am Cannstatter Wasen, die ihnen für das Kulturschiff bereits zugesichert wurde. Foto: Uwe Bogen
Foto: Guist

Ein Stück Stadt, das bisher kaum genutzt wird

Ein wichtiger Teil der Idee ist die besondere Lage. Am Cannstatter Wasen treffen scheinbare Gegensätze aufeinander. Die Innenstadt ist nicht weit entfernt, das Gelände ist gut erreichbar – und trotzdem gibt es direkt am Neckar Abschnitte, die erstaunlich ruhig wirken.

Während Gastronomen und Clubs in zentralen Lagen mit hohen Immobilienpreisen kämpfen, sahen die Kulturschiff-Macher hier die Chance, einen bislang wenig genutzten Ort neu zu beleben.

Das passt zu einer Diskussion, die Stuttgart seit Jahren begleitet: Die Stadt hat einen Fluss – aber an vielen Stellen fühlt sie sich nicht wie eine Stadt am Fluss an.

Das Kulturschiff allein wird das nicht ändern. Aber es könnte ein weiteres Stück Neckar ins Stadtleben holen.

Ein Traum mit erstaunlich langem Atem

„Gut Ding will Weile haben“ – dieser Satz begleitet das Projekt schon lange. Für ein Vorhaben, dessen Ursprünge im Jahr 2012 liegen, ist das mittlerweile fast eine Untertreibung.

Aus der Idee dreier DJs ist ein Projekt geworden, das zahlreiche Hindernisse und sogar eine Pandemie überstanden hat. Guists Begeisterung scheint darunter kaum gelitten zu haben.

Vielleicht ist das die bemerkenswerteste Geschichte hinter dem Kulturschiff: nicht allein die Idee, Gastronomie, Konzerte und Clubnächte auf einem alten Frachtschiff zu vereinen. Sondern die Hartnäckigkeit, mit der Guist nach all den Jahren noch immer daran festhält.

Nun fehlt vor allem die Finanzierung für die letzte Etappe.

Guist und Gottschalk setzen nun auf die Vorteile einer gerichtlichen Sanierung, um aus dem lang gehegten Traum endlich einen neuen Ort für Stuttgart zu schaffen – direkt auf dem Neckar.

Kontakt:

Auf zu neuen Ufern GmbH, info@daskulturschiff.de

Dr. Norman Häring, haering@tiefenbacher.de

Der Umbau läuft. Foto: Guist
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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Stuttgart und sein Fluss – da geht doch mehr
  2. Die Idee entstand aus der Clubszene
  3. Dann kam Corona
  4. Jetzt fehlen rund 1,1 Millionen Euro
  5. Ein Stück Stadt, das bisher kaum genutzt wird
  6. Ein Traum mit erstaunlich langem Atem
  7. Kontakt:

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